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17.01.2012

13:03 Uhr

Handelsblatt-Energietagung

Großmann mahnt europäische Energiepolitik an

VonJürgen Flauger, Klaus Stratmann

RWE-Chef Jürgen Großmann mahnt eine gemeinsame europäische Energiepolitik an. Da liegt es nah, auch Spitzen gegen Günther Oettinger und Philipp Rösler zu verteilen. Doch der Wirtschaftsminister wehrt sich.

Der Vorstandsvorsitzende des Energieversorgers RWE, Jürgen Großmann. dapd

Der Vorstandsvorsitzende des Energieversorgers RWE, Jürgen Großmann.

BerlinDas konnte RWE-Chef Jürgen Großmann so wirklich nicht auf sich sitzen lassen. In der vergangenen Woche regte EU-Energiekommissar Günther Oettinger doch tatsächlich eine Fusion der beiden größten deutschen Energiekonzerne Eon und RWE an.

Diese, stichelte Oettinger, spielten doch im Weltmaßstab nur Regionalliga. Großmann nahm den Ball auf der Handelsblatt Jahrestagung „Energiewirtschaft 2012“ in Berlin dankbar auf. Die Tagung sei auch nicht mehr das, was sie einmal gewesen sei, rief er den 1200 Managern beim größten Branchentreffen in Deutschland zu. „Hier wird dritte Liga geboten. Früher kamen an dieser Stelle wirklich einflussreiche europäische Energieversorger zu Wort. Heute bin ich da. Der vom Regionalligaclub RWE.“

Aber, die Anwesenden könnten beruhigt sein. „Bevor der HSV mit St. Pauli, 1860 mit den Bayern oder Hertha mit Union fusioniert, fällt den Verantwortlichen vielleicht doch noch was anderes ein.“ Doch es ging Großmann auch ganz ernsthaft um die Sache: Der RWE-Chef, der wie kein zweiter Energiemanager im vergangenen Jahr für die Zukunft der Kernenergie gekämpft hatte, bekannte sich grundsätzlich zur Energiewende, die die Bundesregierung im vergangenen Sommer nach dem Reaktorunglück von Fukushima eingeleitet hat  „Wir akzeptieren selbstverständlich das Primat der Politik“, sagte Großmann. „An RWE wird die Energiewende ganz sicher nicht scheitern.“

Energiewende als Herkulesaufgabe

Stromnetze

Der Ausbau der Transport- und Verteilnetze spielt eine Schlüsselrolle, trifft aber auf Bürgerproteste und verzögert sich. Genehmigungen dauern teils mehr als zehn Jahre. Neue Leitungen sind nötig, um etwa den Windstrom vom Norden Deutschlands zu den Verbrauchern im Süden zu transportieren. Allein bei den Höchstspannungsnetzen fehlen laut Deutscher Energieagentur 3.700 Kilometer bis 2025, gebaut wurden in den letzten Jahren aber nur rund 100 Kilometer. Auch der Anschluss von Offshore-Windrädern stockt.

Kraftwerke

Ohne neue konventionelle Kraftwerke kann die Energiewende kaum gelingen, da sie die Schwankungen des Ökostroms ausgleichen. Mit dem Atomausstieg bis Ende 2022 fehlen Kraftwerke mit 20.000 Megawatt Kapazität, die rund um die Uhr laufen können. Zwar gehen auch neue Kraftwerke ans Netz, andere werden aber stillgelegt. Die Bundesregierung setzt auf neue Gaskraftwerke, da diese weniger klimaschädlich als Kohlemeiler sind.

Viele Versorger zögern mit dem Bau, da sich Gaskraftwerke wegen hoher Brennstoffkosten und niedriger Stromabsatzpreise nicht lohnten. Ob eine Kraftwerkslücke droht ist umstritten: Die Netzagentur erwartet in diesem Winter keinen Stromausfall, die Versorgungssicherheit bleibe aber für Jahre angespannt. Nach dem Aus von acht der 17 AKW greift Deutschland verstärkt auf Stromimporte aus Ländern wie Frankreich, Polen und Tschechien zurück, ist 2011 insgesamt aber Nettoexporteur geblieben.

