Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.02.2015

21:34 Uhr

Gerresheimer

Auf den Scherben der Vergangenheit

VonMaximilian Nowroth

Im Düsseldorf stand einst eine der größten Glashütten der Welt. Dann trennte sich Gerresheimer vom Glasgeschäft. Die Firma macht heute mehr Umsatz als je zuvor, doch der Stadtteil kämpft um seine verlorene Identität.

Kleine Kräuterlikör-Glasflaschen rasen in der Glasfabrik Gerresheimer in Essen über die Produktionsstraße. Die Firma macht immer noch gutes Geld. picture alliance / dpa

Durchsichtiges Geschäft

Kleine Kräuterlikör-Glasflaschen rasen in der Glasfabrik Gerresheimer in Essen über die Produktionsstraße. Die Firma macht immer noch gutes Geld.

DüsseldorfEr hat schon so viel über sein Leben erzählt, jetzt will er aber noch unbedingt seinen Film zeigen, wenigstens den Anfang. Günter Vollack legt eine DVD ein, auf der Hülle steht in gelben Lettern: „Die Gerresheimer Glasproduktion: Von der Scherbe zum Behälter“. Der Filmtitel klingt ein bisschen nach Sendung mit der Maus, doch für Vollack war es fast 40 Jahre lang das tägliche Programm. Der heute 74-Jährige hat nie woanders gearbeitet, sein ganzes Berufsleben spielte in der einst größten Flaschenfabrik der Welt, der Gerresheimer Glashütte. „Ich bin ein Hötter“, sagt Vollack. Und drückt auf Play.

Sphärische Klänge ertönen, sie erinnern an Entspannungsmusik aus einem Wohlfühlbad. Unzählige Altglasscherben fahren über ein Laufband in ein Gewölbe aus Stein, aus Löchern in den Wänden schießen Flammen wie aus einem speienden Vulkan. „Bei 1600 Grad erreicht das Glas seinen Schmelzpunkt“, sagt eine sonore Stimme. Sie gehört dem Mann, der wie gebannt auf den Bildschirm starrt. Vollack ging 1996 in Rente, sieben Jahre später hatte ihn der damalige Werksleiter in Düsseldorf-Gerresheim gebeten, einen Film über die Glasproduktion zu machen. Gerade noch rechtzeitig: 2005 wurde die Gerresheimer Glashütte für immer geschlossen und später abgerissen. 141 Jahre Industriegeschichte, entsorgt wie Altglas, jedoch ohne Comeback.

Heute hat die Firma Gerresheimer nur noch ihre Verwaltung in Düsseldorf und produziert keine Getränkeflaschen mehr, sondern Verpackungen für die Pharma- und Kosmetikindustrie. Und ist damit erfolgreich wie nie: Am Mittwoch gab das MDax-Unternehmen sein Jahresergebnis 2014 bekannt, der Umsatz legte um knapp zwei Prozent auf 1,29 Milliarden Euro zu. Das bereinigte operative Ergebnis (Ebitda) kletterte auf 253,4 Millionen Euro.

Während das Unternehmen mittlerweile auf der ganzen Welt seine Werke hat, war es im 20. Jahrhundert eine Weltfirma mit Hauptwerk im Düsseldorfer Stadtteil Gerresheim, daher der Name Gerresheimer Glas. Große Getränkehersteller wie Coca Cola, Heineken oder Granini vertrauten auf deutsche Wertarbeit made in Düsseldorf, die Einmachgläser der Marke „Gerrix“ standen in Omas Keller. In der Glanzzeit nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigte das Unternehmen 8.000 Menschen in der Fabrik, produzierte 900 Millionen Flaschen pro Jahr. Die Arbeiter bezeichneten sich stolz als „Hötter“, viele wohnten in einer Werkssiedlung an der Fabrik und prägten das Leben im Stadtteil. Seit Ende der 1970er Jahre aber kamen praktische Plastikflaschen auf den Markt und der Untergang der Glashütte nahm seinen Lauf.

Das Management beschloss, das Geschäft auf die Herstellung von Spezialglas für die Pharmaindustrie zu verlagern. Die Rendite bei Asthma-Inhalatoren und Insulinspritzen war lukrativer und weniger vom Wetter abhängig als der Verkauf von Glasflaschen und Einmachgläsern. Als Gerresheimer das Werk in Düsseldorf 1999 an einen französischen Konkurrenten verkaufte, arbeiteten nur noch 450 Mitarbeiter in der Fabrik. Für das Unternehmen hat sich der Radikalschnitt gelohnt. Doch im Stadtteil Gerresheim-Süd hatten nur die wenigsten Menschen eine Alternative zu der Fabrik, Arbeiter und Einzelhändler waren abhängig vom Erfolg der Glashütte. Heute stehen viele Ladenlokale leer, jeder fünfte Einwohner in der Umgebung des Werksgeländes ist auf Hartz IV angewiesen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×