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17.07.2015

13:22 Uhr

General Electric verkauft Firmenteile

Alles muss raus beim Siemens-Rivalen

Die Krise hat den Finanzkapitalismus entzaubert – der US-Großkonzern General Electric zieht die Konsequenzen und besinnt sich wieder auf das Industriegeschäft. Allerdings ist auch das nicht ohne Risiko.

Für den Industriekoloss geht es zurück zu den Wurzeln. AFP

Gasturbine von GE

Für den Industriekoloss geht es zurück zu den Wurzeln.

FairfieldDie Entrümpelung schreitet voran – alles muss raus: General Electric hat in den vergangenen Monaten Firmenanteile für knapp 50 Milliarden Dollar verkauft. Und das ist erst der Anfang. Vorstandschef Jeff Immelt räumt auf: Die Finanztochter GE Capital soll fast komplett losgeschlagen werden, mehr als 200 Milliarden Dollar (rund 183 Milliarden Euro) an Vermögenswerten kommen auf den Markt. Der Industriekoloss GE besinnt sich auf seine Wurzeln. Behalten will Immelt nur Finanzdienstleistungen für Luftfahrt, Energie und Gesundheit – Bereiche, die dem künftigen Kerngeschäft dienen.

Den Gewinn im Industriegeschäft hat GE trotz Problemen im Öl- und Gas-Segment gesteigert. Dank Zuwächsen in der Energietechnik verdiente der US-Konzern im Kerngeschäft operativ fünf Prozent mehr als im Vorjahr und kam auf 4,4 Milliarden Dollar. GE teilte am Freitag zudem mit, den Konzernumsatz im zweiten Quartal um 1,5 Prozent auf 32,75 Milliarden Dollar erhöht zu haben. Unter dem Strich stand allerdings ein Verlust von 1,36 Milliarden Dollar. Hier wirkten sich die Sonderlasten aus dem Rückzug aus Finanzgeschäften negativ aus.

„Es war eine schwierige Entscheidung (...) – aber es ist das Richtige für das Unternehmen“, betonte Immelt, als er die Öffentlichkeit im April auf die Abtrennung des Finanzgeschäfts einstellte. Die Krise habe die Finanzmärkte langfristig verändert, dem müsse sich der Konzern anpassen. Seitdem geht es bei GE zu wie auf dem Basar – den Auftakt machte der Verkauf eines Immobilienpakets für 26,5 Milliarden Dollar, es folgten verschiedene Finanzsparten im Gesamtwert von 23 Milliarden Dollar.

Grund für das Ausmisten sind die Lektionen aus der Finanzkrise. Die Konzernbilanz war mit riskanten Vermögenswerten überladen – das führte fast zum Kollaps, als die Weltwirtschaft nach dem Platzen der Kreditblase in den Abgrund blickte. Dennoch tat sich das Management lange schwer mit einer konsequenten Entscheidung. Verständlich: Das Geschäft mit Finanzdienstleistungen war – und ist noch immer – ein wichtiges Standbein. Im vergangenen Jahr steuerte es 42 Prozent zum Gewinn bei, zuvor lange Zeit mehr als die Hälfte.

Zudem war die Finanztochter ein Steckenpferd des legendären GE-Chefs Jack Welch, dessen Kronprinz Immelt ist. Immelts Ansage, künftig auf das zwar sehr profitable, aber auch – vor allem in Krisenzeiten – hochriskante Finanzgeschäft zu verzichten, ist deshalb ein mutiger Strategiewechsel. Wie der deutsche Wettbewerber Siemens will GE nun stark auf Infrastruktur sowie auf den Fracking-Boom und Wachstum in der Öl- und Gasindustrie setzen.

Was GE mit Alstom vorhat

Das GE-Gebot

Der US-Industriekonzern bewertet das Alstom-Energie- und Netzgeschäft mit 12,35 Milliarden Euro. Doch anders als ursprünglich geplant werden die gewünschten Teile nicht komplett bei General Electric landen – teilweise wird es auch Joint-Ventures geben.