Die Energieriesen

Die Akw-Betreiber E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall Europe wurden von der Atomwende kalt erwischt. 2011 mussten die AKW-Betreiber hohe Einbußen hinnehmen. E.ON rechnet mit dem ersten Nettoverlust in der Firmengeschichte. Allein E.ON und RWE wollen in den kommenden Jahren weltweit fast 20.000 Jobs abbauen. Die Konzerne, die bislang auf Atom und Kohle gesetzt haben, wollen ihr Ökostromgeschäft ausbauen, können sich aber eine schnelle Erhöhung der Investitionen nach eigenen Angaben nicht leisten, da die abgeschalteten AKW als Gewinnbringer fehlen.

Stadtwerke

Die 900 Stadtwerke in Deutschland wollen Milliarden in neue Kraftwerke investieren und ihren Anteil an der Stromerzeugung in den nächsten zehn bis 15 Jahren auf 25 Prozent mehr als verdoppeln. Allein die acht größten deutschen Stadtwerke halten Investitionen von zehn Milliarden Euro binnen zehn Jahren für möglich. Sie wollen den Platzhirschen Konkurrenz machen.

Windkraft

Mit 7,6 Prozent vom Energiemix macht Strom aus Windkraft den größten Teil der erneuerbaren Energien aus. Laut Branchenverband BDEW lag die Kapazität Mitte 2011 bei 28.000 Megawatt. Vor den deutschen Küsten drehten sich 54 Windräder mit insgesamt 210 MW. Damit scheinen die Ziele unerreichbar, bis 2020 rund 7600 MW und bis 2030 etwa 25.000 MW Offshore-Windenergie zu installieren. Um das Ausbauziel bis 2030 zu erreichen, ist laut Bundesumweltministerium eine jährliche Zubaurate von bis zu 1500 MW erforderlich. Dies entspricht der Installation von einer Windturbine pro Tag während der „Schönwetter-Saison“, die nur etwa die Hälfte des Jahres ausmacht. Neben Technik-Problemen sind die hohen Kosten für die Offshore-Anlagen ein Hemmschuh.

Solarstrom

Die lange hoch subventionierte Photovoltaik hatte 2011 nur 3,2 Prozent Anteil am Energiemix, aber 60 Prozent mehr als im Vorjahr. Die in Deutschland installierten Anlagen könnten rechnerisch 5,1 Millionen Haushalte versorgen. Bis 2020 soll der Anteil der Solarenergie auf zehn Prozent steigen. Nach der reduzierten Förderung liegt die staatlich garantierte Vergütung des Solarstroms fast auf dem Niveau des Haushaltspreises für Strom. Damit wird für Anlagen-Betreiber der Eigenverbrauch interessant. Bei den derzeitigen technischen Standards ist es allerdings für einen Privathaushalt kaum möglich, mehr als 30 Prozent des erzeugten Solarstroms selbst zu verbrauchen.

Energiespeicher

Eine der Hürden ist neben den Netzkapazitäten die Speicherung der Energie. Batterien, die im großen Stil Strom aus erneuerbaren Quellen speichern können, stehen noch am Anfang. Daher müssen konventionelle Kraftwerke wegen wetterbedingter Produktionsschwankungen derzeit noch die gleiche Menge an potenzieller Leistung bereitstellen.

Wärme

Die Politik konzentriert sich auf die Stromerzeugung, dabei gilt der Wärmesektor als „schlafender Riese“. Hier gibt es große Potenziale in der Erzeugung und beim Sparen: Mit einem neuen Fördergesetz soll der Anteil der Anlagen, die neben Strom auch Abwärme verkaufen können, bis 2020 erhöht werden: Von derzeit 16 Prozent auf 25 Prozent gemessen an der Stromproduktion.

Öko-Wärme

Die Bundesregierung plant ein neues Gesetz, um den Einsatz von Wärme aus Erneuerbaren Energien wie Holzpellets oder Solarthermie stärker zu fördern und sie vor allem auch in Altbauten zum Einsatz zu bringen. Dies wird vermutlich eine Mischung aus finanziellen Hilfen und Verpflichtungen sein.

Gebäudesanierung

Etwa ein Drittel des deutschen Gasverbrauchs wird für das Heizen verwendet. Daher hat die Regierung ihr Programm zur Gebäudesanierung über zinsverbilligte Kredite aufgestockt. Zudem sollen Hausbesitzer die Sanierungskosten besser von der Steuer absetzen können. Dies hat der Bundesrat abgelehnt, da die Länder die Steuerausfälle nicht tragen wollen. Das Gesetz hängt im Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat fest, weswegen Hausbesitzer kaum sanieren, da sie die Neuregelung abwarten.

