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06.11.2013

17:06 Uhr

Hersteller zum Kältemittel-Streit

„Die EU muss ein deutliches Zeichen setzen“

VonLukas Bay

Seit Monaten tobt ein Streit um ein Kältemittel des Herstellers Honeywell. Daimler hält es für gefährlich, das Kraftfahrtbundesamt verlangt weitere Prüfungen. Honeywell kann die Skepsis der Deutschen nicht verstehen.

Kältemittel-Hinweisschild an der Motorhaube einer A-Klasse: Honeywell, Hersteller des neuen Kältemittels 1234yf, sieht sich durch den Abschlussbericht des Kraftfahrtbundesamtes bestätigt. dpa

Kältemittel-Hinweisschild an der Motorhaube einer A-Klasse: Honeywell, Hersteller des neuen Kältemittels 1234yf, sieht sich durch den Abschlussbericht des Kraftfahrtbundesamtes bestätigt.

Handelsblatt Online: Daimler verzichtet auf den Einsatz Ihres Kältemittels 1234yf, weil es gefährlich sein soll. Sie sagen, dass das in erster Linie ein Konstruktionsproblem von Daimler ist. Trotzdem sind von 1,5 Millionen zugelassenen Fahrzeugen nur 43.000 mit Ihrem Kältemittel unterwegs. Woher kommt die Skepsis der Hersteller?

Tim Vink: Das ist eine interessante Frage, denn unser Kältemittel ist absolut sicher. Es lohnt sich, Vertrauen in unser Kältemittel zu haben. Doch wahrscheinlich rechnen viele Hersteller mit schlechter Presse und verzichten darum auf den Einsatz.

Bisher umgehen Autohersteller wie Volkswagen oder Daimler Ihr Kältemittel mit einem Trick. Sie lassen ihre neuen Modelle als Weiterentwicklungen bereits zugelassener Modelle registrieren – und fahren so weiter mit dem umweltschädlichen R134a...

Tim Vink ist bei Honeywell für Regierungsbeziehungen zuständig. PR

Tim Vink ist bei Honeywell für Regierungsbeziehungen zuständig.

Das ärgert uns. Die EU muss ein deutliches Zeichen setzen, dass ihre Vorgaben nicht einfach umgangen werden können. Dies wird derzeit geprüft und wir sind für strengere Vorgaben. Ansonsten wäre es nicht glaubwürdig und würde auch die Anreize für Forschung und Entwicklung weiterer umweltfreundlicher Technologien hemmen.

Sie haben die Unterstützung der amerikanischen und asiatischen Autohersteller. Warum sind manche Europäer so skeptisch?

Nicht die Europäer sind skeptisch, die Deutschen sind es. Renault, Peugeot oder Fiat haben keinerlei Bedenken. Unsere Position wird durch etliche Gutachten gestützt, unter anderem durch den weltweit führenden Verband der Automobilingenieure.

Wissenswertes rund um Autokältemittel

Der komplizierte Name

R1234yf ist ein organsicher, fluorierter Stoff (Summenformel C3H2F4). Die international genormte Bezeichnung des neuen Kältemittels ist R1234yf. Das R steht für den englischen Begriff für Kältemittel (Refrigerant).

Warum neue Kältemittel für Autoklimaanlagen?

Um die Erdatmosphäre zu schonen. Bisher wurde in Fahrzeugklimaanlagen als Kältemittel das fluorierte Treibhausgas Tetrafluorethan (R134a) eingesetzt. Die Richtlinie 2006/40/EG über Emissionen aus Klimaanlagen in Kraftfahrzeugen verbietet den Einsatz dieses Stoffes in neuen Typen von Pkw und Pkw-ähnlichen Nutzfahrzeugen.

Als mögliche alternative Kältemittel  wurden Kohlendioxid (CO2) und ein fluorierter Stoff, 2,3,3,3‑Tetrafluorpropen (R1234yf), von der Automobilindustrie betrachtet. Aus Klimaschutzgründen favorisiert das Umweltbundesamt CO2 als Kältemittel für Automobilklimaanlagen.

Welche Fristen gelten?

Die EU-Kommission gibt vor: Ab 1. Januar 2011 müssen alle neuen Typen bei Pkw- und Pkw- ähnlichen Nutzfahrzeugen mit einem Kältemittel ausgestattet werden, das einen GWP von 150 oder geringer hat.

Ab dem 1. Januar 2017 müssen alle neuzugelassenen Pkw mit einem Kältemittel ausgestattet werden, das einen GWP von 150 oder geringer hat.

Was bedeutet GWP?

GWP steht für global warming potential (deutsch: Treibhauspotential). Ein GWP-Wert von 1430 (wie beim Kältemittel R134a) bedeutet, dass ein Kilogramm R134a eine 1430 mal stärkere Wirkung auf die Erhöhung des Treibhauseffektes hat als ein Kilogramm Kohlendioxid (CO2). Für die Treibhauswirkung von CO2 wurde ein GWP von 1 festgelegt.

1234yf - Eigenschaften

R1234yf ist als Kältemittel ein relativ neuer Stoff. R1234yf ist brennbar bzw. leicht entzündlich und bildet an heißen Oberflächen und beim Verbrennen Fluorwasserstoff. Im Fall eines Fahrzeugbrandes, der in Deutschland etwa 20.000 bis 30.000 mal pro Jahr vorkommt, entsteht aus dem Kältemittel auch Flusssäure, die bei Menschen schwere Verätzungen hervorrufen kann. Die Bildung von anderen sehr giftigen Gasen wie Carbonyldifluorid (COF2) wird vermutet.

