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28.01.2006

11:00 Uhr

Gesamtbetriebschef Erich Klemm

„Schmerzgrenze bei Daimler ist erreicht“

Nach dem radikalen Stellenabbau in der Verwaltung des Autokonzerns Daimler-Chrysler hat Gesamtbetriebsratchef Erich Klemm Vorstandschef Dieter Zetsche vor weiteren Einschnitten gewarnt.

Erich Klemm ist Gesamtbetriebsratschef bei Daimler-Chrysler. Foto: ap

Erich Klemm ist Gesamtbetriebsratschef bei Daimler-Chrysler. Foto: ap

HB SINDELFINGEN. „Ich kann mir nicht vorstellen, wo sonst noch im Konzern Personal abgebaut werden könnte“, sagte Klemm dem Handelsblatt. „Wenn man weitere Stellen abbaut, gerät die Arbeitsfähigkeit des Unternehmens in Gefahr.“ Der radikale Führungsumbau wird nach Worten Klemms allein in Deutschland mehr als 3000 Jobs kosten. Der oberste Arbeitnehmervertreter des Autokonzerns beziffert damit erstmals, wie stark die Kürzungen die deutschen Standorte treffen werden. Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche hatte sich bisher nicht dazu geäußert, wie sich die Einschnitte auf die einzelnen Länder verteilen werden. Er hatte lediglich ausgeführt, dass sich rund 60 Prozent der Verwaltungsstellen im Konzern in Deutschland befänden.

Jeder dritte Manager verliert Job

Zetsche hatte vergangene Woche in einem Paukenschlag angekündigt, dass bei Deutschlands größtem Unternehmen weltweit jeder fünfte Mitarbeiter in der Verwaltung und jeder dritte Manager bis 2008 seinen Job verlieren wird. Zugleich wird die Konzernzentrale aus dem Vorort Stuttgart-Möhringen in das wenige Kilometer entfernte Mercedes-Motorenwerk Stuttgart-Untertürkheim verlegt. Der Konzern will so jährlich rund 1 Mrd. Euro sparen. Vor der Belegschaft verteidigte Zetsche die Einschnitte als unumgänglich. Bereits im September hatte der Konzern die Streichung von 8500 Arbeitsplätzen bei der renditeschwachen Mercedes-PKW-Gruppe angekündigt.

Standortgarantie für Möhringen gefordert

Jörg Spies, Betriebsratschef der Konzernzentrale, fürchtet, dass vom neuen Stellenabbau in der Verwaltung etwa 2000 Mitarbeiter allein in Stuttgart betroffen sein könnten. „Wir fordern eine Standortgarantie für Stuttgart-Möhringen. Ein Verkauf oder eine Schließung des Standorts ist für uns nicht akzeptabel“, sagte er dem Handelsblatt. Die Arbeitnehmerseite will dennoch vorerst darauf verzichten, die Belegschaft gegen den abermaligen Stellenabbau zu mobilisieren. „Wir planen vorerst keine Proteste“, betonte Klemm. Der Betriebsrat wies darauf hin, dass für die Mitarbeiter in Deutschland bis Ende 2011 eine Beschäftigungssicherung gelte und nur ein freiwilliges Ausscheiden in Betracht komme. Klemm will sich dafür einsetzen, dass es auch für die Beschäftigten im Ausland keine betriebsbedingten Kündigungen geben werde.

Arbeitnehmervertreter können Stellenabbau nicht aufhalten

„Wir haben allerdings bislang einem pauschalen Personalabbau im Kontrollgremium nicht zugestimmt und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass wir das in Zukunft tun werden“, betonte Klemm. Erst Ende April sollen die konkreten Maßnahmen dem Aufsichtsrat zur Abstimmung vorgelegt werden. Da die Arbeitnehmervertreter im Kontrollgremium über keine Mehrheit verfügen, können sie den Stellenabbau allerdings nicht aufhalten. Daimler möchte so schnell wie möglich Klarheit schaffen. „Der Vorstand will bereits bis Juni die Beschäftigten in der Verwaltung informieren, die nicht vom Stellenabbau betroffen sein werden“, sagte Klemm.

Skeptisch äußerte sich Klemm zur Erwartung von Zetsche, Daimler werde mit der neuen Führungsstruktur flexibler. „Ich glaube nicht, dass eine zentrale Steuerung mehr Flexibilität schafft.“ Der einflussreiche Arbeitnehmervertreter betonte jedoch, dass das Verhältnis zum Vorstandschef nicht zerrüttet sei. „Wir haben ein professionelles Verhältnis zu Herrn Zetsche. Er macht seinen Job und verfolgt knallhart seine Interessen - wir haben andere.“

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