Staatsbeteiligung

Die französische Regierung steigt parallel zum GE-Angebot bei Alstom ein. Der Staat übernimmt 20 Prozent, die zuvor dem Konzern Bouygues gehalten hat. Laut Vereinbarung kann Paris binnen 20 Monaten nach Abschluss der geplanten Operationen bis zu 20 Prozent der Alstom-Anteile von Bouygues oder am Markt erwerben. Kauft die Regierung direkt bei Bouygues, sind der Marktwert oder mindestens 35 Euro pro Aktie fällig. Gleichzeitig räumt Bouygues der Regierung bereits mit Abschluss der geplanten Kooperation 20 Prozent der Stimmrechte bei Alstom ein.

Was bei Alstom verbleibt

Zu 100 Prozent behält Alstom das Bahngeschäft. Die Sparte baut etwa Nahverkehrszüge, aber auch den Schnellzug TGV. Die Sparte macht jährlich 6,2 Milliarden Euro Umsatz und zählt 28.200 Mitarbeiter.

Es wird eine globale Kooperation im Vertrieb mit GE geben und einen gemeinsamen Einkauf. In einzelnen Ländern wird Alstom GE-Diesellokomotiven fertigen.

Das Gegengeschäft

Alstom übernimmt im Zuge der Transaktion das Geschäft mit Signaltechnik von General Electric und stärkt damit das Eisenbahngeschäft. Die Sparte erzielt jährlich einen Umsatz von 400 Millionen Euro und beschäftigt etwa 1200 Mitarbeiter.

Was komplett an GE geht

Die Amerikaner integrieren die – auch bei Siemens heiß begehrten – Gasturbinen, die in effizienten Kraftwerken zum Einsatz kommen.

Was GE in Joint-Venture einbringt

Mit der komplexen Transaktion entstehen drei Joint-Venture (jeweils 50% Alstom und 50% GE):
- Netztechnik (bestehend aus den Segmenten „Alstom Grid“ und „GE Digital Energy“)
- Erneuerbare (bestehend aus Wasserkraftwerktechnik und Offshore-Windkraft)
- Nukleartechnik (weltweit) und Dampfturbinen (Frankreich-Geschäft)

„Wir sind führend in Technologie, gut aufgestellt in Wachstumsmärkten, liefern höhere Margen und niedrigere Kosten“, so Immelt. Investoren sehen die Lage etwas weniger rosig. Die GE-Aktie fiel in den vergangenen drei Monaten um zwei Prozent. Der große Ausverkauf und die Neuausrichtung sind ein Wagnis. Der starke Fokus auf Energie und die Milliardenübernahme der entsprechenden Sparte vom französischen Alstom-Konzern werden vor dem Hintergrund des heftigen Ölpreisverfalls derzeit eher als Risiko gehandelt. Im Fall Alstom musste GE der EU-Komission jetzt auch noch Zugeständnisse anbieten.

Zwar ging der Verkauf von GE Capital gut los. Keith Sherin, der Chef der Tochter, spricht von „gewaltigem Interesse“ auf Käuferseite, und auch Analysten halten die Gelegenheit derzeit für günstig. Allerdings ist der Prozess auf zwei Jahre angelegt. In denen kann einiges passieren, und alleine das schiere Volumen der Vermögenswerte würde das Mammutprojekt schnell ins Stocken bringen, wenn sich die Situation am Markt verschlechtert.

Für weitere Unwägbarkeiten sorgen Kartellwächter auf beiden Seiten des Atlantiks. Weil sie zu große Marktmacht verhindern wollen, haben die US-Wettbewerbshüter ein Verfahren eröffnet. Sie wollen den im vergangenen September beschlossenen, 3,3 Milliarden Dollar schweren Verkauf der Haushaltsgerätesparte von GE an Electrolux blocken. Brüssel hat unterdessen Zweifel am Deal zwischen Alstom und GE angemeldet. Die EU-Kommission befürchtet Auswirkungen insbesondere auf den Markt für Hochleistungsturbinen, die in Gaskraftwerken eingesetzt werden.

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