Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.03.2013

14:28 Uhr

Kartellamt-Ermittlungen

Verdacht auf Preisabsprachen erschüttert Thyssen-Krupp

Der Stahlkonzern gerät erneut in die Negativschlagzeilen. Das Kartellamt verdächtigt Thyssen-Krupp der illegalen Preisabsprache. Konzernchef Heinrich Hiesinger sprach von einem „Schlag gegen den Ruf des Unternehmens“.

Thyssen-Krupp soll illegale Preisabsprachen bei Stahl-Lieferungen getroffen haben. dpa

Thyssen-Krupp soll illegale Preisabsprachen bei Stahl-Lieferungen getroffen haben.

Düsseldorf„Offenheit“, „Ehrlichkeit“, „Transparenz“ – diese Werte beschwört Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger, wenn er über die neue Unternehmenskultur spricht. Einmal mehr ist der Manager jetzt womöglich von der Vergangenheit eingeholt worden, als Verschwiegenheit, Kungelei und Betrug für einige Mitarbeiter offensichtlich zum Geschäftsprinzip gehörten. Das Bundeskartellamt ermittelt erneut gegen Thyssen-Krupp – diesmal wegen des Verdachts illegaler Preisabsprachen bei Stahl-Lieferungen für die Automobilindustrie. Das ist ein Milliardenmarkt. Die möglichen Folgen für den ohnehin angeschlagenen Mischkonzern sind noch nicht abzuschätzen. Sie könnten aber noch dramatischer sein als die bisherigen Fälle.

Eine Stunde nachdem Thyssen-Krupp am Donnerstagnachmittag über den Verdacht berichtete, war Hiesinger bei der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung in Düsseldorf zu Gast. Er wusste, dass die Nachricht nicht nur bei den Journalisten im Industrieclub, sondern auch bei den Mitarbeitern wie eine Bombe einschlagen würde. „Wir haben im Moment noch über 150.000 Mitarbeiter. Und für die ist das morgen natürlich wieder ein Schock“, räumte er ein. Es gelte zwar die Unschuldsvermutung, sollten die Vorwürfe aber zutreffen, werde er durchgreifen. Die meisten Mitarbeiter gingen ehrlich ihrer Arbeit nach. „Aber es gibt halt einige wenige, die uns da in eine brutale Schwierigkeit bringen, meistens Fälle in der Vergangenheit.“

Das Kartellamt ging nach Angaben von Thyssen-Krupp aufgrund einer anonymen Anzeige vor und durchsuchte Geschäftsräume in Duisburg. Die Behörde ermittelt auch gegen Weltmarktführer ArcelorMittal und den österreichischen Hersteller Voestalpine. Die Größenordnung ist noch nicht absehbar. Es soll um Fälle über mehrere Jahre gehen. Stahlkunden wie Daimler, Volkswagen und BMW wollten sich nicht äußern. Thyssen-Krupp wäre aber ein Wiederholungstäter. Und dann könnte es bei einem Bußgeld teurer werden. Der Konzern hatte schon hunderte Millionen Euro wegen Preisabsprachen bei Aufzugs- und Schienenherstellern zahlen müssen. Im Fall des Kartells der „Schienenfreunde“ drohen dem Unternehmen darüber hinaus Schadenersatzforderungen der Deutschen Bahn und kommunaler Verkehrsbetriebe in dreistelliger Millionenhöhe.

Die Baustellen von Thyssen-Krupp

Schwere Krise

Der Industriekonzern Thyssen-Krupp steckt in einer der schwersten Krisen seiner Geschichte. Mindestens 2000 Stellen sollen in den nächsten Jahren im europäischen Stahlgeschäft gestrichen werden. Ein Überblick über die größten Baustellen.

Stahlwerke in Übersee

Was der Aufstieg zum weltumspannenden Stahlkonzern werden sollte, endete als Investitionsruine. Fehlplanungen ließen die Kosten explodieren. Schließlich belief sich die Gesamtrechnung auf rund zwölf Milliarden Euro für die riesigen Anlagen in Brasilien und im US-Bundesstaat Alabama. Thyssen-Krupp sieht inzwischen keine Chance mehr, die Anlagen unter dem eigenen Dach profitabel zu machen. Geplant auf dem Höhepunkt des Stahlbooms Mitte des vergangenen Jahrzehnts passen die Annahmen heute nicht mehr. Im Mai vergangenen Jahres stellte Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger die Werke zum Verkauf.

