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16.07.2012

12:42 Uhr

GM-Boss Dan Akerson

Er kam, sah - und feuerte

VonCarsten Herz, Mark Christian Schneider

Der Rauswurf von Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke war keinesfalls von langer Hand geplant. Es war vielmehr ein Spontanentschluss von GM-Boss Dan Akerson beim Besuch in Rüsselsheim - eine Entscheidung mit verheerenden Folgen auch für Opel.

GM-Boss Dan Akerson forderte Stracke zum sofortigen Rücktritt auf. picture alliance/dpa

GM-Boss Dan Akerson forderte Stracke zum sofortigen Rücktritt auf.

Frankfurt/HamburgAls Dan Akerson von Detroit zum Opel-Stammsitz nach Rüsselsheim flog, wollte er sich eigentlich nur ein Bild von der schwierigen Lage der GM-Tochter machen. Doch als Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke dem Boss von General Motors (GM) am Donnerstag mitteilte, bei dem Sanierungsplan 2016 gebe es noch eine Unterdeckung in dreistelliger Millionenhöhe, riss Akerson der Geduldsfaden. Opel hatte sich ein weiteres Mal nicht an die Vorgaben gehalten. Ein weiteres Mal spielten die Rüsselsheimer auf Zeit - diesen Eindruck gewann offenbar Akerson.

Impulsiv forderte er den überraschten Stracke zum sofortigen Rücktritt auf. Das Vorgehen ist ebenso unbedacht wie typisch für den früheren Navy-Offizier Akerson, den das Handelsblatt einmal als "den Ungeduldigen" porträtiert hatte. Als Akerson vor einigen Jahren in einem deutschen Krankenhaus an der Galle behandelt wurde, berichtete die "Washington Post", dass er sich selbst die Schläuche aus dem Arm gerissen habe und zurück in die USA geflogen sei. Die deutschen Ärzte seien ihm zu langsam gewesen.

Das Prinzip des "hire and fire" entspricht Akersons Temperament. Bevor er 2010 zum GM-Chef aufstieg, arbeitete er für die US-Beteiligungsgesellschaft Carlyle. Andere Firmen zu kaufen und sie nach dem Abbau von Jobs gewinnbringend wieder zu verkaufen war sein Tagesgeschäft. Rücksicht zu nehmen gilt in der Branche der Beteiligungsmanager als Willensschwäche.

Für Opel sind die Folgen dieser Spontanität allerdings verheerend. GM-Vizechef Stephen Girsky übernahm am Donnerstag zusätzlich Strackes Posten. Doch er wird der Vorstandschef mit der kürzesten Amtszeit in der 150-jährigen Geschichte des Autobauers sein: Bereits morgen soll der Aufsichtsrat Strategievorstand Thomas Sedran zum Vorstandsvorsitzenden befördern, erfuhr das Handelsblatt aus Konzernkreisen. Doch auch der 47-jährige Sedran soll Opel nur kommissarisch führen. GM will sich bei der Suche nach einer Dauerlösung bis Ende dieses Jahres Zeit lassen.

Die europäischen Opel-Werke im Überblick

Die Ausgangslage

Opel leidet unter sinkendem Absatz und teuren Überkapazitäten. Nun will der Autobauer in seinem Werk in Bochum keine Autos mehr bauen. Eine Übersicht über die Fertigungsstätten.

Bochum

In Bochum laufen der Astra Classic und der Zafira Tourer vom Band. Ende 2014 läuft die Produktion aus. Danach soll die Autoproduktion eingestellt werden.

Rüsselsheim

Am Stammsitz Rüsselsheim werden der Insignia sowie ein Astra-Modell (5-Türer) gefertigt. 13 800 Mitarbeiter sind am Standort beschäftigt, davon 3500 in der Produktion und 7000 im Bereich Entwicklung und Design.

Eisenach

In Eisenach bauen knapp 1600 Beschäftigte den Corsa.

Kaiserslautern

In Kaiserslautern bauen knapp 2700 Beschäftigte Komponenten, Motoren und Achsen.

Gleiwitz (Polen)

In Gleiwitz läuft seit 2011 nur noch der Astra (bis 2010 auch der Zafira) vom Band; in Polen sind rund 3500 Menschen beschäftigt.

Saragossa (Spanien)

Am Standort Saragossa fertigen rund 6100 Mitarbeiter den Corsa, den Meriva und den Combo. Ab 2014 soll auch der Mokka in Spanien gebaut werden.

