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24.05.2017

20:23 Uhr

Grammer-Hauptversammlung

Machtübernahme durch Großaktionär Hastor ist gescheitert

Die Investorenfamilie Hastor ist mit ihrem Versuch gescheitert, beim Autozulieferer Grammer die Macht zu erobern. Die Hauptversammlung lehnte die Absetzung des gesamten Vorstands und die Neubesetzung des Aufsichtsrats ab.

„Zusammenstehen mit Grammer in die Zukunft gehen“ steht auf einer Warnweste eines Mitarbeiters von Grammer. Die Belegschaft protestierte gegen die Investorenfamilie Hastor. dpa

Grammer

„Zusammenstehen mit Grammer in die Zukunft gehen“ steht auf einer Warnweste eines Mitarbeiters von Grammer. Die Belegschaft protestierte gegen die Investorenfamilie Hastor.

AmbergDie Machtübernahme der umstrittenen Investorenfamilie Hastor beim bayerischen Autozulieferer Grammer ist gescheitert. Die Hauptversammlung lehnte die beantragte Absetzung des gesamten Vorstands und die Neubesetzung des Aufsichtsrats am Mittwoch in Amberg ab. Hastor-Anwalt Franz Enderle kündigte aber bereits Widerspruch gegen sämtliche Beschlüsse an.

Arbeitnehmervertreter, Politiker und Aktionärsvertreter hatten vor einem Kontrollwechsel bei dem Zulieferer gewarnt. Grammers größter Kunde Volkswagen liegt mit den Hastors über Kreuz. Die IG Metall sah Aufträge und weltweit bis zu 15 000 Arbeitsplätze in Gefahr.

Der Entscheidung war eine achtstündige, teilweise turbulente Debatte vorausgegangen. Enderle wurde mehrfach mit Buhrufen und Pfiffen unterbrochen. Die Abstimmung fiel dann deutlich aus. Die Hastors sind mit gut 23 Prozent der Anteile größter Grammer-Aktionär. Auf der Hauptversammlung waren allerdings 67,3 Prozent der Aktien vertreten - ungewöhnlich viele für Grammer.

Das Hastor-Firmenimperium

Von Jugoslawien nach Wolfsburg

Prevent hat seine Wurzeln 1952 in einer Sattlerei in Sloveni Grad im ehemaligen Jugoslawien, wie die Unternehmensberatung Oaklins mitteilte. 1976 wurde VW dort Kunde für Sitzbezüge. 1992 zog Prevent nach Wolfsburg um. Inzwischen gehören etwa drei Dutzend Firmen mit annähernd 12.000 Mitarbeitern rund um den Globus zum Firmengeflecht des Ingenieurs Nijaz Hastor und seiner Söhne Kenan und Damir.

Car Trim und ES Automobilguss

Oaklins war bei der Übernahme der beiden sächsischen Autozulieferer Car Trim und ES Automobilguss im Jahr 2015 beteiligt. Die Unternehmen bauen in Deutschland, Tschechien und Bosnien Getriebeteile, Sitze und Innenausstattung für VW, Audi, Porsche und andere Hersteller. 2016 machten die Unternehmen mit einer spektakulären Auseinandersetzung mit Volkswagen Schlagzeilen.

Keiper, TWB, Grammer

Ebenfalls 2015 kaufte Prevent auch das Südamerika-Geschäft des Sitzherstellers Keiper. Zu Prevent gehört auch das TWB Presswerk in Hagen mit etwa 500 Stellen. Der bayerische Autozulieferer Grammer, bei dem die Familie jetzt mit 20 Prozent größter Aktionär ist und die Kontrolle übernehmen will, wäre mit 12.000 Mitarbeitern und rund 1,6 Milliarden Euro Umsatz der weitaus dickste Brocken im Firmengeflecht.

