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10.10.2012

15:03 Uhr

Gescheiterte Rüstungsfusion

Die zweifelhafte Rolle der Politik

Das Scheitern der Rüstungsfusion von EADS und BAE ist auch ein Scheitern der europäischen Politik. Misstrauen und Kompetenzgerangel haben die industriepolitischen Potentiale des Projekt in den Hintergrund rücken lassen.

Misstrauen überwiegt: Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Hollande konnten keine gemeinsame Position finden. dapd

Misstrauen überwiegt: Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Hollande konnten keine gemeinsame Position finden.

BerlinSeit Jahrzehnten gefallen sich führende Politiker in Deutschland und Frankreich, den Flugzeugbauer Airbus als Beispiel für eine erfolgreiche europäische Kooperation zu feiern. Nach dieser Logik ist das Scheitern der Fusion der Airbus-Mutter EADS mit dem britischen Rüstungskonzern BAE Systems nun aber ein Beleg dafür, wie weit Europa von einem vertrauensvollen Miteinander entfernt ist. "Wir haben Europa ein hervorragendes Angebot gemacht", warb noch vor wenigen Tagen ein EADS-Sprecher für das Projekt. Die Regierungen in Paris, Berlin und London aber konnten sich nicht einigen. Am Ende bleiben nur Verlierer.

Den ökonomischen Nutzen der Fusion bezweifelte von Anfang an kaum einer, auch die Skeptiker in Deutschland nicht. Wirtschaftsminister Philipp Rösler gestand offen ein, bei allem Für und Wider habe das Projekt industriepolitisch "durchaus Charme". Vor allem Rüstungsaufträge sind auch aufgrund der Sparzwänge vieler Regierungen immer schwieriger zu ergattern. Insofern kann Größe da nur helfen. Mit der Fusion wäre der weltgrößte Luftfahrt- und Rüstungskonzern entstanden. Für EADS-Chef Tom Enders lag der Reiz einer Hochzeit mit BAE Systems aber vor allem auch darin, dass die Briten einen starken Auftritt auf dem weltgrößten Rüstungsmarkt USA haben. Die verwundbarste Flanke von EADS wäre also abgesichert gewesen.

Kommentar: Der geplatzte EADS-Deal kennt nur Verlierer

Kommentar

Der geplatzte EADS-Deal kennt nur Verlierer

Die Fusion von EADS und BAE wäre einer der wichtigsten Deals des Jahrzehntes geworden. Dieser europäische Rüstungsriese hätte die Welt sicherer gemacht. So gibt es nur Verlierer – vor allem in Deutschland.

Es geht aber um weit mehr als um wirtschaftliche Zahlen. Ohne die vielfältigen auch finanziellen Mitwirkungen der Regierungen in Paris, Berlin und Madrid gebe es das hoch komplexe Gebilde EADS kaum. Insofern geht es auch um politischen Einfluss auf Tausende Arbeitsplätze in den beteiligten Ländern, auf Technologien und Innovationen, die weit über die Unternehmen selbst hinaus auf die nationalen Wirtschaften ausstrahlen. Und es geht um politisches Prestige.

Eigentlich müsste Enders dieses politische Minenfeld zur Genüge kennen. Der Major der Reserve arbeitete vor Jahrzehnten im Planungsstab des Verteidigungsministeriums und begleitete die Gründung der EADS im Jahr 2000 hautnah. Dennoch hat er die politische Dimension des Deals offenbar unterschätzt. Jedenfalls scheint sich der 53-Jährige nicht ausreichend der politischen Unterstützung aus Paris und Berlin versichert. Gleiches gilt offenbar für seinen Fusionspartner Ian King von BAE Systems. Obwohl - aus Firmenkreisen hört man: "Sie denken doch nicht, dass wir marschiert wären, wenn wir nicht ermutigende Signale aus der Politik erhalten hätten?"

Wer die Welt mit Waffen ausrüstet

Das Ranking

Einmal jährlich erstellt das Magazin „Defense News“ ein Ranking der größten Rüstungskonzerne der Welt. Die Liste ist dominiert durch US-Konzerne, allerdings werden chinesische Rüstungsriesen wie China South Industries, China State Shipbuilding und China Aerospace Science wegen unsicherer Datenlage nicht im Ranking aufgeführt. Handelsblatt Online zeigt, welche zehn Unternehmen 2011 zu den größten Waffenproduzenten der Welt gehörten.

