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10.04.2006

15:08 Uhr

Inside

Salzgitter: Lieber gegen den Strom

VonMarkus Hennes

Der niedersächsische Stahl- und Röhrenkonzern Salzgitter hat am Wochenende für Irritationen an der Börse gesorgt. Grund ist ein buchtechnischer Verlust von 170 Millionen Euro aus Kurssicherungsgeschäften auf die Beteiligung am französischen Röhrenhersteller Vallourec, dessen Kurs sich zuvor verdreifacht hatte.

DÜSSELDORF. Ein knappes Drittel seiner 1,9 Millionen Vallourec-Aktien hatte Salzgitter Ende Januar zum Preis von 580 Euro per Februar 2009 verkauft. Da der Kurs aber inzwischen weiter bis auf über 900 Euro kletterte, musste dies in der Gewinn- und Verlustrechnung als Aufwand schon jetzt verbucht werden. Den doppelt so hohen Mehrwert der übrigen Vallourec-Aktien dürfte Salzgitter erst nach einem Verkauf ausweisen.

Falls die Vallourec-Aktie ihren Höhenflug fortsetzt, drohen weitere Buchverluste. Diese würden dann ebenfalls zu Lasten des operativen Ergebnisses gehen, dass im ersten Quartal mit mindestens 150 Millionen Euro höher als geplant ausgefallen ist und sich im zweiten Quartal weiter verbessern soll, wie es in Unternehmenskreisen heißt. Gleichwohl wird Salzgitter die ersten drei Monate unter dem Strich voraussichtlich nur mit einem schmalen Gewinn abschließen.

Nach der überraschenden Mitteilung über die Sonderbelastungen aus der Vallourec-Beteiligung wird klar, warum zwischen den Ergebnisschätzungen der Analysten und der Prognose des Salzgitter-Vorstands bisher eine riesige Lücke klaffte. Während Aktienexperten dem Konzern in diesem Jahr ein Ergebnis von rund einer halben Milliarde Euro zutrauten, warnte Salzgitter noch auf der Bilanzpressekonferenz Ende März vor überzogenen Erwartungen. Schlimmstenfalls, so Finanzchef Heinz Jörg Fuhrmann, werde das Konzernergebnis, das 2005 auf die Rekordhöhe von 941 Millionen Euro hoch geschnellt war, wieder auf das Niveau des Jahres 2004 zurückfallen. Damals hatte Salzgitter 323 Millionen Euro vor Steuern verdient. Zieht man nun von den Analystenschätzungen die Buchverluste aus der Kurssicherung ab, dann liegt das Ergebnis nahe an Salzgitters eigener Prognose. Die wurde allerdings schon im Herbst 2005 aufgestellt. Inklusive der Sonderbelastungen und im Lichte des verbesserten operativen Gewinns könnten nun am Ende 430 Millionen Euro herauskommen.

Leese erwartet schon bald Überkapazitäten

Der im internationalen Maßstab kleine Konzern geht seit Jahren einen Sonderweg in der Stahlindustrie. Obwohl die Nummer 25 der Weltrangliste prächtig verdient und mit einer Kapitalrendite von 39 Prozent glänzt, hält Salzgitter die Taschen zu und verfolgt die aktuelle Konsolidierung in der Branche nur als Zuschauer. Konzernchef Wolfgang Leese hält die Preise, die die Käufer momentan bei Übernahmen zahlen, für maßlos überzogen. Die zyklische Stahlindustrie, mahnt er, habe vielleicht noch ein, zwei gute Jahre vor sich. Spätestens 2008 aber werde der Abschwung beginnen, der 2010 in die nächste Krise münde. Grund seien die vor allem in China entstehenden Überkapazitäten. Dem von Asien ausgehenden Preisdruck könnten sich die Europäer nicht entziehen und deshalb erneut in die Verlustzone rutschen. Zusätzlich wären viele Unternehmen mit Abschreibungen auf zu teuere Akquisitionen belastet.

Zwar teilen die meisten Branchenkollegen Leeses Pessimismus nicht. Doch wenn er richtig liegen sollte, ergäbe sich vielleicht schon 2009 endlich eine günstige Gelegenheit für Salzgitter, die stattlichen Barreserven von über einer Milliarde Euro für Akquisitionen zu nutzen. Salzgitter will erklärtermaßen seine Marktposition im energiebezogenen Röhrengeschäft, also bei Öl- und Gaspipelines, ausbauen. Vielleicht versucht Leese dann sogar, den langjährigen Partner in diesem Bereich, Vallourec, vollständig unter seine Kontrolle zu bringen.

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