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27.01.2008

09:00 Uhr

Interview

Die Energiebranche ist auf dem richtigen Weg

ExklusivRWE-Chef Jürgen Großmann ist mit der Entwicklung in der deutschen Energiebranche zufrieden. Der Energiepakt sei auf dem Weg, wichtige Gespräche mit den energieintensiven Branchen bereits in Vorbereitung, sagt er dem Handelsblatt. Um dem Vorwurf der Preistreiberei entgegen zu wirken, verspricht er zudem mehr Transparenz und Kundenfreundlichkeit.

Jürgen Grossmann ist Chef vom Versorger RWE. Foto: ap ap

Jürgen Grossmann ist Chef vom Versorger RWE. Foto: ap

Herr Großmann, EnBW-Chef Villis hat der Energiebranche mangelnden Korpsgeist vorgeworfen. Steht es wirklich so schlecht um die Energiewirtschaft?

Nein. Der neue fusionierte Verband muss erst einmal Fahrt aufnehmen. An einer einheitlichen Außendarstellung wird mit Hochdruck gearbeitet. Bestimmte Fragen jedoch muss jedes Unternehmen für sich beantworten. Dazu gehört vor allem die Preisgestaltung.

Nach den kräftigen Strompreiserhöhungen steht Ihre Branche unter erheblichem öffentlichen Druck. Wie steht es um den von Ihnen angeregten Energiepakt?

Es könnte kaum besser um ihn stehen. Mit der Regierung hatten wir schon wichtige Treffen – und weitere werden folgen. Ich denke, dass es mit der Politik nach den Landtagswahlen weitergeht. Gespräche mit energieintensiven Branchen sind in Vorbereitung. Wichtig ist auch, dass Industrie, Verbraucher und Erzeuger an einen Tisch kommen.

Das allein wird nicht reichen.Was muss der Energiepakt konkret leisten?

Als erstes sollten wir eine Diskussion über die Energiepreise führen, die Privatkunden und Unternehmen bezahlen müssen. Auch darüber, welchen Anteil der Staat mit Steuern und Abgaben an den Energiepreisen hat. Es muss klar sein, dass die Preise sich nicht nach den Kosten eines Unternehmens bilden, sondern nach den Knappheiten am Markt.

Damit wäre dann der Vorwurf der Preistreiberei vom Tisch?

Diesen Vorwurf haben wir mehrfach zurückgewiesen. Wir handeln auch danach und wollen unsere Transparenz weiter steigern. Innovation, Transparenz und Kundenfreundlichkeit: Daran wollen wir uns messen lassen.

Aber Sie erhöhen die Preise doch?

Der Strompreis bildet sich in erster Linie an der Börse und und ist dort in den vergangenen Monaten erheblich gestiegen. Strom wird zunehmend ein knappes Gut, weil Kraftwerke fehlen. Und Knappheit treibt bekanntlich den Preis.

Das ist doch nur die halbe Wahrheit. Der Preisanstieg geht nicht allein auf die Entwicklung an der Strombörse zurück.

Hinzu kommen nationale und europäische Vorgaben, um den Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung zu erhöhen. Das kostet natürlich Geld und treibt den Preis weiter. Das muss dem Bürger klar gesagt werden. Wer beim Strom die zahlreichen Sonderbelastungen herausrechnet, stellt fest, dass die deutschen Preise im internationalen Vergleich nicht an der Spitze, sondern im unteren Mittelfeld liegen.

Sollte sich Deutschland von den erneuerbaren Energien verabschieden?

Natürlich nicht, im Gegenteil. Es ist mit Blick auf die Klimaveränderungen notwendig, dass der Anteil der erneuerbaren Energien steigt. RWE wird die Vorgaben erfüllen und bis 2020 den Anteil der Erneuerbaren an seiner Stromerzeugung deutlich erhöhen. Dazu haben wir unsere neue Gesellschaft RWE Innogy gegründet. Deutschland braucht aber einen vernünftigen Energiemix und kann nicht aus der Kernenergie und dann auch noch aus der Kohleverstromung aussteigen. Die erneuerbaren Energien allein können die Stromversorgung noch nicht garantieren. Wenn die Regierung an ihren Plänen zum Atomausstieg festhält, macht sie Deutschland mit brachialer Gewalt zum Energieimportland.

