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30.05.2017

16:59 Uhr

Ikea-Zulieferer Siempelkamp

„Das Kopieren der Chinesen ist wie eine Seuche“

VonMartin Wocher

Siempelkamp ist Weltmarktführer für Maschinen, die Spanplatten herstellen. Auch Möbelgiganten wie Ikea zählen zu den Kunden. Doch das Ingenieurswissen des Maschinenbauers ist wegen chinesischer Spionage in Gefahr.

Ein großes Sortiment an Ikea-Möbeln besteht aus Spanplatten, die Maschinen der Firma Siempelkamp aus Krefeld hergestellt haben. dpa

Ikea-Regal Billy

Ein großes Sortiment an Ikea-Möbeln besteht aus Spanplatten, die Maschinen der Firma Siempelkamp aus Krefeld hergestellt haben.

DüsseldorfDie Maschinen waren aufgebaut, die Mitarbeiter strebten dem Ausgang zu, als die Konkurrenz aufkreuzte: „Sie kamen in Scharen und haben alles bis ins Detail fotografiert“, sagte Hans Fechner, Vorstandschef des Krefelder Spezialmaschinenbauers Siempelkamp. Das Familienunternehmen ist Weltmarktführer im Bau von Komplettanlagen für die Herstellung von Spanplatten – Grundstoff für die weltweite Möbelindustrie. Tatort des intellektuellen Raubzugs: die Ligna, Leitmesse der Holzindustrie vergangene Woche in Hannover. Die Täter: chinesische Konkurrenten. „Das Kopieren der Chinesen ist ja wie eine Seuche“, ereiferte sich Fechner, der längst seine Konsequenzen daraus gezogen hat. „Das können Sie nur durch Technologiekompetenz kompensieren.“

Das gelingt dem Konzern zunehmend gut – trotz der Spionage aus Fernost. Nach einer Durststrecke und erheblichen Restrukturierungmühen in den vergangenen Jahren steht der Mittelständler wieder gut da: Alle Sparten schreiben schwarze Zahlen, der Umsatz hat sich 2016 – allerdings auch abrechnungsbedingt – um gut 28 Prozent auf 732 Millionen Euro verbessert, der Auftragseingang bewegte sich mit 624 Millionen Euro oberhalb des Vorjahresniveau. So soll es auch in diesem Jahr bleiben, wenn es nach den Worten Fechners geht. „Wir sind auf einem klaren Wachstumspfad“, sagte der 63-jährige Fechner am Dienstag auf der Bilanzpressekonferenz in Düsseldorf dazu, der schon seit 2002 an der Spitze des Familienkonzerns steht.

Der Grund liegt wiederum – in China. Im Osten des Landes, in der Hafenstadt Qingdao, hat Siempelkamp 2015 ein hochmodernes Werk errichtet, das zum wichtigsten Produktionsstandort des Unternehmens neben dem Stammsitz in Krefeld ausgebaut wird. „Dort steht eine komplette Fertigung“, sagte Fechner, der die Internationalisierung des Unternehmens in den vergangenen Jahren stark vorangetrieben hat.

Der Vorteil: Siempelkamp wird in China als heimisches Unternehmen wahrgenommen, bezieht Komponenten von lokalen Zulieferern und rechnet in der chinesischen Währung ab. Das Bestreben der Regierung in Peking, künftig heimische Firmen bei Aufträgen zu bevorzugen, schreckt Fechner also nicht. Die Qualität ist hoch – auch das Stammwerk Krefeld bezieht Teile aus Qingdao, das inzwischen komplette Anlagen ausliefern kann. Die Belegschaft in China soll Anfang kommenden Jahres noch einmal deutlich aufgestockt werden.

Chancen und Risiken des deutschen Maschinenbaus

Rückgrat der deutschen Wirtschaft

Mit mehr als einer Million Beschäftigten gilt der Maschinen- und Anlagenbau als größter industrieller Arbeitgeber in Deutschland. Doch die Zeit rasanter Zuwächse scheint für die mittelständisch geprägte Schlüsselindustrie erst einmal vorbei. Die Branche sieht sich einem Mix aus Chancen und Problemen gegenüber.

Quelle: dpa

Bremseffekt China

Die Schwäche wichtiger Märkte wie China bremst die extrem exportorientierten Maschinen- und Anlagenhersteller erheblich, denn das Riesenreich ist ein gewaltiger Absatzmarkt für Maschinen „Made in Germany“. Doch die Zeiten zweistelliger Wachstumsraten der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt sind vorbei. So rechnet der Branchenverband VDMA mit einen Ausfuhr-Rückgang um 6 Prozent auf gut 16 Milliarden Euro im Jahr 2015.

