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07.01.2011

07:50 Uhr

Harles & Jentzsch

Schon im März Dioxin in Futtermittel entdeckt

Mit Dioxin verseuchte Industriefette wurden offenbar über einen längeren Zeitraum zu Tierfutter verarbeitet als bisher bekannt. Bereits am 19. März 2010 hat ein privates Labor offenbar eine Probe des Futtermittellieferanten Harles & Jentzsch positiv auf zu viel Dioxin getestet. Das Unternehmen ist nun zudem wegen versuchten Mordes angezeigt worden.

Polizei bei Harles & Jentzsch: Der Verdacht auf eine Straftat im Dioxin-Skandal hat sich erhärtet. Quelle: Reuters

Polizei bei Harles & Jentzsch: Der Verdacht auf eine Straftat im Dioxin-Skandal hat sich erhärtet.

HANNOVER. Entsprechende Informationen habe das Agrarministerium in Kiel bestätigt, berichtet die "Hannoversche Allgemeine Zeitung". Die zulässige Höchstmenge von 0,75 Nanogramm Dioxin pro Kilogramm Fett wurde um mehr als das Doppelte überschritten. Demnach ist schon vor zehn Monaten verseuchtes Tierfutter in den Handel gelangt.

Man habe aber erst am 27. Dezember von der Grenzwertüberschreitung erfahren, sagte ein Sprecher von Schleswig-Holsteins Agrarministerin Juliane Rumpf (CDU). Das positive Ergebnis stamme aus einer Eigenkontrolle des Unternehmens und wurde den Behörden nicht mitgeteilt. Die Probe wurde am 29. Dezember von der schleswig-holsteinischen Futtermittelüberwachung in Uetersen (Kreis Pinneberg) beschlagnahmt und der Staatsanwaltschaft übergeben.

Auch nach dem März 2010 habe es bei Eigenkontrolluntersuchungen des Unternehmens Auffälligkeiten gegeben, die ebenfalls unterschlagen wurden, sagte der Ministeriumssprecher weiter.

Im Dioxin-Skandal hat sich unterdessen offenbar der Verdacht einer Straftat erhärtet. Das berichtet das Bielefelder "Westfalen-Blatt" unter Berufung auf das niedersächsische Agrarministerium. Danach habe die Spedition Lübbe in Bösel im niedersächsischen Landkreis Cloppenburg keine Genehmigung gehabt, auf ihrem Gelände Fette für die Futtermittelherstellung zu lagern und zu mischen, sagte Ministeriumssprecher Gert Hahne der Zeitung. Die Herstellung von Futtermittelfett sei illegal erfolgt. Da bei den Behörden lediglich ein Transportunternehmen gemeldet war, habe es auch keine Kontrollen der produzierten Ware gegeben.

Es bestehe der Verdacht, dass der Futtermittelhersteller Harles & Jentzsch in Uetersen die Spedition genutzt habe, um sich der Überwachung der Behörden zu entziehen, sagte Hahne dem Blatt. Von Bösel aus war mit Dioxin belastetes Futterfett bundesweit an Futtermittelhersteller geliefert worden.

Zudem gibt es im Dioxin-Skandal nun auch eine Strafanzeige eines Verbrauchers. Ein Arzt aus Havixbeck bei Münster habe Harles & Jentzsch aus Uetersen (Schleswig-Holstein) angezeigt, sagte Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer. Die Vorwürfe des Allgemeinmediziners: schwere Körperverletzung und versuchter Mord aus Habgier. Vermutlich werde das Verfahren an die Staatsanwälte in Itzehoe oder Oldenburg abgegeben, die bereits im Komplex ermitteln.

Die Zahl der wegen Dioxinverdacht von den zuständigen Landesbehörden vorsorglich geschlossenen Betriebe hat sich unterdessen erneut erhöht. Wie das Bundesverbraucherministerium mitteilte, sind bundesweit gegenwärtig 4 709 Betriebe geschlossen. Betroffen sind den Angaben zufolge überwiegend Schweinemastbetriebe. Der Großteil liege in Niedersachsen. Dort dürfen 4 468 Betriebe aus Vorsorgegründen solange keine Produkte mehr ausliefern, bis deren Unbedenklichkeit erwiesen ist. Für Verbraucher hat das Ministerium eine Telefon-Hotline eingerichtet. Sie ist unter der Rufnummer 0228 - 99 529 - 4000 Montag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr, Samstag von 8 bis 14 Uhr erreichbar.

Bauernpräsident Gerd Sonnleitner rechnet wegen des Dioxin-Skandals mit einem Schaden von 40 bis 60 Millionen Euro pro Woche für die betroffenen Bauern. Die Futtermittel-Lieferanten sollen die Zeche zahlen. "Sie müssen die Schadensersatzansprüche der Landwirte abgelten. Da werden wir bis zum Letzten gehen", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Dem Bauernverband bereite aber eine Sache große Sorge: "Betriebe, die gesperrt waren, bei denen aber letztlich kein Dioxin nachgewiesen worden ist, schauen in die Röhre." Man könne juristisch gesehen dafür niemanden haftbar machen.

Sonnleitner: "Deshalb muss die Futtermittelindustrie sobald wie möglich einen Schadensfonds auflegen, der jährlich mindestens eine dreistellige Millionensumme umfassen müsste." Dieser Fonds wäre laut Sonnleitner eine Rückversicherung, etwa für den aktuellen Skandal. Bauern, die unschuldig hineingezogen werden, könnten so entschädigt werden.