Was ist die Alternative?

Unsere Anlagen in Deutschland sind mehrfach durch internationale und nationale Kommissionen hinsichtlich ihrer Sicherheit überprüft worden. Wir stellen uns auch weiterhin diesen harten Prüfungen. Wenn solche Untersuchungenn einmal nüchtern und sachorientiert betrachtet werden, gibt es vielleicht eine Chance für den Ausstieg aus dem Atomausstieg. Deutsche Kraftwerke sind mindestens genauso sicher wie amerikanische und japanische. Es kann doch nicht sein, dass Kernkraftwerke in Amerika etwa 60 Jahre und in Japan mehr als 50 Jahre laufen dürfen, in Deutschland aber nur gut 30 Jahre.

Die Große Koalition will das Fass aber nicht aufmachen.

Das ist richtig. Deshalb sehe ich erst nach der nächsten Bundestagswahl wieder eine Chance, das Thema Kernenergieaausstieg anzupacken. Grundsätzlich sollten wir mit der Bundesregierung ein mittelfristiges Energiekonzept ausarbeiten, das die nächsten 15 Jahre Bestand hat. In dem Punkt können wir viel von Frankreich lernen.

Die EU-Kommission macht zusätzlichen Druck durch die Verknappung von Verschmutzungszertifikaten. Ist das der richtige Weg?

Es ist ja richtig, dass in Europa Zertifikate gehandelt werden sollen, für die auch Geld bezahlt wird. Es muss aber nach 2012 in der dritten Handelsperiode auch kostenlose Zuteilungen für Neuanlagen geben. Sonst wird die Wirtschaftlichkeit von hochmodernen sauberen Kohlekraftwerken in Frage gestellt. Und dies wiederum würde einen breiten Energiemix und die Versorgungssicherheit in Deutschland gefährden. Das Eis hier ist sehr dünn. Wir brauchen dringend neue Kraftwerke und eigene Ressourcen wie die Braunkohle sind da wertvoll. Schauen Sie nach Frankreich: Präsident Sarkozy käme nie auf die Idee, seine Rohstoffvorkommen ungenutzt zu lassen. Überspitzt formuliert: Läge die Braunkohle in Frankreich und nicht in Deutschland, hätte Paris längst in Brüssel interveniert und sie zu den erneuerbaren Energien gezählt.

Die Kommunen sind größter Anteilseigner bei RWE. Soll sich daran etwas ändern?

Darüber entscheiden die Kommunen, wie jeder andere Anteilseigner auch, in eigener Verantwortung. Jeder Investor ist willkommen.

Das schließt auch Unternehmen wie Gazprom ein?

Natürlich. Ich bin für freien Kapitalverkehr und nicht für eine defensiv geführte Debatte über die Expansion ausländischer Staatsfonds. Für mich gibt es nur ein Tabu: eine Verlegung des Konzernsitzes ins Ausland. Das ist mit mir nicht zu machen.

Was halten Sie von den Plänen der Bundesregierung zur Kontrolle ausländischer Investitionen?

Ich habe erhebliche Zweifel, ob das geplante Schutzsystem überhaupt funktioniert. Zudem sehe ich keine Notwendigkeit für eine solche Beschränkung der Investitionsfreiheit. Mir sind auch keine Fälle bekannt, die eine solche weitreichende Gesetzgebung rechtfertigen könnte.

Die Pläne der Regierung sind also überflüssig?

Aus meiner Sicht braucht man solche zusätzlichen Regeln nicht. Für den Standort Deutschland, der enorm auf ausländisches Kapital angewiesen ist, wäre das ein nicht zu unterschätzender Nachteil.

Das Interview führten Sven Afhüppe, Dieter Fockenbrock und Hermann-Josef Knipper.

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