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26.01.2016

06:40 Uhr

Kaeser präsentiert gute Quartalszahlen

Siemens' Suche nach Exzellenz

VonAxel Höpner

Fortschritte ja, Grund zur Euphorie nein: Siemens übertrifft bei Umsatz, Gewinn und Prognose die Erwartungen. Doch mit seiner bisher größten Investition hat Konzernchef Kaeser aufs falsche Pferd gesetzt. Ein Kommentar.

Den Aktionären konnte Kaeser mit den neuen Zahlen den Wind aus den Segeln nehmen. dpa

Siemens-Hauptversammlung

Den Aktionären konnte Kaeser mit den neuen Zahlen den Wind aus den Segeln nehmen.

MünchenManchen Aktionären bei Siemens geht der Umbau des Technologiekonzerns nicht schnell genug. Sie wollen, dass sich die Umstrukturierung endlich auch in den Zahlen niederschlägt. Mit der Vorlage guter Quartalsergebnisse und einer Anhebung der Prognose hat ihnen Siemens-Chef Joe Kaeser rechtzeitig vor der Hauptversammlung den Wind aus den Segeln genommen. Doch ein genauerer Blick auf die Zahlen zeigt: Es gibt Fortschritte. Doch für Euphorie ist es noch zu früh.

Erfreulich ist, dass der Konzern endlich wieder gewachsen ist. Bereinigt um Zukäufe und Währungseffekte blieb zwar nur ein mageres Plus von einem Prozent. Doch in dem unsicheren Umfeld ist das zumindest ordentlich. Und, da achten sie bei Siemens seit jeher besonders drauf, besser als das, was General Electric im selben Zeitraum geschafft hat.

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Energiesparte

Hier hat Siemens den Trend zu dezentralen Lösungen verpasst. Die Münchener ließen sich für ihre riesige Weltmeister-Gasturbine der H-Klasse feiern. Doch in Zeiten der Energiewende waren vor allem kleine Modelle gefragt, die die Konkurrenz im Portfolio hatte. Auch in Sachen Innovationskraft verlor Siemens den Anschluss. Mit teuren Akquisitionen, einem Stellenabbau und mehr Investitionen in Forschung & Entwicklung versuchen Joe Kaeser und Energievorstand Lisa Davis gegenzusteuern.

Wachstumsschwäche

Vor einer guten Dekade war Siemens doppelt so groß wie BMW. Inzwischen ist der Autobauer an dem Technologiekonzern vorbeigezogen. Das hat mehrere Gründe: Zum einen trennte sich Siemens immer wieder von Geschäftssparten, ohne im gleichen Maß zuzukaufen. Zudem war Siemens auch organisch in den meisten Jahren wachstumsschwach und fiel hinter die besten Konkurrenten zurück. Kaeser setzt auf mehr Innovationen und einen besseren Kundenzugang. Ab dem Geschäftsjahr 2016 soll Siemens schneller wachsen als die Wettbewerber.

Ertragsschwäche

Kaesers Vorgänger Peter Löscher wähnte Siemens schon in der Champions League der weltbesten Unternehmen. Doch nach einem Zwischenhoch bröckelten die Renditen wieder ab. Für das Geschäftsjahr 2014/15 hatte Kaeser eine operative Umsatzrendite von zehn Prozent im Industriegeschäft versprochen. Angesichts der Kosten für den Umbau ist das ordentlich. Doch die besten Konkurrenten wie General Electric sind in vielen Bereichen besser. Durch kürzere Hierarchiewege, eine Sanierung der renditeschwachen Bereiche und den Abbau von Stellen will Kaeser mit seiner „Vision 2020“ Boden gut machen.

Dresser-Rand

Der Kauf des US-Kompressorenherstellers für zunächst 7,6 Milliarden Dollar war einer der größten Zukäufe in der Unternehmensgeschichte. Kaeser hatte sich, auch von seinem Vorgänger Peter Löscher, in einen Bieterwettbewerb treiben lassen. Doch seit der Übernahme ist der Ölpreis drastisch gefallen, die Förderer stellen ihre Investitionen zurück. Der Kaufpreis war im Nachhinein viel zu hoch. Nun muss Kaeser auf eine Erholung der Ölpreise hoffen und Dresser-Rand wenigstens erfolgreich integrieren.

Autor: ax

Kaeser hat für 2016 versprochen, beim Wachstum besser abzuschneiden als die Konkurrenz. Das ist auch dringend erforderlich. Siemens hat seit vielen Jahren ein Wachstumsproblem. Wenn dieses nicht behoben wird, wird es alle Jahre wieder neue Sparprogramm geben müssen, ohne dass sich die Perspektiven verbessern. Aus dieser Spirale kommt Siemens nur durch mehr Innovationskraft und besseren Kundenzugang heraus.

Auch beim Gewinn lief es im ersten Quartal nicht schlecht. Das operative Ergebnis der Industrie-Divisionen verbesserte sich um zehn Prozent. Erfreulich dabei ist, dass negative Überraschungen wieder weitgehend ausblieben. So langsam darf man hoffen, dass das nicht Ausreißer nach unten sind, sondern Kaeser wirklich die Risiken und das Projektmanagement besser im Griff hat.

Doch bei allen kleinen Fortschritten: Von Exzellenz ist Siemens noch immer weit entfernt. Auch im ersten Quartal lagen nur vier der acht Divisionen innerhalb der Margenbänder. In der Medizintechnik, der Gebäudetechnik, der Bahntechnik und der Digitalen Fabrik verdiente Siemens gutes Geld und war etwa so profitabel wie die besten Konkurrenten. Dagegen landete Siemens im Energie-Management, der Wind- und Erneuerbaren-Division, in der Kraftwerkssparte und in der Division „Prozess-Industrie und Antriebe“ unterhalb der Margenzielbänder.

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2015 hat Siemens seine wenig ambitionierten Ziele erreicht – doch nur die Hälfte der Divisionen schaffte die Margenziele. Jetzt muss Wachstum her. Der Siemens-Chef weiß, dass er dabei die Profitabilität im Blick behalten muss.

Die letzteren beiden Sparten litten unter dem niedrigen Ölpreis, der dazu führt, dass sich die Förderer mit Investitionen zurückhalten. Durch die teure Übernahme von Dresser-Rand hat Siemens die Abhängigkeit vom Öl- und Gassektor noch vergrößert. Mit seiner bislang größten Investition hat Kaeser zum jetzigen Zeitpunkt auf das falsche Pferd gesetzt. Es besteht Hoffnung, dass die jüngste Übernahme eines Industriesoftware-Spezialisten unter einem besseren Stern steht.

Zur Hauptversammlung kann Kaeser also Fortschritte vermelden, doch noch immer ist nicht gewiss, ob seine „Vision 2020“ der große Durchbruch ist. Erst wenn es gelingt, dass alle Divisionen – oder zumindest fast alle – ihre Renditevorgaben erfüllen und dabei auch noch wachsen, gibt es für die Siemens-Aktionäre Grund zum Jubeln.

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