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06.01.2012

19:24 Uhr

Implantat-Skandal

Brustimplantate der Firma PIP sollten entfernt werden

Auch eine deutsche Behörde rät zur Entfernung der möglicherweise gefährlichen Billig-Brustimplantate der Firma PIP. Der TÜV Rheinland muss sich wegen der Zertifizierung vor einem französischen Gericht verantworten.

Deutschland rät betroffenen Frauen, die Implantate entfernen zu lassen. AFP

Deutschland rät betroffenen Frauen, die Implantate entfernen zu lassen.

BerlinIm Skandal um möglicherweise gefährliche Brustimplantate rät nun auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zur Entfernung der umstrittenen Silikonkissen aus Frankreich. „Die Mitteilungen von Ärzten, Fachgesellschaften und Kliniken zeigen, dass mögliche Gesundheitsrisiken durch vermehrt ausgetretenes Silikon auch dann entstehen können, wenn keine Rissbildung vorliegt“, teilte das Institut am Freitag mit. Die Einlagen der Firma PIP stehen im Verdacht, schneller als andere Implantate zu platzen.

Das BfArM rät Frauen in Deutschland nun, die betroffenen Implantate als Vorsichtsmaßnahme entfernen zu lassen. „Wie dringend eine Entnahme im Einzelfall ist, hängt wesentlich davon ab, wie lange die Patientin das Implantat bereits trägt. Dies sollte deshalb vor jeder Operation zwischen Arzt und Patientin besprochen werden“, sagte BfArM-Präsident Walter Schwerdtfeger. Das Institut stehe in engem Kontakt mit den zuständigen Landesbehörden und Fachgesellschaften sowie den Behörden im europäischen Ausland, um weitere Erkenntnisse zu gewinnen. Das BfArM verschärft damit seine vor Weihnachten ausgesprochene Empfehlung, einen Arzt aufzusuchen, um die Silikonkissen auf mögliche Rissbildungen prüfen zu lassen. In Frankreich hatte das
Gesundheitsministerium am 23. Dezember rund 30.000 Frauen die vorsorgliche Entfernung der Silikonimplantate geraten. Weltweit sollen zwischen 400.000 und 500.000 Frauen minderwertige Silikonkissen der französischen Firma Poly Implant Prothèse (PIP)erhalten haben.

TÜV Rheinland muss vor Gericht

Zertifiziert wurden die Implantate vom TÜV Rheinland. Dieser muss demnächst vor Gericht. „Es gibt einen Termin am 2. Februar vor dem Handelsgericht in Toulon“, sagte ein TÜV-Sprecher am Freitag in Köln der Nachrichtenagentur dpa. „Wir werden dort unsere Position darlegen: Wir halten die Klage für unzulässig und substanzlos.“ Ein Anwalt klagt nach Angaben des Magazins „Focus“ im Auftrag von drei Unternehmen, die Implantate der Firma PIP vertrieben haben. Der TÜV Rheinland war lange Zeit für die Zertifizierung der Silikon-Implantate zuständig. PIP-Gründer Jean-Claude Mas gab eine bewusste Täuschung des TÜV zu.

Um den Betrug zu vertuschen, habe er „routinemäßig“ alle verräterischen Dokumente und Container vor den Prüfern verstecken lassen, sagte der 72-Jährige nach Angaben der französischen Nachrichtenagentur AFP vor Ermittlern. „Der TÜV hat seinen Besuch zehn Tage vorher angekündigt“, erklärte der Gründer des Unternehmens Poly Implant Prothèse (PIP) laut Vernehmungsprotokoll. Von dem nicht zugelassenen Gel gehe aber keinerlei Gesundheitsgefahr aus.

Nach Angaben von Mas enthielten nur 25 Prozent der hergestellten Implantate das zugelassene Silikongel Nusil. 75 Prozent seien mit nicht zugelassenem Gel aus Eigenproduktion gefüllt worden. „Ich wusste, dass dieses Gel nicht anerkannt war, aber ich habe es absichtlich gemacht, weil das PIP-Gel günstiger und von besserer Qualität war“, sagte Mas laut Vernehmungsprotokoll. Bereits von 1993 an habe er in seinem Unternehmen den Auftrag ausgegeben, die Wahrheit vor dem TÜV zu vertuschen, berichtete AFP unter Berufung auf die Ermittler weiter.

Kommentare (3)

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ihr

06.01.2012, 20:09 Uhr

Typisch neoliberale Wirtschaft. Die Eigner des frz. Unternehmens haben Ihre Gewinne zuLasten der Patienten gemacht. Viele Tausend Menschen sind gesundheitlich höchst gefährdet oder schon betroffen.

Und was passiert in dieser Wirtschaft mit den Verursachern? NICHTS!!

Ein kleines Gerichtsverfahren, ein paar Scharmützel gut bezahlter Anwälte und das wars dann, wie immer.

Ist bei allen Skandalen zuLasten der Bürger so.

Die Chefs von PIP gehören enteignet und lebenslang in den Knast. Dabei etwas arbeiten - im Straßenbau gibts immer schwere Arbeit, die keiner zahlen will oder machen will.

Wenn mann das so handhaben würde, hätten wir bald keine Wirtschaftsverbrecher mehr.

Charly

06.01.2012, 22:14 Uhr

"Um den Betrug zu vertuschen, habe er „routinemäßig“ alle verräterischen Dokumente und Container vor den Prüfern verstecken lassen, sagte der 72-Jährige nach Angaben der französischen Nachrichtenagentur AFP vor Ermittlern."

Die Qualität eines technischen Produkts prüft man üblicherweise in einem Labor und nicht durch Lesen von "Dokumenten" die von der Herstellerfirma des Produktes geliefert werden.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass solche Zertifikate des TÜV nur 2 Gründe haben.
Grund 1 ist, dass der TÜV Gebühren kassiert und
Grund 2 ist, dass die Herstellerfirma mit den obskuren TÜV-Zertifikaten Werbung macht und den Produktpreis erhöht.

Einen technischen Wert haben diese Gefälligkeitszertifikate des TÜV ohnehin nicht - Alles Korruption !

Deshalb ist ein Schadensersatz des TÜV durchaus folgerichtig.

kibbie77

03.02.2013, 10:24 Uhr

Beim Tüv Rheinland wundert mich gar nichts, die erstellen auch Kfz Gutachten wonach Ölverlust bei Kraftfahrzeugen kein Mangel sind.Gemische aus Motoröl und Diesel sind bei für den Tüv Rheinland nur "Kondensat" und dürfen ins Erdreich sickern.

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