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13.09.2012

15:40 Uhr

Fusion von EADS und BAE

Europa sagt US-Rüstungsriesen den Kampf an

US-Konzerne dominieren das globale Rüstungsgeschäft. Noch. Mit dem geplanten Zusammenschluss der deutsch-französischen EADS und der britischen BAE würden sich die Gewichte verschieben - wenn die Fusion die Hürden nimmt.

DüsseldorfEs ist nicht irgendein Zusammenschluss, es wäre eine der größten Veränderungen in der Luftfahrt- und Rüstungsbranche in den vergangenen Jahren - und er hätte das Zeug, die gesamte Industrie auf den Kopf zu stellen. Der europäische Luftfahrt- und Rüstungskonzern EADS und sein britischer Wettbewerber BAE Systems wollen gemeinsam ein europäisches Unternehmen der Superlative schaffen: EADS kommt auf einen Umsatz von gut 50 Milliarden Euro, BAE Systems wirft rund 25 Milliarden Euro in die Waagschale. Mit insgesamt gut 230.000 Beschäftigten und einer Produktpalette, die vom Kampfjet über Airbus-Flugzeuge bis zu Weltraumraketen reicht, wäre das neue Unternehmen mit Abstand der Marktführer im weltweiten Geschäft mit Luft- und Raumfahrt. Der bisherige Marktführer Boeing wäre deutlich überrundet.

Und mit der Fusion greifen die Europäer besonders im Riesengeschäft mit der Rüstung die US-Konkurrenz an. Nirgendwo wird die Bedeutung dieser Sparte so deutlich wie in den USA, der Nation mit dem größten Militärbudget. In diesem Haushaltsjahr liegt es bei 530,6 Milliarden Dollar (411 Milliarden Euro). Kein Wunder, dass in den Vereinigten Staaten auch die bislang weltgrößten Rüstungskonzerne beheimatet sind. Knapp die Hälfte der Firmen auf der Top-100-Rüstungsliste des Friedensforschungsinstituts Sipri stammen aus dem Land.

Gegen wen EADS und BAE antreten

Umkämpfter Markt

Die Politik spielt immer eine große Rolle bei Rüstungsfirmen, schließlich ist sie nicht zuletzt der wichtigste Kunde. Das spiegelt sich auch in der Konkurrenzsituation der Konzerne wieder. Ein Überblick.

Boeing

Der Erzrivale von EADS und dessen Tochterfirma Airbus, momentan vor allem bei Verkehrsflugzeugen mit über 100 Sitzplätzen. Die beiden Konzerne sind führend auf dem Weltmarkt. Verkaufsschlager sind die Mittelstreckenflieger der Baureihen A320 und B737. Airbus hatte in den vergangenen Jahren die Nase vorn, doch Boeing konnte den Konkurrenten im ersten Halbjahr bei den Auslieferungen überholen.

Boeing

Boeing liefert gleichzeitig so etwas wie die Blaupause für die geplante Fusion der Europäer. Der Konzern hatte 1997 den heimischen Wettbewerber McDonnell-Douglas übernommen und damit sein militärisches Standbein ausgebaut. Im ersten Halbjahr steuerte das Rüstungs- und Sicherheitsgeschäft zusammen mit der Raumfahrt knapp die Hälfte zum Gesamtumsatz bei. Zu den Produkten gehören Kampfhubschrauber (AH-64 Apache), Kampfjets (F/A-18), Transportflugzeuge (C-17 Globemaster III) sowie unbemannte Drohen und Aufklärungsmaschinen (E-3 Awacs).

Boeing

Vor allem nach den Anschlägen vom 11. September 2001 erwies sich die Rüstungssparte als wertvoll. Boeing profitierte von den steigenden Militärausgaben der USA und konnte damit die Bestelleinbrüche bei den Passagiermaschinen abfedern. Momentan sind Verkehrsjets die Renner, während das Rüstungs-Standbein mit Einschnitten in den Militärbudgets vieler Staaten klarkommen muss.

