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27.05.2012

13:29 Uhr

Interview

„Die USA reindustrialisieren sich“

VonHans Christian Müller-Dröge

Der Deutschlandchef von Accenture Frank Riemensperger sagt, dass die USA von der deutschen Industrie lernen. Und er erklärt, warum das Land für deutsche Konzerne so interessant ist.

Die amerikanische Wirtschaft setzt auf Wachstumsimpulse. dpa

Die amerikanische Wirtschaft setzt auf Wachstumsimpulse.

Hans Christian Müller: Laut Ihrer Studie gewinnt der US-Markt für deutsche Firmen an Bedeutung. Warum ist das so?

Frank Riemensperger: Ich sehe drei Gründe. Einmal ist da schlichtweg die schiere Zahl an neuen Konsumenten: Die Bevölkerung dort wächst deutlich, vor allem durch die vielen Zuwanderer. Eine unserer Untersuchungen zeigt: In keinem anderen Land der Welt wird die einkommensstarke Mittelschicht so stark wachsen wie in den USA. In Europa findet man nirgends so viele neue Kunden - allenfalls noch in der Türkei.

Aber die Herstellung von Konsumgütern ist doch gar nicht die Stärke der Deutschen.

Doch, aber in anderen Bereichen sind wir natürlich stärker. Denken Sie etwa an die deutschen Autohersteller - die haben signifikante Zuwächse, auch die Zulieferer. In den USA gibt es dazu einen riesigen Bedarf an neuer Infrastruktur: Straßen, Stromnetze, Gesundheitsversorgung... Für deutsche Technologie-Konzerne ist das natürlich wahnsinnig interessant, auch für die aus den Bereichen Tiefbau, Pharma oder Maschinenbau. Und die Amerikaner operieren hier natürlich mit ganz anderen Budgets als etwa die Schwellenländer.

Und der dritte Grund?

Die USA haben angefangen, sich zu reindustrialisieren - und lernen dabei von der traditionell starken deutschen Industrie, die vor Ort aktiv ist. Die amerikanische Wirtschaft hat verstanden, dass sie wegkommen muss von den hohen Importüberschüssen, wenn sie neue Jobs schaffen will. Doch das geht nur über mehr Produktion im Inland und mehr Exporte.

Sie sind auch Vizepräsident der amerikanischen Handelskammer in Deutschland. Was denken US-Firmen, die sich hier engagieren, über die Euro-Krise?

Bei mir kommt an, dass viele zunehmend skeptischer werden und nicht glauben, dass das europäische Politiksystem in der Lage ist, schnell genug die richtigen Entscheidungen für stabiles Wachstum herbeizuführen. Diese Zweifel könnten am Ende dazu führen, dass sich die Amerikaner in Europa beim Investieren zurückhalten. Noch spürt man das hier nicht - zumal auch der Dollarkurs Investitionen in Europa wieder billiger macht. Ein Wechselkurs von 1,26 wie heute ist natürlich etwas ganz anderes als die 1,45 vor einem halben Jahr. Doch in der Euro-Zone werden davon wohl allenfalls die Deutschen profitieren.

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Warum konnten die Amerikaner schneller aus der Konjunkturkrise kommen als Europa?

Die Politik dort hat sich für einen klaren Weg entschieden - mit einem unmissverständlichen Fokus auf Wachstumsimpulse. Und das, obwohl die Staatsschuldenquote sogar höher ist als in Europa. Doch die Entwicklung gibt ihnen recht: Denn so ist es gelungen, dass die Menschen wieder Vertrauen in die Zukunft haben. Sicher, die Arbeitslosigkeit ist noch immer hoch, doch der Trend weist nach unten. Die Wirtschaft ist nicht in eine Angststarre verfallen, sondern investiert wieder - das ist ein großer Unterschied zu Europa.

Gehen die Amerikaner das Thema Staatsschulden gelassener an?

Ja, man gibt sich mehr Zeit für die Lösung - auch weil man sich sicher ist, dass ein Schuldenabbau nur mit Wachstum funktioniert.

Kommentare (2)

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PowerplayAC

28.05.2012, 07:43 Uhr

Man sollte der Vollständigkeit halber erwähnen, daß die exorbitanten Staatsschulden der USA in Europa nicht folgenlos vorstellbar wären. Sie sind eben DIE "Supermacht" mit der Weltleitwährung. Zusätzlich stehen die Konjunkturimpulse in keinem besonders guten Verhältnis zum Schuldenwachstum der letzten Jahre. Es ist auch nich erwiesen, ob das Ganze letztlich funktioniert.

Die Angelsachsen sind immer shcon die besten Propagandisten in eigener Sache. Schaut man sich die Probleme der USA an, ist Europa ein harmloses Vorspiel. Man schafft es nur immer wieder, diese Themen aus der medialen Wahrnehmung herauszuhalten.

Account gelöscht!

28.05.2012, 09:11 Uhr

"Schaut man sich die Probleme der USA an, ist Europa ein harmloses Vorspiel. Man schafft es nur immer wieder, diese Themen aus der medialen Wahrnehmung herauszuhalten."

Ist ein Konsumentenfeld "abgegrast", sucht man sich eben neue. Aber wie man sieht, ohne Wachstumsimpulse geht es eben nicht. Nur - ich werde nie in einem Land arbeiten, in dem die Wahrscheinlichkeit höher ist, aus einem Schuß einer Waffe zu sterben, als alt im Bett.
Die USA sind in vielen Dingen ein Entwicklungsland, und weil die USA ihr Geld selbst drucken, fällt es nicht so auf. Erstaunlich das dieses in der Wahrnehmung kaum stattfindet. Erst wenn wieder genug Geld gedruckt scheint, kommen die Investoren.
The american way of live, Europa täte gut daran, sich einen eigenen way of live zu definieren. Es macht für mich immer den Eindruck, als ob die eigenen vielfältigen Suppen nicht schmecken (wollen).
Doch eines können die "Amis" deutlich besser, hinfallen ist keine Schande, aber liegen bleiben schon.

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