Platz 10

United Technologies (USA) - 11,0 Milliarden Dollar Umsatz in der Militärsparte

Der US-Mischkonzern gehört zu den größten Unternehmen der Welt und mischt auch im Rüstungsgeschäft kräftig mit. Zum Portfolio der US-Amerikaner gehören Hubschrauber für die zivile und militärische Luftfahrt, Raketenantriebe, aber auch Klimaanlagen. Die Militärsparte macht knapp 20 Prozent des Umsatzes aus.

Platz 9

L-3 Communications (USA) - 12,52 Milliarden Dollar

Die US-Firma aus New York erlangte zuletzt als einer der Marktführer für Körperscanner einige Bekanntheit. Vor allem aber stellt L-3 Kommunikationslösungen sowie Navigationssysteme und -geräte für militärische Zwecke her. Das macht den Konzern laut „News Defense“ zum weltweit neuntgrößten Hersteller von Kriegsgerät - mit einem Umsatz in diesem Sektor von 12,52 Mrd. Dollar im Jahr 2011. Kriegsgerät macht fast 83 Prozent am Gesamtumsatz aus.

Platz 8

Finmeccanica (Italien) - 14,58 Milliarden Dollar

Auch der italienische Finmeccanica-Konzern gehört zu fast einem Drittel dem Staat. Im zivilen Bereich baut das Unternehmen unter anderem U-Bahnen, Lokomotiven und Verkehrsleitsysteme. Im militärischen Bereich gehören Hubschrauber, Lenkwaffen und Panzer zum Portfolio. Im Jahr 2011 setzte Finmeccanica 14,58 Mrd. Dollar mit Kriegsgerät um (knapp 61 Prozent Gesamtanteil).

Platz 7

EADS (Westeuropa) - 16,10 Milliarden Dollar

Auf Platz sieben der Top 10 landet der von Deutschland und Frankreich kontrollierte Luft- und Raumfahrtkonzern EADS. Er bietet neben zivilen Verkehrsflugzeugen (Airbus-Reihe) sowie Trägerraketen (Ariane) und Satelliten Militärflugzeuge (zum Beispiel Eurofighter, im Bild) und Sicherheitslösungen an. Mit militärischen Produkten erwirtschaftete EADS 2011 laut „Defence News“ knapp 16,10 Mrd. Dollar. Das entspricht knapp 24 Prozent Anteil am Gesamtumsatz.

Platz 6

Northrop Grumman (USA) - 21,4 Milliarden Dollar

Schlagzeilen machte Northrop Grumman als US-Partner von EADS bei der Bewerbung um einen Milliardenauftrag zum Bau von Tankflugzeugen für das US-Militär. Der Konzern mit seinen mehr als 75.000 Mitarbeitern erzielte in seinem militärischen Segment 2011 einen Umsatz von 21,4 Mrd. Dollar und ist damit der sechstgrößte Rüstungskonzern der Welt. Rüstung macht an seinem Umsatz 81 Prozent aus. Zu den bekanntesten Produkten zählt der Tarnkappenbomber B-2 (im Bild) oder die Atom-U-Boote.

Platz 5

Raytheon (USA) - 23,06 Milliarden Dollar

Der US-Konzern Raytheon stellt hauptsächlich Raketen und optische Militärsysteme her: Den Marschflugkörper „Tomahawk“ etwa, die Luft-Luft-Rakete „Sidewinder“ oder das Flugabwehrsystem „Patriot“. Das Unternehmen mit seinen mehr als 71.000 Mitarbeitern hat 2011 mit militärischen Gütern einen Umsatz von 23,06 Mrd. Dollar (93 Prozent Anteil am Umsatz) erzielt.

Platz 4

General Dynamics (USA) - 25,51 Milliarden Dollar

Der US-Konzern, der unter anderem schwere Militärfahrzeuge herstellt, setzte 2011 mit militärischen Gütern 25,51 Mrd. Dollar um und landet damit auf dem 4. Rang. Zu den Produkten gehören unter anderem Kriegsschiffe und U-Boote, Kampfflugzeuge sowie Lenkflugkörper und IT-Lösungen. 78 Prozent des Gesamtumsatzes machen die Kriegsgüter aus.

