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07.11.2012

11:12 Uhr

Insolvenzexperte

China schielt auf kriselnde Autozulieferer

Der Automarkt in Europa ist auf Talfahrt. Die Hersteller bauen weniger Autos und geben den Preisdruck weiter an ihre Zulieferer. Dort fallen nun die ersten um. Ausgerechnet China könnte davon im großen Stil profitieren.

Detlef Specovius sieht unter anderem den Weltmarktführer für Pkw-Schließsysteme, Kiekert, im Visier chinesischer Investoren. dpa

Detlef Specovius sieht unter anderem den Weltmarktführer für Pkw-Schließsysteme, Kiekert, im Visier chinesischer Investoren.

StuttgartInvestoren aus China könnten laut Einschätzung von Experten bald im großen Stil nach finanziell angeschlagenen Autozulieferern aus Deutschland greifen. „Die Chinesen sind auf Investitionstour, ihre Kriegskasse ist voll und die Absatzkrise der Autohersteller wird hierzulande absehbar zahlreiche Zulieferer in Bedrängnis bringen“, sagte der Branchenkenner und Sanierungsfachmann Detlef Specovius der Nachrichtenagentur dpa. Specovius ist Partner der Kanzlei Schultze & Braun und war unter anderem maßgeblich an der Sanierung des Autozulieferers Saargummi beteiligt, der vor gut einem Jahr an den chinesischen Staatskonzern CQLT ging.

Die Zulieferer in Deutschlands Schlüsselbranche Autoindustrie sind neben Größen wie Bosch, Conti und ZF vor allem kleine und mittlere Unternehmen. Für sie bahnt sich laut Specovius ein Überlebenskampf an. „Viele sind in der Krise 2009 an ihre Reserven gegangen und hatten nun nicht genügend Zeit, sich während des starken aber kurzen Aufschwungs finanziell wieder genügend Speck anzufressen.“ In Europa ist der Automarkt angesichts der Schuldenkrise schon seit Monaten bedrohlich auf Talfahrt.

Seit Jahresanfang sind hierzulande schon mindestens 40 größere Autozulieferer in die Insolvenz gegangen, wie Specovius mit Verweis auf Branchendaten berichtete. Und Beispiele für den Zugriff der Chinesen gibt es schon etliche: Etwa Maschinenbauer wie die Pumpenhersteller Putzmeister und Schwing, aber eben auch eine kleine, aber feine Reihe von Autozulieferern. Neben Saargummi sind das zum Beispiel KSM Castings, Preh, Sellner oder der Weltmarktführer für Pkw-Schließsysteme, Kiekert. Das zentralistisch regierte und planwirtschaftlich arbeitende China zielt unter anderem auf den Aufbau einer international wettbewerbsfähigen Kfz-Industrie.

Die größten Autohersteller in China

Methodik

Einmal pro Quartal erstellen die Wirtschaftsprüfer von Ernst&Young ein Ranking der größten Autokonzerne nach Absatz. Wie die Autohersteller in China abgeschnitten haben. (Daten: 2. Quartal 2012)

Platz 10

BMW - 79.000 verkaufte Fahrzeuge

China gehört für die Münchener zu den wichtigsten Märkten der Welt. Im Vergleich zum Vorjahr konnte der Absatz im zweiten Quartal um satte 25 Prozent zulegen.

Platz 9

Peugeot-Citroën - 100.000 verkaufte Fahrzeuge

Während der Heimatmarkt schwächelt, können die Franzosen in Fernost ihre Verkäufe ausbauen - wenn auch schwächer als die Konkurrenz. Der Absatz legt um neun Prozent zu.

Platz 8

Kia- 120.000 verkaufte Fahrzeuge

Die Koreaner können auch im Nachbarland ihren Erfolgskurs fortsetzen. Mit einem Wachstum von 26 Prozent gehören sie zu den erfolgreichsten Volumenherstellern in China.

Platz 7

Ford - 156.000 verkaufte Fahrzeuge

Ein fünftel des Absatzes machen die US-Amerikaner in China. Im Jahresvergleich legten die Verkäufe im Reich der Mitte um 16 Prozent zu.

