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21.08.2012

15:52 Uhr

Insolvenzankündigung

Aufträge konnten die P+S-Werften nicht mehr retten

Selbst die Staatsbürgschaft und volle Orderbücher konnten die P+S-Werften in Stralsund und Wolgast offenbar nicht mehr vor der Pleite bewahren. Auch Bundeskanzlerin Merkel hatte bei ihrem Besuch keine Hilfe im Gepäck.

Zwei Werftarbeiter bei P+S-in Stralsund. dapd

Zwei Werftarbeiter bei P+S-in Stralsund.

SchwerinDie Insolvenz zweier Werften stürzt Mecklenburg-Vorpommern wieder einmal in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Dabei geht es den Schiffbauern in Deutschland derzeit gar nicht so schlecht, sagt der Branchenverband. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) reiste am Dienstag in ihren Wahlkreis in Stralsund, wo sie mit dem Schweriner Regierungschef Erwin Sellering (SPD) und dessen Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) vor die Werftarbeiter trat. Doch Hilfspakete hatte sie nicht im Gepäck: "Wir haben der Werft geholfen - der staatliche Rahmen ist ausgeschöpft", sagte sie dem NDR.

Am Vortag hatte der Geschäftsführer der P+S-Werften in Stralsund und Wolgast, Rüdiger Fuchs, den Insolvenzantrag angekündigt. Obwohl die Orderbücher mit Aufträgen im Wert von über einer Milliarde Euro gefüllt seien und Bund und Land erst im Juni Millionen schwere Beihilfen zusagten, seien die Betriebe über das Jahresende hinaus nicht zu finanzieren, begründete er seinen Schritt.

Die größten Werft-Pleiten Deutschlands

Mai 1996

Der Bremer Vulkan geht als größter deutscher Werftenverbund in Konkurs. Knapp 2000 Beschäftigte verlieren ihren Job. Der Konzern hatte umgerechnet mindestens 435 Millionen Euro Subventionen zweckentfremdet, die eigentlich für Tochterfirmen in Ostdeutschland bestimmt waren. Der im Herbst 1995 zurückgetretene Vorstandschef Friedrich Hennemann und zwei weitere Mitarbeiter werden später wegen Untreue zu Bewährungsstrafen verurteilt.

Februar 2004

Die Lloyd Werft Bremerhaven mit rund 500 Beschäftigten beantragt Insolvenz. Die finanziellen Probleme entstanden vor allem durch die Havarie des gekenterten Kreuzfahrtschiffes „Pride of America“. In der Folgezeit gelingt die Sanierung des Unternehmens, 2006 steigen die italienische Staatswerft Fincantieri und eine Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landes Bremen als Gesellschafter ein. 2011 arbeiten 200 Menschen bei Lloyd.

September 2008

Die Kieler Traditionswerft Lindenau stellt Insolvenzantrag. Die auf Doppelhüllen-Tanker spezialisierte Werft verfügt nach eigenen Angaben über Aufträge von zusammen 225 Millionen Euro. Anfang 2012 geht der Millionenauftrag für eine größere Reparatur des Marine-Segelschulschiffes Gorch Fock an die Konkurrenz. Von den ehemals 370 Beschäftigten arbeiten noch 38 bei Lindenau.

Januar 2009

Die Bremerhavener Schichau Seebeck Werft meldet Insolvenz an. Offene Verbindlichkeiten bei Lieferanten konnten trotz eines gut gefüllten Auftragsbuches nicht beglichen werden. Auf der Werft arbeiten mehr als 300 Beschäftigte. Kurz darauf wird die Werft geschlossen.

Juni 2009

Für die Wadan-Werften in Wismar und Rostock-Warnemünde wird trotz staatlich verbürgter Kredite in dreistelliger Millionenhöhe Insolvenz beantragt. Es scheitern zunächst alle Versuche, vorhandene Aufträge zu sichern und neue Investoren zu finden. Im August stimmt der Gläubigerausschuss dem Verkauf an den russischen Investor Igor Jussufow zu, der mit 40,5 Millionen Euro einsteigt. Auf den später in Nordic Yards umbenannten Werften arbeiten 2011 noch knapp 970 der einst 2400 Beschäftigten.

November 2011

Deutschlands älteste Werft, die Hamburger Sietas-Gruppe, geht in die Insolvenz. Im Juni 2012 wird das Unternehmen zerschlagen: Die Sietas-Werft geht an die niederländische Veka-Gruppe. Die Bremer Lürssen-Gruppe übernimmt die Reparaturwerft Norderwerft. Die norwegische TTS Group ASA erhält den Zuschlag für die Neuenfelder Maschinenfabrik. Seit dem Insolvenzantrag sind 350 der ehemals 1000 Arbeitsplätze gestrichen worden.