Schelte von den Aktionären

Auf der Jahreshauptversammlung Mitte Januar musste sich die Thyssen-Krupp-Führungsriege heftige Schelte von den Aktionären gefallen lassen. Trotz aller Anstrengungen in der Vergangenheit sei es nicht gelungen, Fehlentwicklungen zu verhindern, räumte Aufsichtsratschef Gerhard Cromme ein. „Rechtlich korrekte Entscheidungen bedeuten nicht zwangsläufig auch gute unternehmerische Entscheidungen.“ Konzernchef Hiesinger zeigte sich zuversichtlich, den geplanten Verkauf der Stahlwerke des Konzerns in Brasilien und den USA bis zum Herbst abschließen zu können. Der Verkauf gehe voran. Bei den Stahlwerken handele es sich um die „größte Baustelle“ des Konzerns.

Schulden

Durch den Bau der neuen Stahlwerke sind die Schulden auf mehr als 5 Milliarden Euro gestiegen. Seit Jahren verbrennt der Konzern Geld. Dadurch sind auch Investitionen in Wachstumsfelder schwierig.

Dubiose Geschäfte

In der Vergangenheit war der Konzern in zahlreiche Kartelle verstrickt - nach unerlaubten Absprachen im Edelstahlsektor und bei Rolltreppen machte zuletzt ein Schienenkartell Schlagzeilen. Thyssen-Krupp wurde jeweils zu hohen Strafen verdonnert und muss sich auf Schadensersatzansprüche einstellen. Hinzu kommen Vorwürfe, dass Mitarbeiter mit zweifelhaften Zahlungen Geschäfte im Ausland angestoßen haben sollen. Cromme betonte auf der Hauptversammlung, dass derartige Verstöße vom Aufsichtsrat „mit Nachdruck“ verurteilt würden.

„Solche Ereignisse sind immer ein Schlag gegen den Ruf des Unternehmens“, sagte Hiesinger zerknirscht. Der Fall werde vorbehaltlos aufgeklärt. Im Visier ist ausgerechnet die europäische Stahlsparte, die ohnehin wegen der schwachen Nachfrage unter Druck steht. Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2012/13 hat sie gerade noch einen kleinen Gewinn geschrieben. Hiesinger will über 2000 Stellen abbauen, weitere 1800 könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen.

Mitarbeiter reagierten entsetzt. „Ich war gestern richtig geschockt“, sagte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath der Nachrichtenagentur Reuters. Er habe auf der Fahrt zu den Stahltarifverhandlungen die Nachricht erhalten. „Das ist ja der Hammer, wenn sich bestätigt, dass Manager unsere Arbeitsplätze verzocken.“ Hiesinger müsse hart durchgreifen. „Wer so mit unseren Arbeitsplätzen umgeht, hat bei Thyssen-Krupp nichts zu suchen.“ Sollte sich der Verdacht bestätigten, dürften die Mitarbeiter der Stahlsparte nicht die Zeche dafür zahlen.

Fünf Milliarden Euro Verlust hat Thyssen-Krupp im vergangenen Geschäftsjahr 2011/12 geschrieben. Vor allem wegen der verlustreichen Stahlwerke in Übersee steht der Konzern in der Kreide. Hinzu kommen Schulden von 5,2 Milliarden Euro. Bußgelder und Schadenersatzzahlungen kann sich Hiesinger nicht leisten. Viel lieber würde er in Forschung und Entwicklung oder neue Werke investieren, sagt er. „Ich hätte für jeden Euro eine andere Verwendung. Das würde ich tausendmal lieber tun.“ Eine neue Kultur in einem Unternehmen einzuführen, dauere Jahre. Aber eines sei klar: „Wir wollen solche Geschäfte nicht haben, die man nur erreicht, wenn man sich nicht an Gesetze hält.“

Von

rtr

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

vaderho

03.03.2013, 00:31 Uhr

Ich habe 43 Jahre bei Thyssen Krupp Steel am Hochofen in
der Erhaltung gearbeitet.
Wir haben alles für "UNSERE HÜTTE" gegeben.
Grwinne gab es genug.
Wanderten in die falschen Kanäle.
Übrig blieben einige Hühnerknochen als Betriebsrente.
Jetzt wird auch noch der gute Ruf ruiniert.

Man muss sich schon fast schämen jemals dazugehört zu haben

Ein herzliches "Glück Auf"

Vadderho

An_Interested_Reader

09.03.2013, 17:24 Uhr

@vaderho: with 21 years as a loyal Kruppianer, I know how you feel. As for embarrassment, take it from the white sheep who survived in a black flock, that you will survive and again be proud once all the dreck, from the corrupt purveyors of the old management's culture, is removed from our ThyssenKrupp-Stecken.

A ThyssenKrupp without the duo-disaster team of Chromme and The Krupp Stiftung perverting the levers of the business can only get stronger.

Glück-auf liebe Kumpel!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×