R1234yf hat ein für die Erfüllung der EU-Richtlinie ausreichend niedriges Treibhauspotential, das früher mit 4 und mittlerweile mit 1 angegeben wird. Nachteilig ist aber, neben der Brennbarkeit, die technische Möglichkeit, in Fahrzeugklimaanlagen mit 1234yf das klimaschädliche R134a nachzufüllen, warnt das Umweltbundesamt. Außerdem zerfällt R1234yf in der Atmosphäre in die algengiftige und kaum abbaubare Trifluoressigsäure (kurz TFA), die sich in Gewässern anreichert. .

Kohlendioxid

Kohlendioxid ist deutlich weniger klimaschädlich als der zuvor benutzte Stoff R134a, es unterbietet ihn sogar um mehr als das Tausendfache. Außerdem ist Kohlendioxid  weder brennbar noch giftig, wenn auch nicht komplett ungefährlich. Und im Gegensatz zu R1234yf, das einzig von den Chemiekonzernen Honeywell und Dupont vertrieben werden darf, ist es preiswert und als industrielles Nebenprodukt leicht verfügbar.

Bei stationären Klimaanlagen wird CO2 bereits seit längerer Zeit eingesetzt. Im Auto jedoch sind entsprechende Klimaanlagen noch nicht serienreif. Hersteller und Zulieferer arbeiten seit Jahren daran, hatten die Entwicklung nach der Branchenentscheidung für R1234yf jedoch nicht mehr forciert.

Größtes Problem der CO2-Technik ist, dass sie mit höheren Drücken arbeitet als die bisher gängigen Systeme und deshalb neue, daran angepasste Klimaanlagen benötigt. Die Entwicklung und Serieneinführung der Anlage ist für den Hersteller mit höheren Investitionskosten verbunden.

Linkliste

Es gibt aber auch Gutachten, die zu einem anderen Ergebnis kommen: In seinem Abschlussbericht hat auch das Kraftfahrtbundesamt „Entflammungen und Fluorwasserstoffexpositionen“ festgestellt...

Der Abschlussbericht des Kraftfahrtbundesamts beweist erneut, dass 1234yf sicher in Autos als Kältemittel eingesetzt werden kann. Das KBA hat zunächst realistische Unfälle simuliert und dabei festgestellt, dass das Mittel absolut unbedenklich ist. Erst in einem so genannten Test der 3. Kategorie hat sich das Mittel entzündet. Allerdings wurden hier eine künstliche Abnutzung der Klimaleitungen, ein speziell zugeschnittenes Leck in Form einer Fischmaulöffnung, das direkt auf heiße Teile des Motors gerichtet wurde, höhere Aufprallgeschwindigkeiten und höhere Temperaturen künftiger Motorenmodelle simuliert. Dieser Test ist nicht relevant, da, ich zitiere den Bericht, „nur Stufe 1 und 2 als relevant für eine Risikobewertung hinsichtlich der Produktsicherheitsbestimmungen angesehen [werden], weil nur ihnen die notwendige konkrete Eintrittswahrscheinlichkeit zugeordnet werden kann“. Wir zweifeln den grundsätzlichen Mehrwert dieses Tests der 3. Stufe für alle Parteien an, da unsere Experten ihn als unwahrscheinlich einstufen. Außerdem ist die Brandgefahr bei sehr hohen Temperaturen nichts Neues. Zumal die simulierte Hitze bei Motoren nach dem derzeitigen Entwicklungsstand kaum erreicht werden, höchstens bei künftigen Motorenmodellen.

Ist es für eine Aufsichtsbehörde nicht legitim, auch zukünftige Szenarien zur simulieren?

Doch, natürlich ist das legitim. Allerdings wird dabei nicht berücksichtigt, dass die Hersteller in der Lage sind, die Konstruktion ihrer neuen Fahrzeuge an höhere Betriebstemperaturen anzupassen. Es ist ohne weiteres möglich, auch moderne Motoren stärker herunterzukühlen. Deswegen zweifeln wir an der Aussagekraft dieser Ergebnisse.

Kommentare (5)

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Account gelöscht!

06.11.2013, 17:30 Uhr

Die Daimler Geschäftsführung hat sich einfach mal ausgerechnent wieviel Millionen Euro Schadensersatz in den kommenden Schadensfällen an verbrannte und vergiftete Autofahrer zu zahlen wäre! Eine weise vorrausschauende Entscheidung! Im Gegensatz zu den kurzfristigen Gewinnspekulationen der anderen Hersteller!

so-isses

06.11.2013, 19:34 Uhr

puenktlich nach dem Auslaufen des R134a Patents kommt wieder ein US Hersteller mit einem neuen Cocktail an Kaeltemittel.
Es dreht sich um milliarden Dollar an Profiten, NICHT um die Umwelt!
Audi hat schon eine serienreife CO2 Klimaanlage entwickelt, aber die meisten Fahrzeughersteller lehnen diese Loesung ab. Fast jedes Jahr muss die Klimaanlage mit Kaeltemittel nachgefuellt werden, was wiederum Profite fuer Fahrzeughersteller bedeutet.
CO2 waere zu einfach und zu billig. Honeywell hat bestimmt gute Lobbyarbeit auf allen Ebenen geleistet;...von Politik bis Fahrzeugherstellern.

Boeser

06.11.2013, 19:55 Uhr

Ein Parasit kämpft um seine Pfründe: "Es lohnt sich, Vertrauen in unser Kältemittel zu haben." Na klar, Hauptsache die Verbraucher werden abgezockt und liefern ihr Geld ab, gleich ob sinnvoll oder nicht.

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