Lockheed Martin

Amerikas größter Rüstungskonzern. Das Unternehmen stellt die Kampfjets F-16, F-22 und F-35 her sowie die Transportflieger C-130J Super Hercules und die riesige C-5 Galaxy. Daneben baut Lockheed-Martin unter anderem gepanzerte Fahrzeuge, Raketen, Hubschrauber und Radaranlagen. Weitere Standbeine sind die Raumfahrt- sowie Informationstechnik.

Northrop Grumman

Hersteller von unbemannten Drohnen wie dem Global Hawk, von Radaranlagen, Steuersystemen oder Raketen. Bekanntestes Produkt ist der futuristisch aussehende Tarnkappenbomber B-2.

General Dynamics

Der Konzern baut unter anderem Kriegsschiffe und U-Boote, stellt Artilleriesystem und Munition her und steckt hinter dem US-Kampfpanzer Abrams. Ziviles Standbein sind die Gulfstream-Geschäftsflugzeuge.

Diese Bastion zu knacken, ist eines der Hauptziele eines fusionierten europäischen Rüstungsgespanns aus BAE und EADS. Die Briten machen in den USA angesichts der traditionell engen politischen Bindungen zwischen den beiden Ländern bereits gute Geschäfte. BAE steckt etwa hinter dem Schützenpanzer Bradley und arbeitet am Kampfflugzeug F-35 Lightning II mit.

EADS dagegen zog im vergangenen Jahr beim sogenannten Jahrhundert-Deal um neue Tankflugzeuge für die US-Luftwaffe den Kürzeren. Der mindestens 35 Milliarden Dollar schwere Auftrag ging nach einem jahrelangen Schlagabtausch an Boeing. Eine Fusion mit BAE könnte dem Airbus-Mutterkonzern die Tür zum US-Rüstungsmarkt aufstoßen, sagen Branchenkenner. Auch in den wichtigen Exportmärkten in Arabien und dem Nahen Osten könnten die Europäer gemeinsam dem Erzrivalen Boeing besser Konkurrenz machen.

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Die deutschen Gewerkschaften sehen auf lange Sicht Gefahren in der Branche.

EADS-Chef Tom Enders sieht die Fusionspläne als „einzigartige Chance“. In einem internen Schreiben an die Mitarbeiter bestätigt er laufende Gespräche. Er sei überzeugt, „dass ein Zusammenschluss von EADS und BAE Systems eine einzigartige Chance für unser Unternehmen darstellt. Gemeinsam würden wir ein weltweit führendes Unternehmen der Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie schaffen“.

Der US-Flugzeugbauer und Rüstungskonzern Boeing blickt dem Zusammenschluss gelassen entgegen. „Ich sehe nicht, dass uns das fundamental schaden wird“, sagte Boeing-Chef Jim McNerney. „Ich habe ein ziemlich tiefes und beständiges Vertrauen in die Stärke unseres Unternehmens.“

Was EADS und BAE alles herstellen

EADS - Airbus

Der weltgrößte Hersteller von Passagierflugzeugen bietet eine breite Palette an: vom 100 Sitze zählenden A318 bis hin zum Superjumbo A380, in dem 500 Menschen Platz finden. Insgesamt gibt es 14 Modelle. Mehr als 6000 Airbus-Flugzeuge sind weltweit unterwegs. Airbus stellt aber auch Militärflugzeuge her, darunter den Transporter A400M. Airbus kam 2011 auf einen Umsatz von 33,1 Milliarden Euro, davon 2,5 Milliarden Euro aus dem Rüstungsgeschäft.

Astrium

Dahinter verbirgt sich das europäische Raumfahrtgeschäft von EADS. Hergestellt werden beispielsweise Satellitensysteme. Bekanntestes Produkt sind die Ariane-Raketen, mit denen Satelliten ins Weltall transportiert werden. Astrium kam 2011 auf einen Umsatz von fünf Milliarden Euro.