Ellesmere Port (England)

Etwa 2100 Mitarbeiter bauen für die Opel-Schwester Vauxhall in Ellesmere Port Astra-Modelle. Dort konnte das Management zuletzt rigide Sparmaßnahmen durchsetzen.

Luton (England)

In Luton wird der Transporter Opel Vivaro von 1100 Beschäftigten gefertigt.

Sonstige

Motoren und/oder Getriebe werden zudem in Szentgotthárd (Ungarn/660 Mitarbeiter) und Aspern (Österreich/1700) sowie in einem Joint Venture in Tychy (Polen) hergestellt. In Rüsselsheim und Turin hat der Hersteller Entwicklungszentren.

Bereits geschlossen wurde das Werk Antwerpen mit zuletzt mehreren tausend Mitarbeitern.

Der Autobauer versinkt im Führungschaos - mal wieder. Bei Opel hielten sich in den vergangenen sechs Jahrzehnten die Chefs im Schnitt nicht einmal vier Jahre. Branchenkenner kritisieren, das Image der Marke Opel werde weiter lädiert. "Bei Opel herrschen Chaostage", sagt ein Insider.

Dabei ist die Lage schon dramatisch. In diesem Jahr droht der sechste hohe Verlust in Folge. In den ersten fünf Monaten verkauften Opel und die Schwestermarke Vauxhall in Europa fast 16 Prozent weniger Autos als im Vorjahreszeitraum. Mit 370.000 Neuwagen erzielte Opel gerade noch 6,8 Prozent Marktanteil - in den 60er-Jahren lag der Anteil noch bei 25 Prozent.

Fraglich ist, ob der Sanierungsplan von Stracke und Girsky haltbar ist. Er sah bis 2016 weder Werksschließungen noch Kündigungen vor und setzte stattdessen auf den Erfolg zahlreicher neuer Modelle. Rausschmeißer Dan Akerson will aber Ergebnisse sehen. Sonst betrifft das "hire and fire" nicht mehr nur das Management.

Kommentare (18)

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svebes

16.07.2012, 12:59 Uhr

Zitat: Rücksicht zu nehmen gilt in der Branche der Beteiligungsmanager als Willensschwäche.
Klar Gewinne privatisiert dieser menschliche Schmutz immer. Verluste wollen sie "sozialisieren". Blöd wie wir Deutschen sind zahlen wir ja gerne per Rettungsschirm gerne für die geplatzten Blasen derartiger Schmarotzer. Diese ganzen geistig kurzfristig angelegten Filetierer ( bei dem zu unterstellenden Horizont dieses Militärs )sind doch für enorme Geldvernichtung, zugunsten Weniger, verantwortlch.

Account gelöscht!

16.07.2012, 13:09 Uhr

Oje da vermischen sie aber das eine mit dem anderem. Das hier ist lediglich eine Heuschrecke, defintiv damit kein Menschenfreund oder jemand dem man Ehrerbietung schuldet.
Heuschrecken lösen Betriebe auf und die Leute stehen auf der Straße. Das ist defintiv nicht schön, aber notwendig damit der gesamte Konzern überlebt. Der Verlust des Arbeitsplatzes ist eine schlimme Sache, ist aber kein sozialisierter Verlust.
Ein sozialisieren wäre es, wenn man sagen würde: Liebes Deutschland, entweder ihr zahlt uns genau diesen Verlust per Monatlichen Rate oder wir machen den Laden dicht (zusätzlich zu irgendwelchen Subventionen die alle Autobauer bekommen).

Mikey01

16.07.2012, 13:37 Uhr

Es ist schon unglaublich...die Arroganz der Amerikaner mit ihrer bescheidenen Sicht auf die Welt. Ich habe selten eine Firma kennengelernt, die achlechter gemanagt ist....und ja, ich komme aus Rüsselsheim.

Die Ingenieure hat man abgezogen und in die Welt geschickt...die Welt hat uns Lopez beschert und damit den größten Qualitäts- und Imageverlust, den man sich vorstellen kann. In den letzten Jahren wenig Investment...Opel hat das trotzdem gemeistert. Opel verweigert man den Zugang zu internationalen Märkten und baut anstatt dessen mit Daewoo-Produkten und dem Chevrolet Badge eine internatinale Marke auf. Opel könnte leicht 100.000 Autos im Jahr mehr verkaufen, wenn ein paar Leute in USA "Big Balls" hätten. Management jedenfalls, das geht anders.

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