Kommentare (2)

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Die Logik des Verdünnens ist schaurig

07.01.2011, 09:47 Uhr

Das "schlechte nicht gesetzliche zulässig hochdosierte dioxinhaltige Fett" wird mit zulässigem´Fett u.a. Futtermitteln so lange gestreckt bis niedrigere Werte vorhanden sind. im Fleisch von Schwein u. Pute oder Ei je Tier weiter reduziert. Nun wird also gemessen ... hat das Schwein/die Pute/die Eiercharge die belastungsgrenze eingehalten ist es "frei" für den Handel und wenn nicht ist es gesperrt.

Die gesperrten Tiere, die per Papier nicht für den menschl. Verzehr nicht freigegeben sind kauft dann vielleicht ein Unternehmen xyz auf (ist ja sehr billig), mischt es mit anderen Tieren und stellt Wurstwaren für z.b. Pizzen her. Die Pizzahersteller nehmen Eigenproben vor (wissen nichts von umettiketierten Tieren und wollen es auch nicht wissen) und stellen (durch den hohen Grad der Streckung) keine Wertüberschreitung fest.

So ist die Welt wieder in Ordnung und das arme belastete Schwein wurde zu einem Microbestandtteil der Wurtsbeilage.

Wird der Fall des Schweins xyz hier bekannt ... ist die Rufschädigung der Pizzamarke und es Lebensmittelkonzerns sehr groß. Die Entwicklung wird jedoch begünstigt, da die meisten Konzerne zu viele Prozessketten nicht beherrschen, sondern zukaufen. So ist man für das Elend am unteren Ende auch nicht verantwortlich und kann besser Preise aushandeln. Massenfutterherstellung und globale Verteilung/Vermischung und Tierhandel Tierproduktehandel wird bei Produktvermengung z.b. Wurstwaren oder als Fertigprodukt "Gehacktes auf Pizza/in der Tomatensoße" immer schwieriger handbar und ist anfällig für dies und das. Die reine Prozessanalytik gibt später nur einen Teil der Wahrheit wieder. beruhigend ist aber, dass immerhin später gemessen und überwacht wird ... auch von den Unternehmen selbst. Eine Premiummarke xyz wird sonst angreifbar und beschädigt sich selbst.

Es gibt keine 100% Sicherheit bei der Vermengungskette über soviele Stationen "vom Futter bis zur Wurst" und der Teilverantwortung von zig Personen. "Ein schwarzes Schaf" in der Kette / ein "Panscher" ... und das Spiel beginnt von Neuem.

Die Ethikwerte des Verhaltens sollte bewußter gelebt werden und die Strafmaße sollten angepaßt werden. Jeder bürger, der falsch parkt oder beim Parken versehentlicht ein anderes Auto anbufft... wird mit der vollen Gesetzeshärte verfolgt und bestrafft. Ein Futterhändler xyz, der panscht, und Futter für viele tausend Scheine produziert, die dann zu viele 10.000 tausenden Wurstwaren werden, die von viele 100.000 Menschen gegessen werden ... bekommt dagegen eine milde Strafe umgerechnet auf die "Körperverletzung je Mensch". Hier arbeiten die Rechtssysteme mit zweierlei Maß.

Jeder bürger kann sich fragen, mit welchem Recht er "an die Wand beim Falschparken genagelt wird" ... ein Panscher in der Nahrungsmittelkette, der 100.000 Menschen aber einer Körperverletzung wissentlich preisgibt so locker milde verurteilt wird. Eigentlich müßte er mit 100.000 mal Einzelverletzung verurteilt werden und es müßte so aufsummiert werden. Das .... möchte man aber auch wohl nicht. Dann doch lieber sich darauf konzentrieren ... den Falschparker an die Wand zu nageln.

margit-seitz

09.01.2011, 04:41 Uhr

Mir tun in erster Linie die vielen vergifteten Tiere leid. Sie werden nun sinnlos getötet, denn auch wenn die hohen Grenzwerte nicht bei allen Tieren überschritten sind, so ist das Fleisch doch belastet.

ich lese leider immer noch nichts darüber, dass die Verantwortlichen verhaftet wurden. Sie scheinen noch frei herumzulaufen!
Wenn man jemandem Gift ins Essen mischt, so ist das versuchter Mord und der Täter gehört hinter Gitter.
Und nichts anderes ist es, wenn man vergiftete Zutaten für Futter für Nutztiere verkauft.

Hoffentlich wachen die Verbraucher endlich auf.
Wenn man schon tote Tiere essen will, so sollte es aus artgerechter Haltung kommen. Massentierhaltung ist alles andere als artgerecht.
Sehen Sie sich mal die bilder von Legehennen an, die in bodenhaltung gehalten werden!
Die Hennen können sich nicht bewegen, weil Henne an Henne auf dem boden steht. ich nenne so etwas Tierquälerei.

Man kann auch als Vegetarier oder als Veganer gesund leben.
im übrigen:
Für die Leber ist der Verzehr von Fleisch nicht gut. Viele Menschen sind leberkrank, ohne es zu wissen, denn es gibt etliche Leberkrankheiten, die durch Gendefekte verursacht sind und von den Ärzten gar nicht oder zu spät erkannt werden.
Fleisch führt bei Leberkranken zum Anstieg von Ammoniak im Körper und das wiederum stört das Denkvermögen und schädigt das Nervensystem.
Also: Der Verzicht auf Fleisch ist oft sehr gesundheitsfördernd.
ich spreche aus eigener Erfahrung, da ich eine der vielen genetischen Leberkrankheiten habe.

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