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09.10.2013

16:22 Uhr

Gerinnungshemmer

Boehringer Ingelheim auf fahrlässige Tötung verklagt

Der Gerinnungshemmer Pradaxa soll Grund für den Tod von vier Menschen sein. Die betroffenen Familien ziehen das deutsche Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim nun vor Gericht. Die Klage ist aber noch größer.

Eine französische Verpackung des Medikaments Pradaxa. Der deutsche Hersteller Boehringer Ingelheim soll Schuld am Tod von vier Menschen sein. AFP

Eine französische Verpackung des Medikaments Pradaxa. Der deutsche Hersteller Boehringer Ingelheim soll Schuld am Tod von vier Menschen sein.

ParisDer deutsche Pharmakonzern Boehringer Ingelheim sieht sich wegen seines Gerinnungshemmers Pradaxa in Frankreich mit Klagen wegen fahrlässiger Tötung konfrontiert. Die Familien von vier zu Beginn dieses Jahres verstorbenen Senioren, die den neuen Gerinnungshemmer einnahmen, würden Klage gegen das Unternehmen einreichen, wie ihr Anwalt Philippe Courtois am Mittwoch mitteilte. Die Familien wollen demnach auch gegen die französische Arzneimittel-Aufsichtsbehörde ANSM vorgehen.

Pradaxa gehört zu einer neuen Generation von Gerinnungshemmern. Sie werden verschrieben, um gefährliche Blutgerinnsel und Schlaganfälle zu verhindern, etwa nach Hüft- oder Knieoperationen oder bei Patienten mit Vorhofflimmern. Sie können aber zu schweren Blutungen führen. Die vier Patienten im Alter zwischen 78 und 84 Jahren, die Anfang 2013 in Frankreich starben, nahmen alle Pradaxa. Einer von ihnen starb laut Arztbericht drei Tage nach einer normal verlaufenen Knieoperation an „unkontrollierbaren Blutungen“.

Die Arzneimittelbehörde ANSM hatte erst vor wenigen Wochen davor gewarnt, dass es bei der Einnahme von Gerinnungshemmern der neuen Generation zu schweren Blutungen kommen könne. Sie bemängelte zudem, Ärzte seien über dieses Risiko nicht ausreichend informiert. Eine Sprecherin des Unternehmens in Frankreich erklärte am Mittwoch als Reaktion auf die Klagen, Boehringer Ingelheim arbeite „aktiv“ mit den zuständigen Behörden zusammen.

Der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim in der gleichnamigen Stadt Ingelheim am Rhein. dpa

Der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim in der gleichnamigen Stadt Ingelheim am Rhein.

Anwalt Courtois sagte der Nachrichtenagentur AFP, das Risiko von Blutungen sei bei Gerinnungshemmern der neuen Generation in der Regel nicht höher als bei herkömmlichen Gerinnungshemmern, sogenannten Vitamin-K-Antagonisten. Anders sei dies aber bei älteren Menschen. „Man sollte ihnen kein Pradaxa geben.“ Laut der Klageschrift ist der Wirkstoff vor allem bei geschwächten Patienten nicht ausreichend erforscht.

Die Kläger bemängeln zudem, dass es kein Gegenmittel gebe, um bei einer Blutung die gerinnungshemmende Wirkung des Medikaments zu stoppen. Eine akute Blutung bei Patienten, die herkömmliche Gerinnungshemmer genommen hätten, ließe sich dagegen durch Verabreichung von Vitamin K stoppen. Boehringer Ingelheim hätte „viele Todesfälle verhindern können“, wenn es parallel zu Pradaxa auch ein Gegenmittel auf den Markt gebracht hätte. Den Patienten würden in der Verpackungsbeilage „Informationen von größter Wichtigkeit“ vorenthalten.

Der Arzneimittel-Behörde ANSM werfen die Kläger vor, Vorsichts- und Vorbeugungsprinzipien missachtet zu haben. Zugleich rief Anwalt Courtois dazu auf, Pradaxa nicht ohne ärztlichen Rat abzusetzen.

Auf mögliche gefährliche Nebenwirkungen von Pradaxa ist immer wieder hingewiesen worden. Boehringer Ingelheim selbst wies im November 2011 auf 260 verdächtige Fälle von Blutungen in Deutschland in einem Zeitraum von dreieinhalb Jahren hin. In den USA wurden bereits im vergangenen Jahr Klagen gegen Boehringer Ingelheim wegen des Medikaments eingereicht.

Von

afp

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