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07.02.2006

13:00 Uhr

Inside: Gazprom

Dem eigenen Ruf geschadet

VonMathias Brüggmann

Gazprom lässt die Muskeln spielen. Der inzwischen zu den zehn teuersten börsennotierten Konzernen der Welt zählende russische Erdgasgigant will jetzt auch in Europa massiv in das Geschäft mit Endkunden einsteigen.

MOSKAU. So erwägt das Gazprom-Management die Übernahme des britischen Erdgasversorgers Centrica und will sich außerdem an einer neuen griechisch-türkischen Gaspipeline beteiligen.

Tatsächlich hat Gazprom-Chef Alexej Miller bereits vor zwei Jahren diese Internationalisierungs-Strategie angekündigt und seither immer wieder Vorstöße unternommen, in Deutschland, Italien, Frankreich und England stärker Fuß zu fassen. Gazprom reicht es nicht mehr, sein Erdgas für 250 Dollar pro 1 000 Kubikmeter an der deutschen Grenze abliefern. Vielmehr will der Konzern Stadtwerke, Stahlhütten und Privathaushalte selbst als direkte Abnehmer gewinnen und auch gleich den doppelten Preis kassieren.

Doch abgesehen von der mittlerweile auf 50 Prozent aufgestockten Beteiligung an der BASF-Tochter Wintershall, dem zweitgrößten deutschen Gashändler, konnte Gazprom bislang keine größere Erfolge verbuchen. Das soll sich jetzt mit dem möglicherweise 20 Milliarden Dollar teuren Centrica-Kauf ändern. Immerhin versorgt Centrica die Hälfte der britischen Endabnehmer mit Erdgas.

20 Milliarden Dollar – das ist selbst für den weltgrößten Gaskonzern viel Geld. Schließlich hat Gazprom in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2005 nur 8,3 Milliarden Dollar Gewinn gemacht. Doch trotz magerer Renditen und einem - glaubt man Insidern – weiter gigantischen Ausmaß an Veruntreuung von Firmengeldern hat Gazprom kein Problem, an frisches Kapital zu kommen. Die 13 Milliarden Dollar teure Übernahme des fünftgrößten russischen Ölförderers Sibneft etwa haben jüngst West-Banken ohne Murren finanziert.

Internationale Banken stehen sogar Schlange, dem größten russischen Konzern Geld zu leihen – obwohl inzwischen fast alle künftigen Fördererträge bereits verpfändet sind. Insbesondere Schweizer und amerikanische Geldhäuser führen den Kampf um neue Gazprom-Kredite mit harten Bandagen. Die Dresdner Bank, seit Jahren gut mit russischen Konzernen im Geschäft, kann ein Lied davon singen.

Geld ist also nicht das Problem für Gazprom und auch die internationale Expansionsstrategie des Konzerns nicht. Dennoch fällt es dem Moskauer Giganten schwer, seine Pläne zügig umzusetzen. Denn selbst in Großbritannien, das normalerweise kein Problem hat, wenn ein ausländischer Konzern ein britisches Unternehmen übernimmt, regt sich überraschend Widerstand. So mutmaßt die wirtschaftsliberale „Financial Times“, dass Gazprom die eigentlich auf der Insel beseitigte, wettbewerbsschädliche vertikale Integration zwischen Gasförderer und Distributeur wiederbeleben könnte.

Vor allem aber hat sich Gazprom am diesjährigen Neujahrsmorgen selbst einen Bärendienst erwiesen: Seit der Gigant im Auftrag von Kremlherr Wladimir Putin der politisch abtrünnigen Ukraine den Gashahn abgedreht hat, gilt Moskau nicht mehr als zuverlässiger Partner. Auch langjährige Gazprom-Freunde gehen seither auf Distanz - und wollen vor allem Russlands Gasmonopolisten nur noch unwillig auf die eigenen Märkte lassen.

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