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01.07.2015

15:33 Uhr

Herbert Diess zu Volkswagen

Die schweren Aufgaben des neuen VW-Managers

VonChristian Schnell

Der neue Chef der Marke VW tritt heute seinen Job an. Den Ex-BMW-Mann Herbert Diess erwarten nicht nur eine andere Kultur, sondern auch jede Menge schwerer Aufgaben. Wo es bei VW brennt.

VW ist mit BMW nicht zu vergleichen. picture alliance / Sven Simon

Herbert Diess

VW ist mit BMW nicht zu vergleichen.

FrankfurtVermutlich erwartet Herbert Diess das gleiche Los wie Andreas Renschler. Als Volkswagens neuer Chef der Nutzfahrzeugsparte in der vergangenen Woche gefragt wurde, ob es nach der obligatorischen Einarbeitungszeit von 100 Tagen nun endlich richtig los gehe, antwortete er nur trocken: „Ich hatte nur zehn Tage“.

Aber er habe ja vorher etwas Zeit zum Einarbeiten gehabt. Diese Zeit hatte auch Herbert Diess, der am Mittwoch seinen Job als Vorstandschef der Marke VW antritt. Immerhin ist er seit gut einem halben Jahr bei seinem Ex-Arbeitgeber BMW freigestellt. Renschler hatte fast ein Jahr, ehe ihn Daimler nach Wolfsburg frei gab.

Seit 2007 hatte Konzernchef Martin Winterkorn auch den Posten des VW-Markenchefs inne. Galt doch in Wolfsburg: Der Konzernchef soll auch die wichtigste der zwölf Marken führen. Immerhin trugen mehr als sechs Millionen der über zehn Millionen Fahrzeuge aus dem Konzern, die im vergangenen Jahr verkauft wurden, das VW-Logo.

Die Mängelliste des Volkswagen-Konzerns

Enormes Tempo

Volkswagen ist unter Konzernchef Martin Winterkorn rasant gewachsen. Seit der Schwabe 2007 das Steuer bei den Wolfsburgern übernahm, wurden der Sportwagenbauer Porsche, die beiden Lkw-Bauer MAN und Scania sowie der Motorradhersteller Ducati in das Imperium eingegliedert. Der Absatz des weltumspannenden Autokonzerns mit inzwischen zwölf Marken kletterte um zwei Drittel auf mehr als zehn Millionen Fahrzeuge. Der Umsatz stieg erstmals über 200 Milliarden Euro, für VW arbeiten nahezu 600.000 Menschen, fast doppelt so viele wie vor sieben Jahren. Bei dem enormen Tempo von VW haben sich allerdings auch zahlreiche Risse aufgetan.

Schwache Rendite

Die Ertragskraft der Wolfsburger Kernmarke VW schwächelt, weil bei ihr ein Großteil der hohen Entwicklungskosten anfallen, von denen andere Marken wie Seat und Skoda profitieren. Vom Umsatz blieben im ersten Quartal 2015 magere zwei Prozent beim Betriebsgewinn hängen. Die Marke mit dem VW-Logo ächzt unter einer zu großen Zahl an Ausstattungsvarianten und Fahrzeugmodellen. Dadurch muss VW gegen hohe Kosten anverdienen, kann seine Wagen jedoch als Massenhersteller nur zu erschwinglichen Preisen verkaufen.

Auch die anderen Pkw-Marken schöpfen nach Meinung von Experten die Möglichkeiten nicht aus, die ein Konzern von der Größe Volkswagens bietet. Zwar profitieren die Wolfsburger bei den Kosten immer mehr von der Baukastentechnik, auf der nun auch der neue Passat und der Familienwagen Touran basieren. Doch tanzt nach Wahrnehmung des Betriebsrats noch so manche Marke bei der Gleichteilestrategie aus der Reihe. Betriebsratschef Bernd Osterloh glaubt, dass VW wesentlich mehr als die angekündigten fünf Milliarden einsparen könnte, wenn sich alle an die Vorgaben hielten. Insidern zufolge will VW über alle Marken hinweg zehn Milliarden Euro sparen.

Maues US-Geschäft

Auf dem wichtigen US-Markt fristet VW ein Nischendasein - obwohl die Wolfsburger in Chattanooga ein neues Werk errichtet haben. Die Aufholjagd ist ins Stocken geraten, bevor sie richtig angefangen hat. Denn der extra auf den Geschmack der Amerikaner abgestimmte US-Passat verkauft sich nur schleppend, weil die Konkurrenz ihre Modelle schneller erneuert. Zudem hat VW im Land der Straßenkreuzer und Geländewagen keine entsprechenden Modelle im Angebot. Das rächt sich jetzt, da die Spritpreise niedrig sind. Die von Winterkorn angekündigten großen SUV kommen erst 2016/2017. Bis dahin könnte VW jenseits des Atlantiks vollends ins Abseits geraten, fürchten Experten.

