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16.01.2008

16:23 Uhr

dpa-afx PARIS. Die EU-Wettbewerbshüter nehmen die europäische Pharmabranche wegen vermuteter Absprachen und Wettbewerbsbehinderungen ins Visier. EU-Ermittler durchsuchten dazu die Geschäftsräume mehrerer Hersteller, wie die EU-Kommission am Mittwoch in Brüssel ohne Nennung von Firmennamen mitteilte. Die Kommission moniert, dass weniger neue Arzneimittel auf den Markt kommen. Zudem geht sie dem Verdacht nach, dass Nachahmermedikamente, sogenannte Generika, mitunter verzögert eingeführt würden. Dies sind wirkstoffgleiche Kopien von Originalmedikamenten und in der Regel preisgünstiger als das Arzneimittel des Erstanbieters.

Der französische Pharmakonzern Sanofi-Aventis bestätigte daraufhin am Mittag Durchsuchungen durch die Wettbewerbshüter der EU: "Sanofi-Aventis werde mit der Wettbewerbsaufsicht kooperieren", sagte eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage. Bei Sandoz, der Generikatochter des Schweizer Pharmakonzerns Novartis, habe am 15. Januar eine Durchsuchung in Holzkirchen stattgefunden, teilte Novartis am Nachmittag mit.

Neben dem französischen Pharmakonzern bestätigte mit Glaxosmithkline auch der weltweit zweitgrößte Pharmakonzern Untersuchungen durch die EU. Auch Astrazeneca ist nach eigenen Aussagen kontaktiert worden.

Der Chemie- und Pharmakonzern Bayer ist dagegen offenbar nicht von den jüngsten Kartelluntersuchungen betroffen. "Uns liegt keine Anfrage vor", sagte ein Sprecher von Bayer Schering Pharma. Ein Sprecher des Schweizer Pharmakonzerns Roche hat nach eigenen Aussagen keine Kenntnis von Untersuchungen. Das Unternehmen sei nicht angesprochen worden. Der Darmstädter Pharma- und Spezialchemiekonzern Merck ist bisher nach Angaben eines Sprechers ebenfalls nicht von Untersuchungen betroffen. Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VfA) lehnte am Mittwoch einen Kommentar ab.

EU-Wettbewerbskommissarin Neelie startete parallel eine Untersuchung der gesamten Pharmabranche, erste Ergebnisse sollen im Herbst vorliegen. Kroes interessiert sich besonders für die brancheninterne Beilegung von Patentstreitigkeiten und mögliche Barrieren gegen die Einführung von preisgünstigen Generika-Produkten. "Falls innovative Produkte nicht hergestellt und falls billigere Generika-Alternativen zu bereits existierenden Arzneimitteln verzögert werden, dann müssen wir den Grund dafür finden und notfalls einschreiten."

Falls die Kommission förmliche Kartellverfahren gegen die Hersteller eröffnet, drohen hohe Bußgelder von bis zu zehn Prozent eines Jahresumsatzes. Kroes schränkte dazu ein, dass ihr bisher keine konkreten Hinweise auf Verstöße einzelner Unternehmen vorliegen. Sie nannte deshalb keine Firmen-Namen. Nach ergänzenden Angaben liegen der EU-Behörde förmliche Beschwerden von Marktteilnehmern vor. Im Rahmen einer Branchenuntersuchung zur Energie hatte die Kommission mehrere Kartellverfahren gegen Branchenriesen wie Eon, RWE oder Gaz de France eröffnet.

Kroes hat bei ihrem Vorstoß besonders den Verbraucher im Blick. "In ganz Europa werden im Jahr in einer Familie über 1 000 Euro für Medikamente ausgegeben. Das ist ein ganz ordentlicher Kostenfaktor." Sie will aber die Erstattung durch Versicherer und Krankenkassen nicht unter die Lupe nehmen.

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