Energiesparen

Je weniger Strom verbraucht wird, desto weniger Kraftwerke und Netze sind nötig. Trotz des Wirtschaftsbooms ist der Verbrauch 2011 leicht gesunken. Dennoch ist in ganz Europa das Energiesparziel von 20 Prozent für 2020 in Gefahr. Die EU will das Ziel mit einer neuen Richtlinie noch erreichen. Die Staaten müssen noch zustimmen. Deutschland ringt um eine Position. Das Wirtschaftsressort setzt auf freiwilliges Sparen, das Umweltministerium stützt die Richtlinie in weiten Teilen.

Klimaschutz

Alle Anstrengungen haben das Ziel, den Treibhausgasausstoß zu drücken. In diesem Jahr soll das Kyoto-Ziel von 21 Prozent weniger C02-Produktion gegenüber 1990 erreicht werden. Dies gilt als sicher, da bereits in den vergangenen Jahren die Einsparung größer war. Bis 2020 sollen es 40 Prozent weniger sein.

Die Energiewende sei auch machbar. „Im Jahr 2050 kann die deutsche Stromversorgung klimaneutral sein“, sagte Großmann, „das Ziel ist aber sehr ehrgeizig – einfach wird das nicht.“

Großmann warnte aber vor den Risiken für die Netzstabilität, vor den ausufernden Kosten der Förderung erneuerbarer Energien und vor der fehlenden Harmonisierung der europäischen Energiepolitik. Vor allem in der Förderung der Solarenergie in Deutschland sieht er massive Geldverschwendung. Diese Form der Energiegewinnung in Deutschland sei so sinnvoll „wie Ananas züchten in Alaska“.

Bundeswirtschaftsminister Philip Rösler (FDP) sah dies anders und rief seinerseits die Wirtschaft zur Umsetzung der Energiewende auf. „Die Politik setzt den Rahmen, die Wirtschaft wird ihn ausfüllen müssen“, sagte der Minister zum Auftakt der Tagung.

Kommentare (6)

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pmx

17.01.2012, 12:59 Uhr

Der gute Hr. Großmann. Erst voll gegen die Energiewende und jetzt in Bremerhaven kräftig mitverdienen.
Da passt natürlich auch keine dezentrale PV Strategie ins Konzept.

joe

17.01.2012, 13:41 Uhr

Wieder einer, der gegen jede Realität immun ist. Mich würde mal interessieren um wieviel die Produktion von Sonnenstrom höher wäre, wären die ganzen Subventionsmilliarden nach Spanien oder Italien geflossen und wären nicht in Deutschland versickert. Mich würde auch interessieren, wieviel zusätzliche Tonnen CO2 man hätte einsparen können, wenn die EEG Förderung nicht in EEG Anlagen sondern in Gebäudesanierung investiert worden wäre.
In Deutschland bekommt eben nicht die Branche, die es nötig hat, am meisten sondern, die, die beste Lobbyarbeit betreibt. Und zur Zeit sind es die Ökos.

feeltheenergy

18.01.2012, 01:23 Uhr

@joe
nein es sind leider nicht die Ökos sondern die Solaris die an der sache soviel verdienen und andere Ökobranchen damit schädigen, aber leider äusseren sich dazu außer der Journalisten der Welt kaum jemand, denn man würde ja der Branche im gesamten Schaden, was absoluter Bullshit ist, denn der nachhaltige Volksiwrtschaftliche Schaden ist durch die ausuferende Solarförderung der letzten zwei Jahre (15.000 MW in dem gleichen Zeitraum wurden keine 3.000 MW Windenergie installiert und selbst zu besten Zeiten gab es nicht mehr als 3.500 MW) Das zeigt schon welche Entwicklungen dort gerade vonstatten gegangen sind. Am schlimmsten ist dann noch das die Einnahmen der Solarunternehmen derzeit in sinnlose Marketingaktivitäten wie der Bundesliga investiert werden. glaube da gibt es keinen mehr der nicht gesponsert wird. Naja so kommt das Geld der Stromkunden wenigstens wieder der Allgemeinheit, dem fussballfan zugute der sich davon an neuen Spielern erfreuen kann. Nur könnte das in kurzer Zeit zum gleichen Effekt führen wie bei Bayer Leverkusen und Teldafax, denn einige von diesen großen Sponsoren geht es nicht mehr wirklich so gut.

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