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23.05.2011

10:23 Uhr

Hohe Spritpreise

Mineralölverband verteidigt Praxis der Tankstellen

Fünf große Ölkonzerne geben die Preise an deutschen Zapfsäulen vor. Das weiß nun auch das Kartellamt. Der Mineralölverband verteidigt nun die Wettbewerbspraxis an den Tankstellen.

Anzeigetafel einer Tankstelle: Das Kartellamt soll in Sachen Preiserhöhungen eingreifen. Quelle: dpa

Anzeigetafel einer Tankstelle: Das Kartellamt soll in Sachen Preiserhöhungen eingreifen.

BerlinDie Mineralölwirtschaft hat die vom Bundeskartellamt kritisierte Praxis zur Preisgestaltung an den deutschen Tankstellen bestätigt. Der Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbandes, Klaus Picard, sagte am Montag in der ARD, was das Kartellamt feststelle, sei seit langem bekannt. Er verteidigte die Praxis an den Tankstellen etwa zum Wochenende die Preise zu erhöhen. Dies sei Teil des normalen Wettbewerbs.

Den Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung durch eine marktbeherrschende Stellung einiger weniger Großunternehmen wies der Verbandschef zurück. „Ich weiß nicht, was wir da noch besser machen sollen“, sagte Picard. Die Benzinpreise seien in Deutschland im europaweiten Vergleich mit am geringsten.

Politiker aller Parteien forderten unterdessen ein Eingreifen des Kartellamts. Der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Volker Kauder, nannte es in der ARD beunruhigend, dass wenige Unternehmen den Wettbewerb unter sich ausmachten. „Das muss sich dringend ändern“, sagte Kauder. Das Kartellamt habe die Möglichkeit, den Wettbewerb wieder in Gang zu bringen.

Die Benzin-Falle an der Zapfsäule

Worauf sind die hohen Preise zurückzuführen?

Benzin wird aus Rohöl hergestellt, das sich seit Jahresbeginn etwa von 90 auf zuletzt knapp 111 Dollar je Barrel verteuert hat; zwischenzeitlich lag der Preis noch deutlich höher. Dazu gibt es einen eigenen Markt für Ölprodukte wie Benzin, Heizöl oder Kerosin. Auch hier sind die Preise deutlich gestiegen, was sich an den Tankstellen auswirkt. Doch nicht nur der Ölpreis bestimmt die Entwicklung beim Benzin, wie der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer sagt. Wenn die Sommer trocken ausfielen und Tankschiffe nur halb beladen unterwegs sein könnten, wirke sich das ebenfalls aus. Und: Fragten die US-Amerikaner mehr Benzin nach, dann schickten hiesige Ölkonzerne Benzin in die USA. Weil die Raffineriekapazität aber beschränkt sei, steige der Preis an den deutschen Zapfsäulen.

Wer profitiert am meisten von den hohen Benzinpreisen?

Zunächst profitieren die Besitzer und Verkäufer von Rohöl von den hohen Rohstoffpreisen. Das sind oft staatliche Gesellschaften im Nahen Osten, Afrika, Venezuela oder Russland. Auch die großen Ölfirmen wie Shell, BP und ExxonMobil verfügen über Vorkommen oder Förderrechte und weisen deshalb enorme Gewinne aus. Auf der nächsten Verarbeitungsstufe, bei den Raffinerien, sind die Gewinne deutlich kleiner und schwanken stark. Nach Angaben des Hamburger Energie-Informationsdienstes EID waren die europäischen Raffinerien zu Beginn des Jahres nur in 9 von 15 Wochen profitabel.

Hilft den Tankstellen ihre Marktmacht?

Die Tankstellen haben am wenigsten von den hohen Preisen, obwohl sie am stärksten in der Kritik stehen. Der Benzinpreis besteht zu mehr als 95 Prozent aus Steuern und Einkaufskosten. Als Gewinn beim Verkauf des Kraftstoffs streben die Ölgesellschaften einen Cent je Liter an. Auch der Pächter einer Tankstelle lebt nicht in erster Linie vom Benzinverkauf, sondern eher von Zigaretten, Süßigkeiten, Getränken und Zeitungen. In Deutschland gibt es rund 14 400 Tankstellen; davon gehören 8000 zu den größten Ketten Aral, Shell, Esso, Total, Jet und Avia

Hilft es, bei freien Tankstellen zu kaufen?

Das hilft nur wenig. Denn die eigentliche Gelddruckmaschine der Mineralölkonzerne ist die Ölförderung - einträglich am Ölgeschäft ist also weniger die Tankstelle, sondern die Ölquelle. Die Tankstelle sitze dagegen in der „Kostenklemme“, deshalb können nach Einschätzung Dudenhöffers auch freie Tankstellen das Preisgefüge kaum beeinflussen.

Die Grünen-Wirtschaftsexpertin Christine Scheel sieht Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler am Zug. Die Erkenntnisse des Kartellamts müssten die Grundlage dafür sein, dass die Regierung etwas unternehme. „Wir haben in Deutschland keinen funktionierenden Markt“, kritisierte sie im Deutschlandfunk.

Die Aufsichtsbehörde war in einer Untersuchung nach Medienberichten zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Oligopol aus fünf großen Unternehmen den Tankstellenmarkt in Deutschland beherrscht. Als Ergebnis müssten Verbraucher für Benzin mehr bezahlen, als nötig. Nur fünf Unternehmen, angeführt von Aral und Shell, kontrollieren demnach rund 70 Prozent des Kraftstoffabsatzes. Das Gutachten soll am Donnerstag veröffentlicht werden.

 

Von

rtr

Kommentare (1)

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Alfred_H

23.05.2011, 17:20 Uhr

Dass die eigentlichen Preistreiber unsere korrupten Politiker mit ihren Steuern und Abgaben sind, wird hier mit keinem Wort erwähnt. Im Gegenteil sie kritisieren, dass eine Firma ein Produkt verkauft und auch noch Gewinne machen will. Wenn die Steuer auf ein Produkt höher ist, als das Produkt selbst kostet, dann wäre ich wirklich ganz still, wenn ich zur Verbrecherbande aus Berlin gehören würde.

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