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02.07.2012

17:00 Uhr

Interview Franz Fehrenbach

„Kein Freibrief für fiskalische Laxheit“

VonMartin-W. Buchenau, Gabor Steingart

Für Franz Fehrenbach steht Europa an einer Wegscheide. Drei verschiedene Szenarien hält er nun für möglich. Boschs neuer Chefaufseher über die Euro-Krise, unehrliche EU-Politik, und seine Amtszeit bei Bosch.

Franz Fehrenbach: Vom Chef zum Aufseher. dpa

Franz Fehrenbach: Vom Chef zum Aufseher.

Herr Fehrenbach, wie bewerten Sie die Ergebnisse des EU-Gipfels und die Zugeständnisse von Frau Merkel?
Die Gipfelergebnisse bewerte ich in der Summe positiv. Wichtige Elemente zur Stabilisierung der Währungsunion sind vereinbart worden. Dazu zählte ich vor allem die Schritte in Richtung einer Bankenunion. Der angekündigte Verzicht auf zusätzliche Sparauflagen bei der Inanspruchnahme von Kredithilfen ist grundsätzlich in Ordnung.

Sie sagen also tatsächlich: Entwarnung?

Das alles darf nicht als Freibrief für fiskalische Laxheit genutzt werden. Wichtig ist daher, die Beschlüsse jetzt zügig und im Sinne einer nachhaltigen Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit umzusetzen. Dazu muss auch die Möglichkeit direkter Eingriffe der europäischen Institutionen auf nationale Entscheidungen gehören, wenn Länder ihren Verpflichtungen nicht nachkommen.

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Der Bundesverband der Deutschen Industrie wirbt für den Euro und warnt vor den Forderungen der Familienunternehmen nach Austritt einiger Südländer. Auf welcher Seite stehen Sie?

Wenn Sie so zugespitzt fragen, dann eher beim BDI. Denn bei den Verbänden der Familienunternehmen vermisse ich ein bisschen mehr Verantwortungsgefühl. Alle Länder, die die Maastricht-Kriterien ratifiziert haben, sind mitverantwortlich für die derzeitige Situation. Da kann ich nicht einfach sagen, wir müssen uns heraushalten und dürfen nicht die Kreditgeber für südeuropäische Länder sein.

Sie hatten doch selbst vor nicht allzu langer Zeit das griechische System als "marode, eine untragbare Belastung für die europäische Solidargemeinschaft" bezeichnet. Wie passt das zusammen?

Länder, bei denen sich die Wettbewerbsfähigkeit zu weit auseinanderentwickelt, die kann ich nicht unter einer Währung zusammenfassen. Vor allem, wenn sie keine funktionierende Verwaltung und kein funktionierendes Steuersystem haben. Wir brauchen also eine grundlegende Reform der Verwaltung und der Wirtschaft sowie eine Art Marshallplan, um den Griechen in Europa eine echte Perspektive zu bieten.

Vita

Karriere

Der Sohn eines südbadischen Winzers begann 1976 seine Laufbahn bei Bosch. Der Wirtschaftsingenieur hatte verschiedenen Positionen inne und wurde 2003 Vorsitzender der Geschäftsführung. Nach neun Jahren übergibt er die operative Führung an Volkmar Denner.

Aufsichtsratschef

Seit gestern ist der 63-Jährige als Vorsitzender von Aufsichtsrat und Gesellschafterversammlung die letzte Instanz bei Bosch. In dieser Funktion löst er Hermann Scholl ab, der nach 50 Jahren aus dem Unternehmen ausscheidet.

Welche Optionen sehen Sie für Europa?

Unter der Prämisse, dass wir den Euro weiterhin als Währung behalten und auch die europäische Union haben wollen, sehe ich drei mögliche Szenarien.

Und die wären?

Beim ersten Szenario machen die Regierungen weiter wie bisher. Sie reagieren in der Regel zu spät auf den Druck der Finanzmärkte. Die neueste Idee sind gerade die Euro-Bills. Doch all die Milliarden und Garantien, die wir zur Rettung bislang eingebracht haben, haben nur bestimmte Zeit gehalten - danach waren wieder neue Summen erforderlich. So können wir noch eine Zeit lang weitermachen, aber irgendwann kommt der ganz große Knall. Deshalb bin ich der Meinung, dass wir heute an einer Wegscheide für Europa stehen. Wir können so nicht weitermachen.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

02.07.2012, 17:41 Uhr

Zitat:"Wir brauchen also eine grundlegende Reform der Verwaltung und der Wirtschaft sowie eine Art Marshallplan, um den Griechen in Europa eine echte Perspektive zu bieten."

Wenn dieser Satz nach Monaten vergeblicher Umgestaltungsbemühungen nicht so furchtbar traurig wäre, würde ich jetzt lachen - waren Sie, Herr Fehrenbach, überhaupt schon ein einziges Mal in Griechenland?

Das letzte, was die Griechen annehmen würden, ist die Hilfe von anderen. Außer der finanziellen Hilfe natürlich.
Bitte nehmen Sie doch zur Kenntnis, dass NUR die Griechen selbst sich helfen können. Und wenn das noch eine weitere Generation dauert, dann ist das eben so. Bloß innerhalb der €-Zone wird es niemals passieren, denn dann fehlt der Druck zum Agieren. Wir sollten dieses Volk einfach mal 20 Jahre in Ruhe lassen, dann kommt das wirtschaftliche Verhalten ganz von allein.
Ich kann das, was ich hier behaupte, beurteilen, denn ich lebe seit mehr als 10 Jahren hier in GR.

esm

02.07.2012, 17:59 Uhr

Wenn Szenario 2 kommen soll, dann geht das nicht ohne in Deutschland und den anderen EU Ländern Englisch als zweite Amtssprache einzuführen. One communication is one essential precondition to install a unified political system in Europe. Ich schätze die Transitionperiod wird wahrscheinlich eh 100 Jahre oder mehr dauern. Handelsblatt Online kann schon mal damit anfangen (Herr Steingart hat ja letztens ein ersten Versuch unternommen)...wie mans macht, siehe die Jungs aus Fernost Nikkei, Korean Herald, und Co.

Wichtig ist das sich im internationalen Sprachraum die deutschen Ideen wie der Sozialen Marktwirtschaft verstanden werden. Dazu gehört auch ein gesunder Mittelstand und Unternehmen wie Bosch, damit die Gesellschaft ausgeglichen bleibt.

Ich empfehle Herrn Fehrenbach eine Auftritt bei TED Talk. Diese Plattform aus Kalifornien wird auch regelmäßig von Bill Gates, Craig Venter, Steve Jobs... benutzt.

klaro

02.07.2012, 19:00 Uhr

Finanzen Griechenland; man lese dazu Meyers Konversationslexilon von 1908: die griechischen Finanzen befinden sich in einme dauerhaften Chaos. Die Finanzminister sind unfähig, die Budgets unrealistisch, die Ausgaben für das Militär zu hoch, Geholfen hat nur eine Finanzaufsicht der 6 Großmächte, die in Athen residierte und den Staatshaushalt ausglich....Liest sich richtig aktuell.

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