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22.01.2010

08:43 Uhr

GE-Chef unter Druck

Die Tage des Gesundbeters

VonAstrid Dörner, Matthias Eberle

General Electric, einst die Kathedrale des Shareholder-Values, hat rund 200 Milliarden Dollar seines Börsenwerts verloren, seit Jeffrey Immelt an der Spitze steht. Der Konzernchef stellt sein unerschütterliches Selbstbewusstsein aus, seine Investoren aber sind nervös. Ihnen reicht es nicht, dass Immelt ihnen vor allem eines bietet: Hoffnung auf Besserung.

GE-Chef Immelt gibt sich wie immer selbstbewusst. Quelle: Reuters

GE-Chef Immelt gibt sich wie immer selbstbewusst.

NEW YORK. Das New Yorker Rockefeller Center ist ein perfekter Ort, um Gäste zu beeindrucken, Hausherr Jeffrey Immelt hat es oft genug erlebt. Die Aussichtsplattform "Top of the Rock" im 70. Stockwerk bietet derart atemberaubende Blicke auf ganz Manhattan, dass auch solche Besucher, die schon einiges gesehen haben, schwer beeindruckt sind. Im Herzen des Rockefeller-Komplexes mit seinen 20 Gebäuden steht jedes Jahr zur Weihnachtszeit der größte Weihnachtsbaum der Vereinigten Staaten. Und jede Woche wird im Studio 8H des GE-Buildings die im ganzen Land sehr beliebte Comedy-Show "Saturday Night Live" aufgezeichnet. Der Sitz des weltgrößten Konzerns bietet also alle Voraussetzungen für eine gute Show.

Investorentermin in luftiger Höhe. Jeffrey Robert Immelt, 53 Jahre alt und von mächtiger Statur, Chef des Konzerns, hat ein selbstsicheres Lächeln aufgesetzt, als werde er vor den Gästen dieses Mittags - 200 Analysten und Investoren - gleich Großes verkünden, das beste Firmenergebnis aller Zeiten zum Beispiel.

Doch Immelt sagt: "Vor einem Jahr waren wir in der Defensive. Jetzt sind wir wieder bereit zum Angriff." Er sagt: "Wir sind bereit für den nächsten Wachstumszyklus. Das Unternehmen kann wieder Leistung bringen." Sein Publikum nimmt es zur Kenntnis, ein einziges Mal rührt es die Hände zum Applaus: nach 90 Minuten, als Immelt fertig ist. Höfliches, sehr höfliches Klatschen. Immelts Gästen stand der Sinn nach nichts weniger als nach einer Show. Sie wollen überzeugende Fakten. Sie sehen ihre Vermutung bestätigt, dass sich Immelt zwar müht, dass aber die jüngste Entwicklung zum ausgestellten Selbstbewusstsein nicht so recht passen will.

Es sieht nicht so aus, als stehe GE, der Traditionskonzern, eine der letzten verbliebenen Ikonen der US-Industrie, von den Amerikanern bewundert und von der Konkurrenz ehrfürchtig bestaunt, unmittelbar vor einer neuen goldenen Ära. Im Gegenteil.

Die Umsätze fallen, die Gewinne sinken, an der Börse ist eine GE-Aktie gerade noch 16 Dollar wert: gut 30 Prozent dessen, was sie 2001 kostete, in den besten Zeiten. Seit Immelts Amtsantritt hat das Unternehmen an der Börse mehr als 200 Milliarden Dollar seines Werts verloren, mehr als jedes andere Unternehmen. Die Geschäftszahlen für das vierte Quartal und das Gesamtjahr 2009, die GE an diesem Freitag bekanntgibt, werden diese Entwicklung wohl bestätigen. Die Ratingagentur Standard & Poor's rechnet mit Umsatzeinbußen von 16 Prozent und einem Gewinneinbruch um fast die Hälfte auf 96 Cent pro Aktie.

Hinter Immelt liegt ein Jahr, in dem er Konzernteile wie nie zuvor umgebaut, geschrumpft, abgestoßen hat, um Schlimmeres zu verhindern. Und die Zeichen für 2010 stehen auf Stagnation, nicht auf Wachstum.

Vorbei die Zeit, als GE wie am Fließband Firmen einkaufte, Synergien nutzte, Gewinne steigerte und den Anlegern sagenhafte Dividenden bescherte, konsequenter als alle anderen Großen. Vorbei die lange Zeit, in der Investoren der Wall Street GE als Kathedrale des Shareholder-Values verehrten.

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