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02.07.2015

18:25 Uhr

Genossenschaft beschlossen

EnBW zieht bei Prokon den Kürzeren

VonJürgen Flauger, Gertrud Hussla

Selten wurde um ein insolventes Unternehmen so gekämpft wie um Prokon. Der Energieversorger EnBW wollte den Windparkbetreiber übernehmen. Doch da machen die Gläubiger nicht mit. Sie haben für eine andere Lösung gestimmt.

Das insolvente Unternehmen wird zur Genossenschaft. dpa

Prokon-Gläubiger in Hamburg

Das insolvente Unternehmen wird zur Genossenschaft.

HamburgEs war ein ebenso spannender wie ungewöhnlicher Übernahmekampf, der in den vergangenen Wochen um den insolventen Windparkbetreiber Prokon tobte. Auf der einen Seite wollte sich der Energiekonzern Energie Baden-Württemberg (EnBW) das Unternehmen einverleiben. Auf der anderen Seite versuchten Anleger um die Gruppierung „Freunde von Prokon“, den Windkraftpionier als Genossenschaft selbständig zu halten.

Und es ist ihnen geglückt: „Ich habe mit einem Erfolg gerechnet. Nicht aber mit einem so guten Ergebnis, sagte Wolfgang Siegel, Vorstand der „Freunde von Prokon“. „Das ist ein Beleg, wie stark eine Gemeinschaft sein kann, die eine Alternative zum großen Kapital bilden will.“

Dass die Gläubiger dieser Lösung am Donnerstag auf der Versammlung in Hamburg mehrheitlich zugestimmt, teilte der unterlegene Energiekonzern am Nachmittag mit. „Wir bedauern natürlich diese Entscheidung, denn Prokon und EnBW hätten gut zusammengepasst und gemeinsam die Windkraft in Deutschland noch stärker voranbringen können“, sagte EnBW-Vorstandschef Frank Mastiaux. „Aber wir haben auch großen Respekt für die Verbundenheit der Genussrechtsinhaber mit Prokon, die darin zum Ausdruck kommt.“ Für die EnBW-Strategie, die bereits Mitte 2013 beschlossen wurde, ändere sich dadurch nichts. „Wir werden uns jetzt, wie ursprünglich geplant, auf Maßnahmen vor allem des organischen Wachstums konzentrieren, um unsere Ziele zu erreichen“, sagte Mastiaux.

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Bereits zuvor hatte das Amtsgericht Itzehoe mitgeteilt, dass 37.000 Gläubiger die geforderte Erklärung abgegeben haben, dass sie sich an einer Genossenschaft beteiligen würden. Sie vertreten 880 Millionen Euro Genussrechtskapital. Erforderlich wären 640 Millionen Euro gewesen. Damit war die Entscheidung für die Genossenschaft bereits faktisch gefallen. „Es haben sich deutlich mehr Genussrechtsinhaber verpflichtet, Genossen zu werden, als notwendig gewesen wäre. Damit verfügt die Genossenschaft Prokon über eine besonders gute Eigenkapitalausstattung“, sagte Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin.

Mehrere Tausend Gläubiger waren in der Messehalle in Hamburg zusammengekommen, um über die Zukunft von Prokon abzustimmen. Das Unternehmen war durch Fehler des ehemaligen Managements in Turbulenzen geraten. 75.000 Anleger bangen seither um ihre Anlagen von rund 1,4 Milliarden Euro. Neben den Anlegern konnten auch Banken, Lieferanten und Stromkunden ihr Votum abgeben.

Penzlin hatte den Gläubiger zwei Modelle vorgelegt. EnBW bot 550 Millionen Euro in bar. Damit hätten die einschließlich Lieferanten, Banken und Mitarbeitern rund 100.000 Prokon-Gläubiger mit einer Rückzahlung von 52 Prozent ihrer Forderungen rechnen können. Beim Genossenschaftsmodell erhalten die Anleger Anleihen und Genossenschaftsanteile. Die Quote ist mit 57,8 Prozent aber höher.