Zu stark in China

Auf dem weltgrößten Automarkt kann VW dagegen seine ganze Stärke ausspielen. In der Volksrepublik sind die Wolfsburger mit fast 40 Prozent Marktführer. Die Stärke kann sich jedoch schnell in ein Risiko verwandeln. Denn der chinesische Markt wächst bei weitem nicht mehr so rasant wie noch vor einigen Jahren. In den ersten Monaten 2015 sanken die Absätze der Kernmarke VW sogar.

Südamerika

In Südamerika, wo die Wolfsburger einst der Konkurrenz davon fuhren, schrumpft der Absatz seit einiger Zeit dramatisch, weil sich der VW zu lange auf dem Erfolg der vergangenen Jahre ausgeruht hat. Piëch soll dies neben anderen Themen im Aufsichtsrat offen angeprangert haben.

Schwerfällige Lkw-Allianz

Die vom mittlerweile als AR-Chef abgetretenen Ferdinand Piëch geforderte Allianz der beiden Lkw-Töchter MAN und Scania kommt nur schleppend in Gang. Am Montag beschloss der Aufsichtsrat die lang erwartete Gründung einer Holding für die beiden Lkw-Marken. Piëch hatte seit Jahren einen eigenen Lkw-Konzern schaffen wollen, um VW auf Augenhöhe mit Konkurrenten wie Daimler und Volvo zu bringen. Für mehr Bewegung soll nun der von Daimler zu VW gewechselte Lkw-Boss Andreas Renschler sorgen.

Keine Billigautos

Seit Jahren versuchen die Wolfsburger vergeblich, im Billigsegment Fuß zu fassen. Die Hoffnungen, dies zusammen mit Suzuki zu schaffen, sind geplatzt, weil sich der japanische Kleinwagenspezialist von VW dominiert sah. Aus der angestrebten Partnerschaft wurde ein Rosenkrieg. Währenddessen machen andere wie der französische Konkurrent Renault mit seiner Billigtocher Dacia das Geschäft. VW hat Insidern zufolge zuletzt mit dem chinesischen Hersteller Great Wall über eine Zusammenarbeit bei der Entwicklung günstiger Autos gesprochen.

Doch seitdem Winterkorn vor gut einem Jahr ankündigte, dass die Marke in den kommenden Jahren um fünf Milliarden Euro effizienter arbeiten müsse, war klar, dass er diese Aufgabe nicht mehr quasi als Zweitjob mit machen konnte. Im November wurde Herbert Diess für diese Aufgabe präsentiert, der langjährige BMW-Mann. Mit Effizienzprogrammen kennt der sich aus, hatte er doch in den vergangenen Jahren beim Münchener Premiumhersteller die Abläufe so optimiert, so dass sie heute als Vorbild in der gesamten Branche gelten.

Hier die wichtigsten Aufgaben, um die er sich kümmern muss. Und auch die Veränderungen, die auf ihn selbst zukommen:

Kultur

Die Marke VW ist mit BMW nicht zu vergleichen. Die Struktur und die Abläufe im Volkswagen-Konzern erst recht nicht. VW verkauft weltweit etwa dreimal so viele Autos wie BMW, hat vom kleinen Up bis zur Luxuslimousine Phaeton das deutlich größere Modellportfolio und zudem deutlich mehr Werke, vor allem in aufstrebenden Ländern wie China, Russland, Brasilien oder Mexiko.

Porsche und Piëch: Besuch in einer abgeschotteten Welt

Porsche und Piëch

Premium Besuch in einer abgeschotteten Welt

Rund drei dutzend Porsche-Erben kontrollieren den VW-Konzern. Doch nicht jeder mischt sich in die Firmenpolitik ein. Ein Besuch bei Hans-Peter Porsche und Ernst Piëch, die beide ihre ganz eigenen Träume leben.

Die Koordination ist somit deutlich komplexer als in München. Zudem befindet er sich mit der Marke VW im Volumenmarkt, der preislich weitaus sensibler und umkämpfter ist als das Premiumsegment, in dem BMW traditionell hohe Margen verdient. Eine Chance für Diess ist, dass sich der Konzern derzeit – ausgelöst durch die Attacke des einstige Aufsichtsratschefs Ferdinand Piëch – in der größten Umbruchphase seit langem befindet.

Der berühmte Wolfsburger Zentralismus – der Begriff steht für die vielen Abstimmungsprozesse mit der Zentrale – soll künftig weitaus weniger werden. Marken und Regionen sollen eigenständiger agieren können. Für Diess ist das Chance und Risiko zugleich. Gilt er doch auch als Kandidat für die Nachfolge von Konzernchef Martin Winterkorn und steht auch deswegen unter besonderer Beobachtung.

Kommentare (1)

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Herr Horst Meiller

01.07.2015, 18:00 Uhr

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