Platz 3

BAE Systems (Großbritannien) - 29,13 Milliarden Dollar

Platz drei nehmen die Briten ein: BAE Systems erzielte mit seinen 88.000 Mitarbeitern 2011 einen Umsatz im Rüstungsgeschäft von 29,13 Mrd. Dollar. Der größte Rüstungskonzern Europas (der in seinem zivilen Segment vor allem in der Luft- und Raumfahrt aktiv ist) stellt eine bunte Palette militärischen Geräts her: Von Kriegsschiffen über Raketensystemen bis zu Kampfflugzeugen. Hierbei kooperiert BAE zum Teil mit anderen Rüstungskonzernen, wie etwa mit Lockheed Martin bei der F-22 oder mit EADS beim Eurofighter. BAE hängt mit knapp 95 Prozent Kriegsanteil am Gesamtumsatz fast vollständig von Rüstungsaufträgen ab.

Platz 2

Boeing (USA) - 30,7 Milliarden Dollar

Der drittgrößte Rüstungskonzern ist Boeing - mit einem Umsatz laut „Defense News“ von 30,7 Mrd. Dollar im Rüstungsgeschäft, was knapp knapp 45 Prozent der Gesamtumsätze entspricht. Im zivilen Bereich konkurriert der 170.000 Mitarbeiter starke US-Konzern seit Jahren mit EADS/Airbus um die Vorherrschaft. Im Rüstungsgeschäft hat Boeing eine breite Palette an Flugzeugen und Lenkwaffen im Angebot: von der Transportmaschine C-17 über den Bomber B-52 Flying Fortress bis zum Tankflugzeug KC-767.

Platz 1

Lockheed Martin (USA) - 43,98 Milliarden Dollar

An der Spitze der Rüstungskonzerne steht Lockheed Martin. Der US-Konzern erwirtschaftete 2011 aus seiner Rüstungssparte 43,98 Mrd. Dollar. Knapp 95 Prozent der Umsätze erwirtschaftet das Unternehmen mit Kriegsgerät: Lockheed Martin stellt einerseits Kampfflugzeuge und -bomber her, darunter die F-16 und die neue, milliardenteure F-22A Raptor. Daneben produziert der Konzern Aufklärungsmaschinen wie die auch von der Bundeswehr genutzte P-3 sowie Luftschiffe. Rein deutsche Hersteller sind im Ranking der größten Rüstungskonzerne nicht in der Top-10.

Dass die drei Regierungen in Berlin, Paris und London sich aber in ein derartiges Gezerre verstricken würden, hätten die Konzernlenker wohl nicht erwartet. "Da regiert unheimlich viel Misstrauen", beschrieb ein Kenner der Verhandlungen das Hauptproblem. Die roten Linien, die die Regierenden für sich formulierten, passen einfach nicht zueinander. Die deutschen etwa verfechten die Position einer deutsch-französischen Balance. Und die heißt: "Wenn die Franzosen im neuen Unternehmen neun Prozent Aktienanteil haben, wollen wir auch neun. Wenn die Franzosen höher gehen, gehen wir auch höher." So jedenfalls heißt es hinter vorgehaltener Hand.

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

10.10.2012, 16:34 Uhr

Dieses Misstrauen ist halt nunmal gerechtfertigt - wie uns die bösartige Übervorteilung durch Frankreich gelehrt hat.

Die Deutschen waren von anfang an gutgläubig - und wurden schäbig übervorteilt und ausgenutzt.

Das dieser naive Dilettantismus endlich sein Ende findet, muss gefeiert werden.

D__menwahl

10.10.2012, 17:23 Uhr


+++ Beitrag von der Redaktion editiert +++

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peace

11.10.2012, 09:33 Uhr

Wieso kann "Größe helfen", wenn die Rüstungsaufträge in den relevanten Märkten zurückgehen?

Sinkt die Nachfrage, so müssen auch die Produktions-Kapazitäten entsprechend angepaßt werden - und zwar nach unten! Ansonsten müssten wir ja einen Krieg anfangen - nur um die Nachfrage zu beleben.

Für EADS bleibt somit die Frage, was sie künftig mit ihrer Rüstungssparte anfangen wollen. Wollen Deutschland und Frankreich aus nationalem Interesse weiterhin bei EADS kaufen (Projekt: Euro-Fighter), so sollten auch die Preise für den Steuerzahler transparent sein, und nicht durch Erlöse aus der zivilen Luftfahrt verschleiert (quer-subventioniert) werden.

Letztlich ist doch die Frage: wollen die Staaten in Europa eine friedliche Welt - oder an Kriegen, Leid, Not und Elend von Millionen von Menschen mitverdienen?

Also, wie viel Rüstungs-EADS brauchen wir für die "Selbstverteidigung" wieviel für's Kriegsgewinnlertum?

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