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12.07.2015

12:30 Uhr

Griechenland-Krise

Was tun, sprach Zeus - und sandte ein Hilfspaket

VonMartin Tofern

Eine Geschichte wie aus der Göttersage: Ein deutscher Maschinenbauer hört vom Unglück eines griechischen Unternehmers - und er setzt ein ganz persönliches Hoffnungszeichen. Es geht ums wirtschaftliche Überleben.

Nach einem TV-Bericht im deutschen Fernsehen meldete sich ein deutscher Unternehmer, der Grigoris Tekos unterstützen möchte. Privat

Kann nichts importieren

Nach einem TV-Bericht im deutschen Fernsehen meldete sich ein deutscher Unternehmer, der Grigoris Tekos unterstützen möchte.

ThessalonikiDieser Mann lässt sich nicht unterkriegen. Griechenland steht vor dem Abgrund, in seiner Firma Synco, einem mittelständischen Hersteller von Fenstern und Türen in Thessaloniki, herrscht Stillstand. Doch Grigoris Tekos, 44, kämpft. Vor allem mit Worten. Er schreibt Briefe an Abgeordnete und Behördenvertreter und wettert gegen Gesetze und Verordnungen, die er für unsinnig hält. Er schimpft in seinem Blog auf Vetternwirtschaft und Korruption. Und er gibt sehr gerne Interviews.

Weil er obendrein auch noch fließend Deutsch spricht, meldet sich das deutsche Fernsehen bei ihm. Erst die ARD und ein paar Tage später auch das ZDF. In einem Beitrag für eine Sondersendung zur Krise im Land schildert er in eindringlichen Worten, dass es seinem Unternehmen seit der Krise schlecht geht.

Seit Einführung der Kapitalverkehrskontrollen kann er nicht mehr produzieren. Tekos kauft alle Teile, die er zur Produktion braucht, in Deutschland ein und lässt sie in Thessaloniki zusammenbauen. Jetzt darf er diesen Nachschub nicht mehr bezahlen, auch wenn er es könnte. Denn kein Euro darf mehr das Land verlassen.

Die nächsten entscheidenden Termine im Griechenland-Fahrplan

10./11. Juli

Die Sitzung des griechischen Parlaments über den Regierungsvorschlag des Spar- und Reformprogramms sollte nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur am frühen Freitagnachmittag beginnen. Der Zeitpunkt der Abstimmung blieb zunächst unklar. Das Parlament in Athen sollte angesichts des Dringlichkeit im Schnellverfahren zunächst den neuen griechischen Finanzminister Euklid Tsakalotos damit beauftragen, die nötigen Verträge im Falle einer Einigung mit den Gläubigern zu unterzeichnen. Spekuliert wurde, dass sich die Sitzung bis in den Samstagmorgen hinziehen könnte.

Die Experten der geldgebenden Institutionen von Internationalem Währungsfonds (IWF), Europäischer Zentralbank (EZB) und EU-Kommission wollten noch am Freitag die Vorschläge prüfen und ihre Bewertung an die Eurogruppe weiterleiten.

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hat sich für Freitag zu einer Telefonkonferenz mit IWF-Chefin Christine Lagarde, EZB-Präsident Mario Draghi und Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem verabredet.

11. Juli

Voraussichtlich ab 15.00 Uhr wollen die Finanzminister der Eurozone in Brüssel über die Spar- und Reformvorschläge der griechischen Regierung beraten und zur Entscheidung kommen.

12. Juli

16.00 Uhr: Sondertreffen der 19 Regierungs- und Staatschefs der Euroländer in Brüssel, wenn die Euro-Finanzminister am Vortag die Vorschläge aus Athen als unzureichend ablehnen sollten, womit sich die Lage für Griechenland dramatisch zuspitzen würde und eine Staatspleite nicht mehr auszuschließen ist. Gibt es von den Finanzministern dagegen ein Ja, könnte diese Sitzung entfallen.
18.00 Uhr: Die Chefs aller 28 EU-Staaten kommen zu einem Sondergipfel zusammen, um über die Aufnahme von Verhandlungen mit Griechenland über ein drittes Hilfspaket zu entscheiden. Anschließend wollen sich EU-Ratspräsident Donald Tusk und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker vor der Presse äußern.