Cassidian

Diese Sparte produziert beispielsweise Drohnen. Über Cassidian ist EADS auch am Eurofighter-Konsortium beteiligt und Anteilseigner beim Raketensystemanbieter MBDA. Dieser Geschäftsbereich machte 2011 rund 5,8 Milliarden Euro Umsatz.

Eurocopter

Der Hersteller von Zivil- und Militärhubschraubern kommt auf einen weltweiten Marktanteil von rund 30 Prozent. Zu den bekanntesten Produkten gehören der militärisch genutzt Tiger und der zivile EC225 Super Puma. Diese Sparte erlöste 2011 rund 5,4 Milliarden Euro.

BAE - Electronic Systems

Dieser Unternehmensteil ist auf Elektronik zur Flug- und Motorsteuerung spezialisiert, stellt aber auch Kriegsgeräte und Nachtsichtsysteme her. Er kam 2011 auf einen Umsatz von 5,4 Milliarden Pfund.

Cyber and Intelligence

Ein Teil dieses Geschäftsbereiches von BAE ist in den USA angesiedelt. Geliefert werden beispielsweise Nachrichten und Informationen in Echtzeit an Regierungen und Truppen. Auch Sicherheits-Soft- und Hardware bietet das Unternehmen an. Der Umsatz betrug 2011 etwa 1,4 Milliarden Pfund.

U.S. Platforms & Services

Kriegsgeräte, aber auch Schiffsreparaturen werden unter diesem Namen angeboten. Aktiv ist diese BAE-Sparte in den USA, Großbritannien, Schweden und Südafrika. Einnahmen 2011: 5,3 Milliarden Pfund.

International Platforms & Services

Diese Sparte ist in Saudi-Arabien, Indien, Australien und dem Oman vertreten. Sie hält auch einen Anteil von 35 Prozent am Raketen-Hersteller MDBA.

Die Anleger zeigen sich von den Plänen jedoch nicht begeistert. In Paris und Frankfurt brachen die Aktien der Airbus-Mutter um mehr als zehn Prozent ein, nachdem die Aktien am Mittwoch schon um fünf Prozent gefallen waren. BAE Systems notierten in London ebenfalls im Minus und gaben mit einem Abschlag von sieben Prozent einen Teil ihrer Kursgewinne vom Vortag ab. Nach Bekanntwerden der Fusionspläne hatten die Aktien des britischen Konzerns am Mittwoch noch mit einem Plus von zwölf Prozent aufgewartet.


Kommentare (9)

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Isklar

13.09.2012, 11:49 Uhr

Da sehen wohl zwei Firmen die Felle wegschwimmen. Bezeichnend das BAE Kursgewinne verzeichnet und EADS noch immer massiv Kursverluste. Zwei Blinde tun sich zusammen.

Account gelöscht!

13.09.2012, 12:21 Uhr

Aha.

Herr Enders verschenkt also jetzt die Überbleibsel der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie.

joly

13.09.2012, 13:06 Uhr

EADS ist meiner Erfahrung nach ein durch und durch politisiertes unternehmen, das sich bis zur untersten Führungsebene bekämpft. Die Beziehung der deutschen und französischen EADS sind denkbar schlecht und politisiert. Zusammenarbeit und Kooperation sind unübertroffen an Optimierungspotential. Wenn jetzt noch der Britische Konzern daazustößt..... Wir werden ja in der Presse dann von den Massakern lesen. Es fragt sich nur wer auf dem Kontinent mit den Briten den Rest dominiert. Ob bei den EADS Unternehmen dann moderne Strukturen in Organisation, IT und Produktion eingeführt werden können, kann bezweifelt werden. Was bisher bei EADS nicht möglich war - zb: konzernweiter Einkauf von Gleichteilen(EEE), strategische Einkaufspolitik, Harmonisierung der IT Prozesse - alles und noch mehr benötigt Zeit - und Manpower in einem Umfang der nur in quasi-/ monopolistischen Strukturen möglich ist. Es ist zu befürchten dass diese Situation mit den Briten noch verstärkt wird. Wettbewerb ist dann fast völlig ausgeschlossen.

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