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18.07.2013

13:00 Uhr

Kältemittelstreit

Wenn Greenpeace für Mercedes kämpft

VonSebastian Schaal

In dem Streit um das neue Kältemittel für Klimaanlagen in Autos bleibt niemand cool. Mercedes-Hersteller Daimler hat sich in einen Bürokratie-Wahnsinn gestürzt – und bekommt Unterstützung von ungewohnter Seite.

Eine Fotomontage: Greenpeace spricht mit Mercedes' Stimme.

Eine Fotomontage: Greenpeace spricht mit Mercedes' Stimme.

DüsseldorfEs ist etwas vollkommen Gewöhnliches: Autobauer fahren ihre neuesten Modelle zu Testzwecken gegen die Wand. Eine Art Schlitten bringt den Wagen auf Tempo, bis es irgendwann kracht. Als Daimler-Ingenieure im vergangenen Jahr jedoch einen sogenannten „Real Life“-Crashtest durchführten, passierte es: Das neue Kältemittel R1234yf entzündete sich.

Was hatte Daimler anders gemacht? Anstatt den Wagen einfach nur gegen die Wand zu fahren, wurde zuvor eine Vollgasfahrt auf der Autobahn simuliert. Der Motor war also heiß, am Turbolader teilweise mehr als 600 Grad. Hier entzündete sich das Kältemittel der Klimaanlage, das durch den Aufprall ausgelaufen war.

Die Ingenieure wollten es genau wissen: Sie verschrotteten zig fabrikneue Wagen der A- und B-Klasse. Ergebnis: Bei mehr als 70 simulierten Unfällen gingen die Unfallautos in Flammen auf, „zuverlässig wie ein Lichtschalter“. Zudem entstehe bei dem Brand des Kältemittels Flusssäure, eine der ätzendsten Substanzen überhaupt. Für die Stuttgarter der einzig zulässige Schluss: R1234yf wird wegen der großen Sicherheitsbedenken in keinem Daimler-Neuwagen eingesetzt.

Wissenswertes rund um Autokältemittel

Der komplizierte Name

R1234yf ist ein organsicher, fluorierter Stoff (Summenformel C3H2F4). Die international genormte Bezeichnung des neuen Kältemittels ist R1234yf. Das R steht für den englischen Begriff für Kältemittel (Refrigerant).

Warum neue Kältemittel für Autoklimaanlagen?

Um die Erdatmosphäre zu schonen. Bisher wurde in Fahrzeugklimaanlagen als Kältemittel das fluorierte Treibhausgas Tetrafluorethan (R134a) eingesetzt. Die Richtlinie 2006/40/EG über Emissionen aus Klimaanlagen in Kraftfahrzeugen verbietet den Einsatz dieses Stoffes in neuen Typen von Pkw und Pkw-ähnlichen Nutzfahrzeugen.

Als mögliche alternative Kältemittel  wurden Kohlendioxid (CO2) und ein fluorierter Stoff, 2,3,3,3‑Tetrafluorpropen (R1234yf), von der Automobilindustrie betrachtet. Aus Klimaschutzgründen favorisiert das Umweltbundesamt CO2 als Kältemittel für Automobilklimaanlagen.

Welche Fristen gelten?

Die EU-Kommission gibt vor: Ab 1. Januar 2011 müssen alle neuen Typen bei Pkw- und Pkw- ähnlichen Nutzfahrzeugen mit einem Kältemittel ausgestattet werden, das einen GWP von 150 oder geringer hat.

Ab dem 1. Januar 2017 müssen alle neuzugelassenen Pkw mit einem Kältemittel ausgestattet werden, das einen GWP von 150 oder geringer hat.

Was bedeutet GWP?

GWP steht für global warming potential (deutsch: Treibhauspotential). Ein GWP-Wert von 1430 (wie beim Kältemittel R134a) bedeutet, dass ein Kilogramm R134a eine 1430 mal stärkere Wirkung auf die Erhöhung des Treibhauseffektes hat als ein Kilogramm Kohlendioxid (CO2). Für die Treibhauswirkung von CO2 wurde ein GWP von 1 festgelegt.

1234yf - Eigenschaften

R1234yf ist als Kältemittel ein relativ neuer Stoff. R1234yf ist brennbar bzw. leicht entzündlich und bildet an heißen Oberflächen und beim Verbrennen Fluorwasserstoff. Im Fall eines Fahrzeugbrandes, der in Deutschland etwa 20.000 bis 30.000 mal pro Jahr vorkommt, entsteht aus dem Kältemittel auch Flusssäure, die bei Menschen schwere Verätzungen hervorrufen kann. Die Bildung von anderen sehr giftigen Gasen wie Carbonyldifluorid (COF2) wird vermutet.