29. August 2012

Die P+S-Werften stellen beim Amtsgericht Stralsund einen Insolvenzantrag für die beiden Schiffbaubetriebe in Stralsund und Wolgast. Knapp 2000 Beschäftigte bangen um ihre Jobs.

Die Werften gehören zu den wenigen Industriebetrieben im strukturschwachen Vorpommern, das sonst vor allem von der Landwirtschaft und dem Tourismus lebt. 1800 Schiffbauer sind direkt auf den P+S-Werften beschäftigt. Mehrere tausend weitere Jobs sind bei Zulieferfirmen der Region in Gefahr. Bereits vor zwei Jahren bekamen die P+S-Werften Staatsbürgschaften über mehr als 300 Millionen Euro. Im Gegenzug musste die Bremer Hegemann-Gruppe die Werften in eine Treuhandgesellschaft ausgliedern.

Das Auf und Ab der P+S-Werften

1948

Die Volkswerft Stralsund und die Peene-Werft Wolgast werden gegründet.

1992

Die Bremer Hegemann-Gruppe übernimmt die Peene-Werft in Wolgast. Jahrelang hat sie volle Auftragsbücher.

Juli 2007

Die Hegemann-Gruppe übernimmt auch die Volkswerft Stralsund. Sie will in die Produktion besonders großer Containerschiffe einsteigen.

Frühjahr 2009

In beiden Werften werden die Aufträge knapp. Hegemann kündigt die Umstellung auf den Spezialschiffbau an.

Juni 2009

Finanz-und Wirtschaftsministerium geben grünes Licht für eine Bürgschaft über9 Millionen Euro.

Juni 2010

Die beiden Werften stellen sich unter dem Namen P+S- Werften neu auf. Die Hegemann-Gruppe hält einen Anteil von 7 Prozent, die HSW Treuhand- und Beteiligungsgesellschaft ist mit 93 Prozent beteiligt.

August 2010

Die Belegschaften erklären sich zu kostenloser Mehrarbeit bereit, um die weitere Sanierung der Werften zusichern.

August 2011

Die P+S-Werften erhalten einen Millionenauftrag über den Bau von zwei Offshore-Installationsschiffen.

März 2012

Land, Bund und Banken einigen sich auf Unterstützung bei der Finanzierung von Schiffbauaufträgen. Grund sind die teureren Spezialschiffe.

Mai 2012

Ein Finanzloch von 200 Millionen Euro gefährdet den Fortbestand. Das Land ist grundsätzlich zu erneuter Hilfe bereit, braucht aber die Zustimmung der EU und sieht auch Bund, Banken, das Unternehmen und die Belegschaft mit in der Verantwortung.

Juni 2012

Es stellt sich heraus, dass fast 300 Millionen Euro Umstrukturierungsbeihilfe nötig sind. Die Mitarbeiter erklären sich bereit, sich an der Rettung mit 68 Millionen Euro zu beteiligen. Schwerin sagt ein Darlehen von bis zu 152,4 Millionen Euro zu.

Juli 2012

Die EU-Kommission genehmigt die staatliche Garantie für die P+S Werften unter Vorbehalt.

August 2012

Der frühere Airbus-Manager und Sietas-Werftsanierer Rüdiger Fuchs wechselt als Unternehmenschef an die Spitze der P+S-Werften. Er deckt größere Probleme als bisher bekannt auf, darunter Lieferverzögerungen für Scandlines-Fähren und zwei Spezialfrachter.

20. August

Das Land stoppt die Hilfen.

29. August

Die Werftengruppe reicht den Insolvenzantrag ein.

Die erneute Schieflage bei den P+S-Werften ist seit längerem bekannt. Insgesamt würden 300 Millionen Euro fehlen, hieß es im Frühjahr. Mit entsprechendem Engagement machte sich die SPD/CDU-Landesregierung bei der EU in Brüssel stark, um Rettungsbeihilfen von bis zu 152 Millionen Euro zahlen zu können. Das sei "nicht ohne Risiko", sagte Sellering damals. Weiteres Geld sollten die Zulieferer, die Banken und indirekt die Mitarbeiter zur Verfügung stellen.

Genützt hat es nicht. Geschäftsführer Fuchs, der erst vor zwei Wochen seinen Dienst antrat, kam zu dem Schluss, die Werften hätten sich auf dem Weg von der Serienproduktion zum Spezialschiffbau "zu viel vorgenommen".

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