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24.07.2012

16:04 Uhr

Gewinneinbruch erwartet

Der Mercedes-Stern hat viel an Glanz verloren

Mercedes, einst Symbol des Wirtschaftswunders, fällt heute eher durch Solidität und gepflegte Biederkeit auf. Vor der Präsentation der Zahlen für das zweite Quartal am Mittwoch ist klar: Neue Modelle müssen dringend her.

Das Durchschnittsalter der Mercedes-Käufer ist 55,4 Jahre. Reuters

Das Durchschnittsalter der Mercedes-Käufer ist 55,4 Jahre.

Stuttgart/ München/ DüsseldorfAngesichts der vielen Probleme werden Experten morgen ganz genau hinschauen, wenn Daimler seine Quartalszahlen vorlegt. Die Quartalszahlen entscheiden darüber, ob Daimler im Rennen mit BMW und Audi Schritt halten kann - oder den Anschluss verliert. Die Aussichten scheinen trübe: Analyst Arndt Ellinghorst von der Credit Suisse prognostiziert einen Gewinneinbruch von 20 Prozent für das zweite Quartal - und rechnet für einen späteren Zeitpunkt im Herbst mit einer Gewinnwarnung für das Gesamtjahr.

"Der Wandel von einer etablierten deutschen Unternehmensmarke zur globalen jungen Marke hat nicht funktioniert", sagt der Designkritiker Paolo Tumminelli. Das Durchschnittsalter der Mercedes-Käufer ist mit 55,4 Jahren deutlich höher als das Alter von Audi- oder BMW-Käufern. Die heutige Mercedes-E-Klasse hingegen, mit 305.000 verkauften Wagen im Jahr 2011 der wichtigste Umsatzbringer, fällt vor allem durch Solidität und gepflegte Biederkeit auf.

Das drückt sich auch in den Geschäftszahlen aus: 2011 wurden in Westeuropa nur noch 599.000 Fahrzeuge der Marke Mercedes-Benz zugelassen - 19 Prozent weniger als vor zehn Jahren. Konkurrent Audi hingegen steigerte den Verkauf in der vergangenen Dekade um 26 Prozent auf 684 000 Fahrzeuge, BMW um 25 Prozent auf 647 000. Das stille Wirtschaftswunder der letzten zehn Jahre - Wiedervereinigung, europäischer Binnenmarkt, Globalisierung - ging im Kernmarkt Westeuropa an Daimler vorbei.

Auch in China, dem größten Automarkt der Zukunft, ist Mercedes weit abgeschlagen. Im ersten Halbjahr 2012 brachte der Konzern dort nur 99 400 Fahrzeuge an den Kunden - 60 000 weniger als BMW und nicht einmal halb so viele wie Audi.

Die größten Autohersteller in Europa

Platz 10

Nissan - 239.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Im Vergleich zum Vorjahr büßen die Japaner Marktanteile ein. Die Zahl der Neuzulassungen schrumpfte um drei Prozent.

Platz 9

Toyota - 295.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Weltweit gehören die Japaner zu den größten Autokonzernen. In Europa stagnieren die Absätze allerdings. Im Vergleich zum Vorjahr wurden ein Prozent weniger Neuwagen verkauft.

Platz 8

Daimler - 349.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Der deutsche Premiumhersteller kann sich freuen: Als einziger Hersteller in der europäischen Top Ten verkauften die Stuttgarter mehr Autos als im Vorjahr. Die Verkäufe legten um ein Prozent zu.

Platz 7

BMW - 421.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Trotzdem kann BMW die Premiumkrone auch in Europa behaupten. Die Münchner verkauften zwar ein Prozent weniger Neuwagen als im Vorjahr - doch das ist immer noch besser als die Konkurrenz.

Platz 6

Fiat - 456.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Die Sorgenfalten von Fiat-Chef Sergio Marchionne dürften zunehmen. Mit einem Minus von 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr befinden sich die Italiener in einer der tiefsten Absatzkrisen der Unternehmensgeschichte.

Platz 5

Ford - 533.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Auch für den US-Autobauer, dessen größtes Werk in Europa nördlich von Köln liegt, sind die Verkäufe in Europa eingebrochen. 11 Prozent weniger Fahrzeuge wurden an den Mann gebracht.

Platz 4

General Motors - 573.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Die Zahlen sind besorgniserregend. So besorgniserregend, dass zuletzt auch Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke gehen muss. In Europa brachen die Verkäufe des US-Riesen im Vergleich zum Vorjahr um 11 Prozent ein.

