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13.06.2012

13:00 Uhr

Geldmaschine Gesundheitswesen

So werden die Patienten ausgenommen

VonSebastian Ertinger

Das Geschäft rund um Pillen und Prävention boomt. Pharmakonzerne, Krankenhäuser und sogar Arztpraxen erschließen sich lukrative Einnahmequellen. Doch das Wohl der Patienten rückt dabei zunehmend in den Hintergrund.

Kasse machen auch mit Kassenpatienten: Die lukrativen Maschen von Ärzten und Pharmaindustrie dpa

Kasse machen auch mit Kassenpatienten: Die lukrativen Maschen von Ärzten und Pharmaindustrie

DüsseldorfEin letztes Mal sammeln sich die Aktionäre des Klinikbetreibers Rhön-Klinikum in der Jahrhunderthalle in Frankfurt am Main zur Hauptversammlung. Rhön-Gründer und Aufsichtsratschef Eugen Münch wirbt bei seinen Aktionären für die geplante Übernahme durch den Gesundheitskonzern Fresenius. Der Gesundheitskonzern will für rund 3,1 Milliarden Euro den Klinikbetreiber kaufen. Damit bauen die Bad Homburger das Krankenhausgeschäft der Tochter Helios kräftig aus.

Mit der Übernahme entsteht ein Klinikverbund mit rund sechs Milliarden Euro Umsatz. Fresenius erhöhte schon mal seinen Ausblick für das Geschäftsjahr. Der deutsche Krankenhausmarkt ist 77 Milliarden Euro schwer und noch sehr kleinteilig. Fresenius kommt inklusive Rhön-Klinikum auf einen Anteil von acht Prozent. Doch die Konsolidierung im deutschen Klinikmarkt ist in vollem Gange. Besonders Helios hat sich bereits in der Vergangenheit mit Zukäufen hervorgetan.

Das große Geschäft mit der Gesundheit beschränkt sich nicht auf Krankenhausbetten. Trotz Spardiktat der Krankenkassen streichen Pharmakonzerne mit Medikamenten immer noch Milliardenbeträge ein. In dem Riesen-Business rund um die Heilung keimen jedoch zunehmend kuriose Auswüchse.

Eine Mischung aus Sparzwängen einerseits und Profitgier andererseits treibt sowohl globale Pharmariesen als auch heimische Hausärzte dazu, renditeträchtige Einnahmequellen zu erschließen. Der Trend zu Gesundheitsvorsorge und Prävention lässt die Patienten das Spiel mitspielen. Sie lassen sich den Wohlfühlfaktor etwas kosten.

Eine Masche bereitet dem Gesundheitssystem ein handfestes Problem. Arzneimittelhersteller bringen häufig neue Produkte zu hohen Preisen auf den Markt. Doch die neuen Präparate weisen oftmals kaum oder gar keine bessere Wirkung auf als die alten Arzneien. Scheininnovationen nennen dies Experten.

Die größten Mogelpackungen

Scheininnovationen

In neuen Medikamenten steckt oft gar kein neuer Wirkstoff. Doch mit einem neuen Patent auf eine leicht abgewandelte Rezeptur können Pharmariesen höhere Medikamentenpreise durchsetzen. Welche Arzneien auf alten Rezepturen fußen.

Verhütungspille Zoely

Seit Anfang des Jahres ist die Verhütungspille auf dem deutschen Markt erhältlich. Das "Arznei-Telegramm" bemängelt die schlechte Verträglichkeit des Präparats und auftretende Nebenwirkungen wie Akne, Blutungsunregelmäßigkeiten, Gewichtszunahme oder psychische Störwirkungen.

Psychopharmaka Seroquel und Lyrica

Die Medikamente werden bei Epilepsie oder Angststörungen eingesetzt. Experten bezweifeln aber, ob sie mehr nutzen als bewährte Arzneien.

Cholesterin-Senker Inegy

Auch der Cholesterin-Senker Inegy nutze den Patienten nicht, meinen Experten.

Grippemedikament Tamiflu

Wie Wissenschaftler der Cochrane Collaboration herausgefunden haben wollen, bringt Tamiflu den Patienten keinen Zusatznutzen. Es gebe keine Beweise dafür, dass das Grippemittel schwere Komplikationen wie Lungenentzündungen verhindern könnten, erklärt das Team um den britischen Epidemiologen Tom Jefferson. Trotzdem setzte der Pharmariese Roche mit dem Mittel Milliarden um.

Das Patent auf den angeblich verbesserten Wirkstoff erlaubt es jedoch den Pharmakonzernen, bei Ärzten und Kranken mit der vermeintlichen Neuerung haussieren zu gehen – und bei den Kassen höhere Preise durchzudrücken als mit dem bewährten Rezept.

Kommentare (6)

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MenschenZeitung

13.06.2012, 13:40 Uhr

stimmt, bei einem Bekannten, der allerdings Privatpatient ist, steht regelmäßig die unverschämte Summe von über 10 Euro nur für die telefonische Arztterminvereinbarung auf der Rechnung. Selbst daran also verdienen Ärzte sich eine goldene Nase. Telefonabzocke quasi-das sollten die Verbraucherschützer mal unter die Lupe nehmen.Wer für eine Terminvereinbarung mehr als 10 Euro zahlen muss, die ein paar Sekunden dauert,sollte wirklich bei den Verbraucherschützern mal anfragen. Hat der Arzt nur 100 Privatpatienten, verdient er an der Differenz, die er für seinen Anschluß zahlt schon mehr, als andere im ganzen Monat!

Thomas

13.06.2012, 13:51 Uhr

so lange wie unser System und das der Rest der Welt nur auf Gier nach mehr aufgebaut ist, wird sich daran nichts ändern. Geld ist aber nicht alles und wenn es auf dem Rücken von anderen abgezockt wird, ist es noch weniger.
Aber ich Frage mich, warum tun unsere Politiker weltweit nichts dagegen?

Punkt

13.06.2012, 14:00 Uhr

„Beim Autokauf informieren sich die Verbraucher über die Produkte. Bei der medizinischen Versorgung ist das schwieriger. Patienten verlassen sich hier noch mehr auf das Urteil der Ärzte“, so Kirchner.

Wer stellt bei der Aussage sicher, dass der Kunde auch versteht was die Technik eines Autos bedeutet. Da wird doch letztendlich auch nur auf PS und Gimmicks geachtet. Bei Medizinischen Aspekten ist das bedeutend schwieriger und interessanterweise wird hier wieder auf das Internet verwiesen, dass in anderen Artikeln den Ärzten das Leben schwer macht, da die Kunden hierüber mehrfach falsch informiert wurden. Letztendlich versucht man sich mit der Aussage nur aus der Affäre zu ziehen und das Internet als Medium und Ratgeber für alle Fragen zu inszenieren..

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