Bremseffekt Russland

Die seit 2014 wirksamen Sanktionen gegen Putins Reich haben in den Bilanzen der deutschen Maschinenbauer deutliche Spuren hinterlassen. 2015 sollte der Maschinen-Export dorthin nach Schätzungen nur noch rund 5 Milliarden Euro betragen, fast 3 Milliarden Euro weniger als zwei Jahre zuvor. In der Tabelle der Exportmärkte fiel Russland von Rang 4 auf Platz 10 zurück.

Entlastung und Risiko Ölpreis (1)

Der Absturz des Ölpreises senkt die Energiekosten bei der Produktion. Zugleich setzt er die Ölindustrie als Kunden der Maschinenbauer unter Druck. Die Folge: Investitionen werden verschoben. Komplizierte und daher teure Förderprojekte werden auf Eis gelegt.

Entlastung und Risiko Ölpreis (2)

Das Wartungsgeschäft entwickle sich dagegen robust, sagte Siemens-Chef Joe Kaeser jüngst. Weil der Verbrauch steige, müsse mehr Öl durch Pipelines gepumpt werden, wovon Siemens mit Ersatzteilen für Pumpen und Kompressoren profitieren könne. Siemens hatte 2014 den US-Kompressorenhersteller Dresser-Rand gekauft.

Rückenwind Euro

Durch den Kurs-Rückgang der Gemeinschaftswährung werden deutsche Produkte auf dem Weltmarkt tendenziell billiger. Das kann die Nachfrage ankurbeln. Insbesondere auf dem US-Markt sind deutsche Maschinen dadurch preislich im Moment sehr konkurrenzfähig. Auch im Euro-Binnenmarkt lief es zuletzt wegen des Nachholbedarfs besser.

Hoffnung Iran

Das Land hat nach dem Ende der Sanktionen großen Nachholbedarf, es fehlt überall an modernen Maschinen, Anlagen und Komponenten. Daher hofft die Branche auf steigende Nachfrage aus dem traditionell eng mit der deutschen Wirtschaft verknüpften Land. Wichtig ist dabei aus Sicht der Maschinenbauer ein sicheres Finanzwesen - ohne das Risiko, für am Ende doch nicht erlaubte Geschäfte belangt zu werden, etwa von US-Behörden. Der niedrige Ölpreis limitiert zudem die Finanzen der Islamischen Republik, wo auch Konkurrenten wie Frankreich, Italien und China unterwegs sind.

Hoffnung TTIP (1)

In den Verhandlungen zwischen den USA und der Europäischen Union ist dem Maschinenbau ein eigenes Kapitel vorbehalten. Der VDMA verspricht sich einen deutlich verbesserten Zugang zum US-Markt. Die Zölle für Einfuhren seien zwar prozentual eher niedrig, belaufen sich laut Verbandsschätzung für den Maschinenbau aber trotzdem auf hunderte Millionen Euro im Jahr.

Hoffnung TTIP (2)

Noch wichtiger wäre den Unternehmen der Wegfall anderer Handelshemmnisse, wenn es zum Beispiel um unterschiedliche Normen für Stecker, Kabel oder Gewinde geht. Derzeit verteuere die Umrüstung und notwendige Zertifizierung in den USA die deutschen Produkte um 5 bis 20 Prozent.

Hoffnung Afrika

Der afrikanische Kontinent gilt trotz aller Probleme als wachsender Exportmarkt mit Zukunft. Vor allem Länder südlich der Sahara streben nach VDMA-Einschätzung danach, Technologie für den eigenen wirtschaftlichen Fortschritt und die Etablierung einer verarbeitenden Industrie einzukaufen. Man wolle die eigenen Bodenschätze und Agrarprodukte im Land selbst verarbeiten. Allerdings ist bei den dafür notwendigen Maschinen die Konkurrenz groß: Vor allem die Chinesen haben sich große Marktanteile gesichert, aber auch Italien und die USA lagen zuletzt vor den deutschen Anbietern.

Denn Asien ist mittlerweile einer der wichtigsten Märkte für den Mittelständler aus dem Rheinland. Gut ein Drittel aller Anlagen zur Herstellung von Holz- und Spanplatten hat Siempelkamp dort stehen, damit ergeben sich neue Geschäftsmöglichkeiten im Service und Ersatzteilgeschäft. Den Firmensitz in Krefeld sieht Fechner durch seine Strategie nicht gefährdet – im Gegenteil: „Wir sind in allen Standorten sehr gut ausgelastet“, sagt er.

Dabei haben die deutschen Standorte einige Umbauarbeiten hinter sich: Die Gusstechnik musste 2016 noch einmal Umsatzeinbußen um gut elf Prozent auf 79 Millionen Euro verkraften. Der Markt ist hart umkämpft, dazu tragen auch chinesische Wettbewerber bei. 

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