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16.06.2014

15:03 Uhr

Interview mit Aufsichtsrat Stein

Deutsche Alstom-Mitarbeiter völlig verunsichert

VonCornelia Knust

ExklusivDie Beschäftigten des französischen Alstom-Konzerns in Deutschland haben keinen Schimmer, was aus ihnen wird. Im Interview spricht Klaus Stein von der IG Metall Mannheim über die große Verunsicherung der Mitarbeiter.

Klaus Stein von der IG Metall Mannheim will für die Alstom-Arbeitsplätze in Mannheim kämpfen. PR

Klaus Stein von der IG Metall Mannheim will für die Alstom-Arbeitsplätze in Mannheim kämpfen.

Die 8600 Beschäftigten des französischen Alstom-Konzerns in Deutschland werden oft vergessen, wenn über den Industriepoker zwischen Siemens und General Electric berichtet wird. Mit dem Handelsblatt spricht Klaus Stein, 2. Bevollmächtigter der IG Metall Mannheim und Mitglied im Holding-Aufsichtsrat von Alstom Deutschland, über die Hoffnungen und Ängste der deutschen Angestellten in der Übernahmeschlacht.

Handelsblatt: Herr Stein, hat heute bei Alstom in Mannheim heute irgendjemand gearbeitet?

Klaus Stein: Nein. Wir hatten eine Betriebsratsinformation mit der gesamten Belegschaft. Heute gehen wir zwar nicht in die Innenstadt, was wir ja schon zweimal gemacht haben. Aber die Beschäftigten werden heute die Arbeit wohl nicht mehr aufnehmen.

Wie ist die Stimmung?

Bei der Belegschaft, immerhin 1800 Menschen allein hier in Mannheim, herrschen große Verunsicherung und Angst. Es ist sehr schwer, das Angebot von Siemens und Mitsubishi zu werten, da dort von einer Zusicherung von Arbeitsplätzen bisher nicht die Rede ist. Das Angebot von General Electric (GE) liegt konkret noch gar nicht vor. Ich würde gerne über Fakten reden. Aber wir beziehen unser Wissen aus der Zeitung.

Das heißt, Sie und der Betriebsrat werden vom Management gar nicht auf dem Laufenden gehalten? Es herrschte ja schon vor Bekanntwerden des Übernahmeangebots ein rauer Ton…

Das ist richtig. Ein Management, von dem wir nicht wissen, ob es morgen noch da ist, hat einfach den Beschäftigungssicherungsvertrag gekündigt - man weiß nicht, ob in vorauseilendem Gehorsam gegenüber GE oder aufgrund einer Markteinschätzung. Die Tatsache, dass Patrick Kron (der Alstom-Konzernchef) schon seit Monaten mit GE verhandelt, lässt uns zur ersten Möglichkeit neigen.

Die Schlacht um Alstom

Um wen dreht sich der Kampf?

Objekt der Begierde ist die französische Industriegruppe Alstom, deren Energiesparte Kraftwerke, Turbinen und Stromnetze baut, während die Transportsparte Züge wie den Hochgeschwindigkeitszug TGV herstellt. Konzernchef Patrick Kron will sich künftig auf das Schienengeschäft konzentrieren und daher die Energiesparte verkaufen, die für 70 Prozent des Konzernumsatzes steht.

Wer hat Interesse an Alstom?

General Electric legte Ende April nach diskret geführten Verhandlungen mit Alstom ein Angebot für die Energiesparte vor und will 12,35 Milliarden Euro zahlen. Unmittelbar nach Bekanntwerden der Offerte stieg GE-Konkurrent Siemens in den Ring: Der Konzern aus München erklärte ebenfalls sein Interesse an der Alstom-Energiesparte und bot an, bei einem Geschäft seine Zugsparte - den Bau des ICE, von Straßen- und U-Bahnen - an die Franzosen abzutreten. Dann kündigte Siemens überraschend an, sich mit dem japanischen Konkurrenten Mitsubishi Heavy Industries zusammengeschlossen zu haben. Und auch Hitachi schlug sich auf Siemens' Seite.

Welches Geschäft schwebt Siemens, Mitsubishi und Hitachi vor?

Siemens möchte das Alstom-Geschäft mit Gasturbinen kaufen; Mitsubishi würde die gleiche Summe für die Alstom-Dampfturbinen hinblättern und sich zu diesem Zwecke mit dem ebenfalls japanischen Hitachi-Konzern zusammenschließen. Das Siemens Bahn-Geschäft könnte mit dem entsprechenden Bereich bei Alstom zusammengelegt werden.

Warum wagt Siemens keinen Alleingang?

Zunächst einmal hat Siemens zusammen mit Mitsubishi mehr Mittel, um gegen den US-Giganten GE anzutreten. Ein Grund könnten zudem kartellrechtliche Bedenken sein: Laut deutschen Zeitungen würde Siemens Probleme bekommen, wenn der Konzern das Stromtrassen-Segment von Alstom schluckt, denn die Deutschen gehören auf dem Gebiet bereits zu den weltweiten Marktführern.

Welche Rolle spielt die französische Regierung?

Die sozialistische Regierung reagierte sauer, als sie mitbekam, dass Alstom hinter ihrem Rücken mit General Electric verhandelt hatte. Sie trat sofort auf die Bremse und machte sich für einen Deal zwischen Alstom und Siemens stark, Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg warb offen für eine europäische Lösung.

Inzwischen beteuert die Regierung, sie habe was die Konkurrenten im Bieterkampf angeht „keine Präferenz“. Sie will aber möglichst viele Zugeständnisse bei Arbeitsplätzen, Standorten und Unabhängigkeit bei der Energieversorgung erhalten. Inzwischen hat sich Paris per Dekret ein Veto-Recht bei ausländischen Investitionen in Frankreich etwa in den Branchen Energie und Transport gesichert.

Müsste nicht der deutsche Aufsichtsrat einschließlich der Arbeitnehmervertreter informiert werden?

Dafür gibt es keine juristische Grundlage. Und sagen wir so, das Management tut nichts über die juristischen Grundlagen hinaus.

Wäre das GE-Übernahmeangebot nicht attraktiver, weil Alstom Deutschland dann in seiner Gesamtheit an den neuen Eigentümer ginge?

Alstom Deutschland bliebe keinesfalls erhalten. Es würde in die Unternehmensstrukturen von GE eingegliedert. Zusagen für Arbeitsplätze hat GE nur gegenüber Frankreich gemacht. Man kann spekulieren, dass dies auf Kosten deutscher Arbeitsplätze geschehen würde.

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