13. Juli

Falls die Entscheidung des EU-Sondergipfels positiv ausfällt, will das Finanzministerium in Berlin einen Antrag auf Sondersitzung des Bundestags stellen. Einer Einigung auf EU-Ebene muss der Bundestag zustimmen. Die Parlamentarier sind seit einer Woche in der Sommerpause.
Die EZB will Notenbankkreisen zufolge erneut über bislang aufrechterhaltenen Notkredite für die griechischen Banken beraten. Seit Monaten sind die Banken des hoch verschuldeten Landes vor allem auf Ela-Notkredite angewiesen. Die Kredite liegen seit dem 26. Juni auf dem Niveau von knapp 90 Milliarden Euro. Die Nothilfe ist umstritten, weil die Banken nach Ansicht von Kritikern damit auch die Staatsfinanzierung unterstützen. Die griechischen Banken und Börsen bleiben weiter geschlossen.
15.00 Uhr: Die Finanzminister der Eurozone treffen sich erneut. Ein wichtiger Punkt ist die - wegen des Schuldendramas verschobene - Neuwahl des Eurogruppenchefs. Wie intensiv auch über Griechenland gesprochen wird, dürfte von der Entwicklung am Wochenende abhängen.
Athen muss eine weitere Rate von knapp 500 Millionen Euro an den IWF zurückzahlen. Griechenland ist beim IWF in Verzug, denn aus Geldnot wurde bereits die letzte Rate von 1,6 Milliarden Euro Ende Juni nicht gezahlt.

17. Juli

Weitere T-Bills, das sind griechische Anleihen mit kurzfristiger Laufzeit, in Höhe von einer Milliarde Euro werden fällig.

20. Juli

Athen muss insgesamt rund 3,5 Milliarden Euro an die Europäische Zentralbank (EZB) zurückzahlen. Sollte diese Zahlung ausfallen, dürfte die EZB laut Experten kaum in der Lage sein, weiter Ela-Kredite an griechische Banken zu ermöglichen.

Tekos wird in dem Beitrag gut in Szene gesetzt, macht einen sympathischen Eindruck. Kurz nach der Ausstrahlung klingelt bei ihm das Telefon. Der Geschäftsführer des deutschen Maschinenbauers Böhme ist am Apparat und sagt: „Der Beitrag hat mich berührt. Ich möchte, dass Sie weiter existieren können.“ Er bietet an, dringend benötigte Ersatzteile für die Maschinen, mit denen Synco Fenster und Türen produziert, erst einmal kostenlos zu liefern. Das ist vielleicht noch nicht die Rettung der Firma, aber ein großes Hoffnungszeichen.

Schon sein Lebensweg von Grigoris Tekos ist ungewöhnlich genug. Geboren in Nürnberg als Sohn griechischer Eltern, macht er in Deutschland Abitur. Er ist Franke durch und durch, leidenschaftlicher Anhänger des Clubs (also des 1. FC Nürnberg). Sein Lieblingsessen sind Nürnberger Bratwürste mit Sauerkraut. Was hätte also näher gelegen, als in Deutschland zu studieren und Karriere zu machen?

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Doch es kommt anders. Seine Eltern sagen: „Du musst doch zurückgehen in die Heimat.“ Für Tekos eine etwas kuriose Argumentation, denn Heimat ist für ihn ja Nürnberg. Doch er lässt sich darauf ein, geht mit gerade einmal 18 Jahren allein nach Thessaloniki.

Und statt unter der Einsamkeit zu leiden, fühlt er sich wie befreit: „Meine Eltern haben mir immer harte D-Mark geschickt, und ich war unbeaufsichtigt. Das war für mich eine wunderbare Zeit.“ Tekos studiert, arbeitet als Angestellter in einem Zeitungsverlag und macht sich schließlich mit einer eigenen Werbefirma selbstständig.

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