R1234yf hat ein für die Erfüllung der EU-Richtlinie ausreichend niedriges Treibhauspotential, das früher mit 4 und mittlerweile mit 1 angegeben wird. Nachteilig ist aber, neben der Brennbarkeit, die technische Möglichkeit, in Fahrzeugklimaanlagen mit 1234yf das klimaschädliche R134a nachzufüllen, warnt das Umweltbundesamt. Außerdem zerfällt R1234yf in der Atmosphäre in die algengiftige und kaum abbaubare Trifluoressigsäure (kurz TFA), die sich in Gewässern anreichert. .

Kohlendioxid

Kohlendioxid ist deutlich weniger klimaschädlich als der zuvor benutzte Stoff R134a, es unterbietet ihn sogar um mehr als das Tausendfache. Außerdem ist Kohlendioxid  weder brennbar noch giftig, wenn auch nicht komplett ungefährlich. Und im Gegensatz zu R1234yf, das einzig von den Chemiekonzernen Honeywell und Dupont vertrieben werden darf, ist es preiswert und als industrielles Nebenprodukt leicht verfügbar.

Bei stationären Klimaanlagen wird CO2 bereits seit längerer Zeit eingesetzt. Im Auto jedoch sind entsprechende Klimaanlagen noch nicht serienreif. Hersteller und Zulieferer arbeiten seit Jahren daran, hatten die Entwicklung nach der Branchenentscheidung für R1234yf jedoch nicht mehr forciert.

Größtes Problem der CO2-Technik ist, dass sie mit höheren Drücken arbeitet als die bisher gängigen Systeme und deshalb neue, daran angepasste Klimaanlagen benötigt. Die Entwicklung und Serieneinführung der Anlage ist für den Hersteller mit höheren Investitionskosten verbunden.

Linkliste

Völlig uncool, sagt die EU-Kommission. Denn das alte Klimamittel ist mittlerweile für komplett neu entwickelte Fahrzeuge verboten. Frankreich hat deswegen die Zulassung für einige Mercedes-Modelle gestoppt und die EU-Kommission findet das in Ordnung. Der Zoff hat sich zum Kalten Krieg ausgeweitet, auch die Bundesregierung hat sich eingeschaltet.

Mercedes war sogar soweit gegangen, Exemplare des Luxuscabrios SL, das Mercedes seit 2011 vorbildlich mit dem neuen Kältemittel befüllt hatte, im Oktober 2012 in die Werkstätten zu rufen und wieder das nicht entflammbare, aber extrem klimaschädliche R134a einzufüllen. Für die Modelle der A- und B-Klasse besorgte sich Daimler beim Kraftfahrtbundesamt (KBA) nachträglich eine erweiterte Zulassung, die den Betrieb mit dem alten Kältemittel erlaubt.

Die EU schreibt für Fahrzeuge mit einer nach 2011 erteilten Typgenehmigung ab Beginn dieses Jahres strengere Umweltrichtlinien für Kältemittel vor, die derzeit nur von R1234yf erfüllt werden – alle anderen Neuwagen verstoßen nach dieser Argumentation gegen die EU-Vorschrift. Der Grund: Das alte Mittel R134a ist ein Klimakiller, da es um mehr als den Faktor 1000 schädlicher ist als Kohlendioxid.

Kommentare (14)

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ColeWilliams

18.07.2013, 13:30 Uhr

Ich sehe schon die Köpfe in Paris und Brüssel rollen, wenn der erste Franzose in seinem Auto verbrannt ist. Schade nur, dass es immer erst so weit kommen muss. Hoffentlich haben die Verantwortlichen dann wenigstens schon für Ihren Ruhestand ausgesorgt, vielleicht durch Zuwendungen mit dicken Brieftaschen ausgestatteter Lobbyisten?

Account gelöscht!

18.07.2013, 14:14 Uhr

Jeder halbwegs intelligente Mensch, der etwas Ahnung von Autotechnik hat, wird sich nie einen Wagen mit einem so hochgefährlichen Kältemittel zulegen!
Deshalb Hut ab vor der Daimler Geschäftsführung!
Ist man doch in heutiger Zeit schon an überall umgreifende Inkompetenz gewohnt!
Die Zukunft wird Daimler Recht geben!
Diese korrupten inkompetenten Eu-Kommissare sollte man zum Teufel jagen!

Nachwuchs

18.07.2013, 14:20 Uhr

Mercedes wird von unseren Freunden massiv bekämft! Freunde? Warum weigern sich die Franzosen für saubere Meere zu kämpfen? Erhalten die französischen Politiker zu wenig Schmiergelder von deutsche Experten, Manager???

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