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04.01.2007

10:22 Uhr

Geringstes Produktionswachstum seit 1999

Staat setzt russische Ölindustrie unter Druck

VonMathias Brüggmann

Russlands Ölförderung ist voriges Jahr so langsam gestiegen wie seit 1999 nicht mehr. Damit wurden die Befürchtungen von Analysten Wirklichkeit, dass die voranschreitende Verstaatlichung der russischen Rohstoffsektoren schädlich für die Unternehmen und die Industrien sei.

MOSKAU. Insgesamt hatte der Rohölausstoß in den abgelaufenen zwölf Monaten nur noch um 2,2 Prozent zugelegt. Nach Angaben des russischen Energieministeriums war die Ölproduktion 2006 auf 480,5 Mill. Tonnen (oder 9,6 Mill. Barrel pro Tag/bpd) gewachsen, nach 470,2 Mill. Tonnen im Jahr davor. „Der Staat war zu engagiert bei der Bildung nationaler Champions im Ölsektor“, begründet Chris Weafer, Chefstratege der privaten Moskauer Alfa-Bank diese schlechtesten russischen Wachstumsdaten seit 1999.

Nach einer Welle von Verstaatlichungen kontrollieren allein die Kreml-Konzerne Rosneft und Gazprom Neft heute mehr als ein Viertel der gesamten russischen Rohölförderung. Rosneft hatte im Zuge eines umstrittenen Konkursverfahrens gegen den einst größten Ölkonzern Yukos dessen größte Fördertochter Yuganskneftegaz geschluckt. Gazprom übernahm für 13 Mrd. Dollar den privaten Sibneft-Ölkonzern des Milliardärs und FC-Chelsea-Besitzers Roman Abramowitsch. War Sibneft bis zur Übernahme noch der sich am schnellsten entwickelnde russische Ölproduzent, so wurde diese Dynamik nach seiner Umtaufe in Gazprom Neft abgetötet: Als eine der ersten Maßnahmen schmiss Gazprom bei Sibneft deren westliche Ölservicegesellschaften wie Schlumberger raus. Gazprom begründete dies damit, es beherrsche moderne Förder-, Bohr- und Erkundungstechniken selbst. Dabei gilt der mehrheitlich vom Kreml kontrollierte Konzern als einer der weltweit am teuersten produzierenden Energiefirmen.

Allerdings hat sich nach Behördenangaben auch der Ausstoß der privaten Ölkonzerne deutlich abgeschwächt. Analysten begründen dies mit einer deutlich geringeren Investitionsbereitschaft der Unternehmen, nachdem der Staat die Ölsteuern drastisch angehoben habe. Hinzu käme der wachsende Druck auf ausländische Investoren in Russlands Energiesektor wie Royal Dutch Shell und BP. Shell musste bereits die Hälfte des bisher von ihm geführten Öl- und Gasprojekts Sachalin-2 an Gazprom abtreten (Handelsblatt vom 3. Januar). Das Joint-venture TNK-BP steht mit seinem sibirischen Gasfeld Kovykta unter dem gleichen Druck der Behörden, der Shell zuvor in die Knie gezwungen hatte. Beobachter in Moskau rechnen damit, dass BP am Ende – wie Shell – die Führungsrolle bei seinem wichtigsten Erdgasprojekt in Russland an Gazprom abtritt. Shell wird nach Erwartungen von Analysten wegen des Nachgebens auf Sachalin seine Öl- und Gasreserven deutlich reduzieren müssen. Die Ratingagentur Standard & Poor’s rechnet mit einer Reduzierung der gebuchten Reserven von Shell in Höhe von neun Prozent, die Bank of America mit einer Reduktion um 500 Mill. Barrel, was 4,4 Prozent entspräche.

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