Platz 6

Honda - 179.000 verkaufte Fahrzeuge

Die Japaner sind der wachstumsstärkste Hersteller im Ranking. Der Umsatz kletterte im Jahresvergleich um satte 69 Prozent. Die Folgen der Flutkatastrophe scheinen überwunden zu sein.

Platz 5

Hyundai - 188.000 verkaufte Fahrzeuge

Wesentlich schwächer läuft das Geschäft dagegen für die koreanische Konkurrenz. Während Hyundai weltweit stark wächst, legten die Verkäufe in China im Jahresvergleich nur um vier Prozent zu.

Platz 4

Toyota - 231.000 verkaufte Fahrzeuge

Das Ziel ist klar: Der weltgrößte Autohersteller der Welt will auch im chinesischen Markt zurück auf die Spitzenplätze. Dem eigenen Anspruch wird Toyota mit einem Wachstum von 57 Prozent im zweiten Quartal fast schon wieder gerecht.

Platz 3

Nissan - 344.000 verkaufte Fahrzeuge

Doch im chinesischen Markt ist ein japanischer Konkurrent sogar noch stärker als Toyota. Weil das Wachstum mit 16 Prozent im Verhältnis schwächer ausfällt, schrumpft der Vorsprung.

Platz 2

Volkswagen - 666.000 verkaufte Fahrzeuge

Für keinen deutschen Hersteller ist der chinesische Markt wichtiger als für VW. Fast ein Drittel der Autoproduktion wird in China verkauft. Mit einem Wachstum von 19 Prozent blasen die Wolfsburger zum Angriff auf die Spitze.

Platz 1

General Motors - 672.000 verkaufte Fahrzeuge

Doch die Spitzenposition in China können immer noch die US-Amerikaner verteidigen - wenn auch knapp. Mit einem Wachstum von 14 Prozent bleibt der Konzern in China führend.

Das rasante Tempo aus der Krise heraus habe den Zulieferern zwar Stückzahlen gebracht. Doch die dafür nötigen Überstunden sowie Nacht- und Wochenendarbeit hätten die Arbeit verteuert und Margen gedrückt. „Nun drosseln die Autohersteller wieder die Produktion und reduzieren die Abnahmemengen bei ihren Zulieferern. Diese können ihre Fixkosten aber nicht genauso schnell anpassen. Und obendrein befeuern die Sparprogramme der Hersteller den Kostendruck zusätzlich und drücken die Margen sicher noch weiter.“ Daimler etwa will im Einkauf sparen.

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Die Kauflust der Europäer auf neue Autos schwindet seit Monaten.

Dass nun die deutsche oder europäische Konkurrenz per Aufkauf zuschlage, hält Specovius für unwahrscheinlich. „In Europa finden Sie fast keinen strategischen Investor mehr. Da ist jeder froh über einen Wettbewerber, der vom Markt verschwindet. Außerdem würden sich die wenigsten zusätzliche Produktionsstandorte ans Bein binden.“ Die Chinesen hätten dagegen gleich mehrere Motive. „Es geht ihnen nicht nur um westliches Know-How für ihre Produkte, sondern auch um den Marktzutritt. Sie haben verstanden, dass für den Zugang zu den europäischen Autoherstellern die Präsenz vor Ort notwendig ist.“

Für die Innovationskraft der Branche sieht Specovius aber nicht zwangsläufig eine Gefahr. Forschung und Entwicklung könnten Eigner aus China - anders als die Produktion - nicht einfach aus Deutschland abziehen. Zumal auch die Autohersteller darauf achteten, dass ihnen Alternativen blieben. Im Notfall würden sie selbst helfen. Es gebe durchaus Zulieferer mit wenigen Dutzend Angestellten, ohne deren Produkte Volumenmodelle deutscher Hersteller nicht vom Band liefen.

Auch die Wirtschaftsprüfer und -berater von Ernst & Young hatten in einer Studie im Sommer von einem ähnlichen Trend wie Specovius berichtet. „Die Innovationskraft mittelständischer Autozulieferer hat es den Chinesen sehr angetan“, hieß es.

Von

dpa

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