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09.05.2015

18:00 Uhr

Industriekonzerne im Umbruch

Kommen Mischkonzerne aus der Mode?

Bei den deutschen Konzernen wird derzeit kräftig aufgeräumt: Statt auf allen Hochzeiten zu tanzen, besinnen sich viele große Unternehmen lieber auf ihre Stärken. Dieser Trend kostet auch immer wieder Arbeitsplätze.

Der Industriekonzern, der alles kann, gilt als Auslaufmodell. Siemens will sich unter anderem auf die Energie konzentrieren. dpa

Siemens

Der Industriekonzern, der alles kann, gilt als Auslaufmodell. Siemens will sich unter anderem auf die Energie konzentrieren.

München/FrankfurtDer Elektrokonzern Siemens macht es und seine frühere Tochter Osram auch, aber auch der Energieriese Eon, die Deutsche Bank und andere: Sie gliedern wichtige Geschäftsbereiche aus, gründen Tochtergesellschaften oder bringen Unternehmensteile an die Börse wie die Deutsche Bank ihre Tochter Postbank. „Wir werden nicht mehr versuchen, alles für jeden zu sein“ – diesen Satz von Deutsche-Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen könnten derzeit viele Manager großer Unternehmen in Deutschland aussprechen. Ziel dabei: Weg vom Gemischtwarenladen, dafür das Kerngeschäft besser machen und Wachstumschancen erschließen.

Diesen Plan verfolgt derzeit auch Siemens: Wichtiges Element des radikalen Konzernumbaus ist die Verselbstständigung der Medizintechnik-Sparte, die als eigenständige Tochter künftig freier am Markt agieren soll. Die Hörgeräte-Sparte ist verkauft, auch ein Joint-Venture wurde gegründet.

Was mal alles Siemens war

Ein Konzern im steten Wandel

Was hat Siemens nicht schon alles hergestellt. Telefone, Computer, Halbleiter oder Geldautomaten. Der Konzern, 1847 als Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske in Berlin gegründet, hat sich seither gründlich und stetig gewandelt. Geschäfte kamen hinzu, andere verschwanden. Die Liste prominenter Abgänge ist lang. Eine Auswahl früherer Siemens-Geschäfte.

Halbleiter

Die heftigen Turbulenzen auf dem Markt veranlasste Siemens, das Geschäft abzuspalten - der Halbleiterhersteller Infineon wurde 1999 an die Börse geschickt.

Telekommunikation

Zwar war Siemens als Telegraphen-Hersteller gegründet worden, doch der rasche Wandel auf dem Telefonmarkt überforderte den Konzern. Lange bevor Nokia den Anschluss an Apple auf dem Handymarkt verlor, musste Siemens Mobile trotz zunächst großer Erfolge einst Nokia ziehen lassen. Das Geschäft mit Mobiltelefonen gab Siemens 2005 an den BenQ-Konzern ab. Nur wenig später musste der die Produktion einstellen. Das Geschäft mit schnurlosen Telefonen für daheim verkaufte Siemens 2008 an Arques.

Netzwerke

Auch das Ausrüstungsgeschäft für Netzwerke trennte Siemens heraus und brachte das Geschäft 2007 in eine gemeinsame Firma mit Nokia unter dem Namen NSN ein.

Computer

Unter dem Namen Siemens Nixdorf baute Siemens einst nicht nur Geldautomaten, sondern auch Computer. Diesen Teil brachte Siemens in ein Joint Venture mit dem japanischen Hersteller Fujitsu ein und zog sich 2009 daraus zurück. Die Sparte mit Kassensystemen und Geldautomaten wurde zehn Jahre zuvor an Investoren verkauft und wurde 1999 als Wincor Nixdorf weiter geführt und an die Börse gebracht.

Auto

Wechselvoll ist auch die Geschichte, die Siemens als Autozulieferer erlebt hat. So hat der Konzern 2001 den Zulieferer VDO übernommen und mit dem eigenen Autogeschäft zusammengeführt. Nach einer Ein- und wieder Ausgliederung sollte VDO eigentlich an die Börse gebracht werden, ging aber dann 2007 im Wege eines Verkaufs an den Autozulieferer Continental.

Licht

Osram ist das jüngste Beispiel für ein Modell der Trennung. Das traditionsreiche Licht-Unternehmen gehörte lange zu Siemens. Angesichts milliardenschwerer Herausforderungen, etwa für die Entwicklung neuer Produkte nach dem Aus für die Glühbirne, wollte Siemens die Tochter mit einem Börsengang in die Freiheit entlassen - und dafür Milliarden einsammeln. Das klappte nicht, stattdessen buchte Siemens seinen Aktionären Osram-Aktien ins Depot, ein Börsengang light sozusagen. Seit 2013 ist Osram selbstständig.

Zur Halbjahres-Bilanz an diesem Donnerstag dürfte Konzernchef Joe Kaeser aber noch mehr Neuigkeiten im Gepäck haben: In den vergangenen Monaten hat das Management unrentable Geschäftseinheiten unter die Lupe genommen und wird nun verkünden, wie es für sie künftig weitergeht. Das könnte auch weitere Arbeitsplätze kosten – über eine vierstellige Zahl wurde bereits spekuliert. Bereits bekannt ist, dass der Umbau rund 7800 Jobs kostet, davon rund 3300 in Deutschland. In der Energiesparte, die derzeit mit Problemen kämpft, sollen weitere 1200 Jobs wegfallen.

Bei all dem Verkaufen und Abspalten stellt sich natürlich immer die Frage nach dem „Wie?“. Wer kauft einen Geschäftsbereich, der beim Mutterkonzern offenbar nicht mehr erwünscht ist? Tatsächlich kann es bessere Eigentümer geben, die mit dem fraglichen Geschäft mehr Schnittstellen haben oder es auf eine andere Größe bringen können, um damit rentabler zu arbeiten.

Manchmal hilft es schon, wenn eine vergleichsweise kleine Sparte als eigenständiges Unternehmen flexibler agieren kann, weil sie sich nicht mehr an langsame Abläufe und komplizierte Strukturen der Mutter klammern muss.

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