Prokon-Gläubiger haben ihre Wahl getroffen

Worüber sollten die Gläubiger abstimmen?

Der Insolvenzverwalter hatte einen Genossenschafts-Insolvenzplan und einen Investoren-Insolvenzplan vorgelegt. Über den ersten Vorschlag wurde abgestimmt, weil sich Genussrechts-Inhaber mit Forderungen über nominal 880 Millionen Euro verbindlich verpflichtet hatten, ihr Kapital in die Genossenschaft einzubringen. Der zweite Vorschlag – ein Verkauf an den Karlsruher Energiekonzern EnBW – wäre erst nach dem Scheitern des ersten Vorschlags zum Zuge gekommen.

Was bringt den bisherigen Genussrechts-Inhabern eine Genossenschaft?

Das Kerngeschäft von Prokon – Windenergie-Anlagenbau und Stromhandel – wird fortgeführt. Die Gläubiger erhalten voraussichtlich 57,8 Prozent ihres eingesetzten Geldes zurück (Insolvenzquote) – allerdings über zwei Komponenten: Genussrechts-Inhaber, die an Prokon beteiligt bleiben wollen, können voraussichtlich 23,3 Prozent ihrer Forderungen in eine längerfristige Mitgliedschaft umwandeln. Außerdem haben sie Anspruch auf eine bis zum Jahr 2030 laufende Schuldverschreibung.

Genussrechts-Inhaber, die aus Prokon aussteigen wollen, erhalten eine Barabfindung aus dem geplanten Verkauf eines Palettenwerks in Torgau sowie rumänischer Wälder (ebenfalls 23,3 Prozent). Außerdem bleibt ihnen der Anspruch auf die handelbare, festverzinsliche Anleihe.

Was hätte den Gläubigern das EnBW-Angebot gebracht?

Auch in diesem Fall wäre das Kerngeschäft von Prokon fortgeführt worden, unter dem Dach des Energiekonzerns. Die Insolvenzquote hätte voraussichtlich 52,2 Prozent betragen und setzte sich aus einer sofortigen Barzahlung (34,1 Prozent) und dem Anspruch auf ausstehende Verkaufserlöse (18,1 Prozent) zusammen.

Gab es noch eine weitere Möglichkeit für Prokon?

Ja, die Auflösung der Firma. Aber das wäre für die Anleger wohl die schlechteste Variante gewesen. Die Gläubiger hätten geschätzt 48,5 Prozent ihrer Forderungen zurück erhalten. Diese Lösung wäre auch nur zum Zuge gekommen, wenn die beiden anderen Pläne zuvor durchgefallen wären.

Welchen Rat gab es für die Entscheidung der Anleger?

Unabhängige Verbraucherschützer verwiesen auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen: Wer sich weiter für die Windenergie engagieren wolle und an eine gute Zukunft für Prokon glaube, sollte für das Genossenschaftsmodell votieren. Wer schnell zu Bargeld kommen und das Kapitel Prokon abschließen wollte, sollte für den Verkauf an EnBW stimmen.

Was passiert mit den rund 300 Arbeitsplätzen bei Prokon?

Da das Unternehmen nach beiden Plänen fortgeführt werden sollte, bleiben die Arbeitsplätze vorerst erhalten.


Kommentare (1)

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Account gelöscht!

02.07.2015, 13:51 Uhr

Da will eine Pleitefirma (ENBW) eine andere Pleitefirma (Prokon) aufkaufen...daran sieht man, wie unwirtschafltich das Denken bereits in Deutschland ist. Zum Schluss wird die Energiewende/EEG nämlich nur noch Pleitekandidaten und Schulden/Kosten für die Bürger in Deutschland haben. Das EEG bzw. die Energiewende macht ALLE Bürger/Verbraucher in Deutschland gleich Arm und verheißt für viele Menschen in Deutschland mit einen Mangel an Wohlstand zurecht zu kommen.

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

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