Wössner, Gepade, Alno

Den Möbellieferanten Wössner in Sulz am Neckar kaufte Prevent 2016 – inzwischen wurde die Produktion nach Bosnien verlagert. Der westfälische Möbelhersteller Gepade hatte kurz nach der Übernahme durch Prevent Insolvenz angemeldet. Inzwischen ist Prevent auch größter Aktionär beim kriselnden schwäbischen Küchenhersteller Alno.

Unsichtbarer Investor

Öffentlich tritt Hastor selten auf. Selbst die Hastor-Stiftung für Nachwuchstalente in Sarajevo zeigt den Stifter nicht.

Quelle: dpa

Andreas Kienle von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) sagte, der Ausgang sei vielleicht „nur ein Pyrrhussieg, eine kleine Atempause“. Jahrelange Auseinandersetzungen und Prozesse drohten Grammer im eigentlichen Geschäft zu lähmen. „Wenn wir derart verhärtete Fronten haben, dass fast putschartige Zustände herrschen, liegt das in der Regel nicht nur an einer Seite.“ Ein Aktionär meinte, Grammer habe nun einen unzufriedenen, mit dem Vorstand zerstrittenen Großaktionär an Bord.

Enderle warf Grammer-Vorstandschef Hartmut Müller Untreue und den Verrat von Geschäftsgeheimnissen vor. Dieser und Aufsichtsratschef Klaus Probst hätten zusammen mit dem größten Grammer-Kunden VW einen Plan zur Abwehr der Hastors geschmiedet und den Auftragseinbruch seit der Bekanntgabe der Hastor-Pläne veröffentlicht.

Laut Müller waren seit Januar 60 Prozent weniger Bestellungen eingegangen. Enderle sagte, darüber hinaus habe Müller gelogen mit dem Vorwurf, die Hastors hätten das Gespräch mit dem Vorstand verweigert. Das Vertrauen sei nun zerstört. An die Stelle der drei abzuwählenden Aufsichtsräte wollte Enderle daher Manager von Hastors Prevent-Gruppe wählen lassen.

Die Familie werde investiert bleiben und ihr Aktienpaket nicht nennenswert aufstocken, sagte Enderle. Schon mit 25,1 Prozent hätten die Hastors ein Vetorecht und könnten alle wichtigen Entscheidungen blockieren. Ob der von Grammer kurz vor der Hauptversammlung als Aktionär und „weißer Ritter“ an Bord geholte chinesische Autozulieferer Jifeng überhaupt mitstimmen durfte, werde womöglich in fünf Jahren der Bundesgerichtshof klären.

Müller hatte gewarnt, die Hastors gefährdeten die Zukunft von Grammer. Günther Hausmann von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) warf der Familie einen „nicht nachvollziehbaren Anschlag auf das Unternehmen“ vor. Mit ihnen müsse man Angst um den Bestand, die Arbeitsplätze und den Wert der Aktien haben. Unter Vorstandschef Müller habe sich Grammer hervorragend entwickelt, seine Expansionsstrategie im Ausland sei richtig, die jüngsten Geschäftszahlen seien hervorragend.

Bei einer Kundgebung von 2500 Beschäftigten der nahen Grammer- und Siemens-Werke sagte der bayerische IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler, in Deutschland seien 3000, weltweit sogar 15 000 Arbeitsplätze „gefährdet, wenn die Hastors bei Grammer das Sagen kriegen. Deshalb kämpfen wir so vehement gegen diesen Investor.“ Der Autoexperte der Gewerkschaft, Frank Iwer, meinte: Wer „versucht, höhere Margen mit Gewalt durchzusetzen, setzt bewusst die Existenz von Betrieben, Beschäftigten mit ihren Familien, ja von ganzen Regionen aufs Spiel“.

Prevent hatte mit plötzlichen Lieferstopps zur Durchsetzung von Geldforderungen bei Volkswagen in der ganzen Autoindustrie für Aufregung gesorgt. Im vergangenen August hatte der mächtige Lieferant Bänder in Wolfsburg und Emden stillgelegt, im Jahr zuvor die Zulieferung von Sitzen für VW in Brasilien monatelang auf Eis gelegt.

Von

dpa

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