Platz 3

Renault - 583.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Noch schlimmer trifft es den französischen Autoriesen Renault. Satte 17 Prozent weniger Autos konnten die Franzosen im ersten Halbjahr absetzen. Die Regierung denkt bereits über Staatshilfen für die angeschlagene heimische Autoindustrie nach.

Platz 2

Peugeot/Citroën - 827.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Auch der größte französische Autobauer klagt über Absatzprobleme und kündigte zuletzt an, 8000 Stellen streichen zu wollen. Im ersten Halbjahr schrumpften die Verkäufe um 14 Prozent.

Platz 1

Volkswagen - 1,66 Millionen Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Es ist einsam an der Spitze: Die Wolfsburger deklassieren die Konkurrenz um längen. Im schwierigen europäischen Massenmarkt verliert Volkswagen zwar ein Prozent - doch insgesamt nehmen die Marktanteile zu.

So klaffen Anspruch und Wirklichkeit immer weiter auseinander. Konzernchef Zetsche hat zwar das Ziel ausgegeben, mehr Autos zu verkaufen als die Konkurrenten Audi und BMW. Doch genau diese Wachstumswünsche schlagen nun auf die Bilanz durch. Denn Zetsche muss den Verkauf künstlich ankurbeln. Das Kundeninteresse ist schwächer als die Planvorgaben. Also wird der Preis heruntergepegelt. "Gerade in der beliebten Kategorie der Sports Utility Vehicles (SUV) ist Daimler deutlich billiger als BMW und Audi", sagt der Markenexperte Frank Dopheide. "Das passt nicht zu Daimler. Das verwirrt den Kunden."

Daimler selbst erklärt die schwierige Lage mit den Zyklen der Branche. Fahrzeugmodelle werden üblicherweise sieben Jahre lang produziert. Das Flaggschiff von Daimler, die S-Klasse, ist schon sechs Jahre alt. Das Volumenmodell C-Klasse fünf und die margenstarke E-Klasse geht ins vierte Jahr. Alle drei Fahrzeugtypen sind damit relativ alt und naturgemäß im Design nicht so modern wie die neueren Modelle der Konkurrenz. Zetsche hofft, dass der Nachteil von heute zum Vorteil für morgen wird, gewissermaßen automatisch. Mit den anstehenden Modellwechseln wird Mercedes spätestens ab 2014 die jüngste Flotte im Markt haben.

Deshalb muss jetzt gespart werden. Ein Logistikzentrum in Sindelfingen wird erst einmal nicht gebaut. Produktionschef Wolfgang Bernhard, möglicher Nachfolger von Konzernchef Dieter Zetsche, will außerdem die Arbeitstakte in den Werken erhöhen.

Kommentare (39)

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Account gelöscht!

24.07.2012, 16:12 Uhr

Besser solide und bieder, als nach fünf Jahren Rostspuren am Fahrzeug...

Account gelöscht!

24.07.2012, 16:23 Uhr

Das Chryslerfiasko hat Daimler (offiziell) 40 Mrd gekostet, die für die Weiterentwicklung und Qualitätssicherung gefehlt haben. Rost durch billigen Stahl im Zeitalter der voll verzinkten Karosserien, brüchige Kabel und unbeherrschbare Elektronikprobleme, passen nicht mit hohen Preisen zusammen! Hochmut kommt vor dem Fall.
Grundig, Neckermann, Schlecker, Quelle sind einige Beispiele.

Ob Daimler schon so weit ist, weiß ich nicht. Ich kann als geplagter w211 Besitzer nur sagen, nie wieder Mercedes.


G4G

24.07.2012, 16:24 Uhr

@Zeitzeuge
Genau so ist es !
Wahnsinnspreise, Rost und schlechte Qualität, das ist Mercedes schon seit Schremmp und Co.
Da ging und geht es nur um den Shareholder Value und keinesfalls um TOP Autos, die zudem immer hässlicher im Einheitslook untergehen.
Ich habe der Marke nach 25 Jahren den Rücken gekehrt und bin jetzt sehr viel zu friedener mit meinen Autos.
Rostspuren ist übrigens milde ausgedrückt. Seit dem W210 rosten die Dinger unter dem Arsch weg. Für den Austausch von Glühkerzen hat man Angst und klemmt.
Der Wertverfall ist dramatisch, so werden in 11 Jahren aus 86.000 DM > 3000 Euro.
Auch den W 211-er will gebraucht keiner mehr haben. Pleiten Pech und Pannen.
Aber Geld für blöde Werbebriefe mit sinnlosen Magazinen.
Wenn Daimler so weiter macht, kauft den Stern ein Chinese.

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