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18.11.2011

11:47 Uhr

Kohlefaser

BMW und Klatten sichern ihre Macht über SGL Carbon

Der Autobauer kauft gut 15 Prozent von SGL - und heizt Gerüchte über eine Übernahme an. Zusammen mit den Anteilen von Großaktionärin Klatten dominiert BMW schon jetzt das Unternehmen. Für VW-Patriarch Piëch wird es eng.

BMW baut SGL-Anteil aus

Video: BMW baut SGL-Anteil aus

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MünchenDer Münchener Autobauer BMW hat Volkswagen im Ringen um Einfluss beim einzigen europäischen Carbonfaser- Hersteller SGL Carbon ausgebremst. SGL und BMW teilten am Freitag mit, BMW habe sich gut 15 Prozent der Stimmrechte an SGL gesichert.

Schon vor gut einem Monat hatten Spekulationen auf einen Einstieg von BMW die Börse in Aufruhr versetzt. Autobauer liefern sich derzeit ein Rennen um die beste Versorgung mit einem der entscheidenden Werkstoffe für den Fahrzeug-Leichtbau der Zukunft. VW war im Februar überraschend bei SGL eingestiegen und hielt zuletzt rund zehn Prozent an dem Wiesbadener Unternehmen. Der Schritt hatte Quandt-Erbin und SGL-Großaktionärin Susanne Klatten auf den Plan gerufen, die ihre Anteile daraufhin auf rund 29 Prozent ausbaute.

Kommentar: Eine deftige Niederlage für Piëch

Kommentar

Eine deftige Niederlage für Piëch

Mit dem Einstieg bei SGL Carbon klärt BMW die Machtverhältnisse: Der Spezialist für Kohlefasern wird jetzt eindeutig vom Münchner Autobauer und seiner Großaktionärin dominiert.

Der im Nebenwerteindex MDax notierten SGL-Aktie bescherte der Einstieg von BMW einen Kurssprung. Mit einem Plus von 4,6 Prozent auf 45,13 Euro war die SGL-Aktie zeitweise der größte Kursgewinner in dem Index. „Hier wird auf einen Bieterwettbewerb zwischen BMW und VW spekuliert“, sagte ein Analyst.

Grund für das große Interesse der Autobranche an SGL ist, dass sich die Hersteller den Zugang zur Carbonfaser-Technologie sichern wollen. SGL Carbon gehört zu den weltweit führenden Firmen bei Verbundwerkstoffen aus Carbonfasern, die unter anderem für Elektroautos interessant ist. SGL arbeitet mit BMW bereits seit 2009 eng auf diesem Gebiet zusammen. So soll unter anderem das geplante BMW-Elektroauto „i3“ eine Karosserie ganz aus Carbonfasern besitzen.

Karbon, schwarze Magie im Autobau?

Was ist Karbon?

Mit Karbon bezeichnet man in der Automobilherstellung Bauteile, die aus industriell hergestellten Fasern kohlenstoffhaltiger Ausgangsmaterialien stammen. Dabei ist die einzelne Faser zehnmal dünner als ein menschliches Haar. Karbonfasern haben dennoch eine hohe Zugfestigkeit. Um sie für den Einsatz im Fahrzeugbau zu veredeln, müssen die Stränge erst oxidiert und dann bei 1.500 Grad Celsius karbonisiert werden. Für den automobilen Einsatz werden sie anschließend mit Siliciumcarbid kombiniert. Aus den Fasern werden maschinell Gewebe geflochten, rund 500.000 Fasern können dabei pro Quadratzoll ineinander verflochten sein. Diese Gewebematten werden in mehreren Lagen übereinander zu Bauteilen z.B. im Autoklav-Verfahren bei ca. 150 Grad gebacken. Zur Anwendung kommt im Autobau auch verstärkt CFK, das ist kohlefaserverstärkter Kunststoff.

Was sind die Vorteile?

Karbon ist hochfest und sehr leicht. Im BMW M3 spart ein Karbondach fünf Kilo Gewicht an einer für den Fahrzeug-Schwerpunkt relevanten Stelle ein. Beim getunten Mini Cooper S bringt eine Karbon-Motohauben-Diät schon 20 Kilo. Karbon absorbiert außerdem z.B. bei einem Auffahrunfall als Bauteil extrem viel Energie, deswegen wird es bevorzugt im Rennsport eingesetzt. Das Material kann in fast jede beliebige Form gepresst bzw. gebacken werden und es rostet nicht. Bei künftigen Elektroautos ist es wichtig, die Karosserien leichter zu machen, da die Batterien sehr schwer sind.

Warum ist die Herstellung so teuer?

Ein Beispiel: McLaren und Mercedes haben extra für die Produktion des Kofferraumdeckels des SLR Roadsters ein Pressverfahren entwickelt, bei dem die Herstellung von Karbonteilen kaum noch länger dauert als die von Stahlelementen. Doch müssen andere Komponenten mit dem Skalpell ausgeschnitten und aus bis zu 20 Schichten modelliert werden, bevor sie im so genannten Autoklaven bei bis zu 150 Grad unter hohem Druck wie im Schnellkochtopf gebacken werden. Bis zu 20 Stunden für ein Bauteil sind dabei keine Seltenheit. Daher würde eine A-Klasse aus Karbon mindestens doppelt so viel kosten wie eine herkömmliche - und hätte trotzdem keine Chance auf eine Serienfertigung: Die erforderlichen Stückzahlen sind bislang in der Karbon-Fertigung einfach nicht möglich.

Nachteile im Fahrzeugbau

Karbon ist durch die aufwendige Herstellung sehr teuer. Ein Nachteil für den Einsatz im Straßenverkehr ist die Eigenschaft des Materials, bei einem Unfall unkontrolliert zu zersplittern. Die teils sehr scharfen Kanten können zu schweren Verletzungen bzw. Beschädigungen führen. Außerdem kann Karbon nicht einfach repariert werden, - etwa durch schweißen, spachteln, schrauben -, was in jedem Fall einen (teuren) Austausch eines beschädigten Bauteils nötig macht. Dazu kommt die noch ungelöste Frage des Recyclings.

Auch VW hat ein Auge auf den Werkstoff geworfen. Die VW-Tochter Audi war beispielsweise eine Entwicklungspartnerschaft für carbonfaserverstärkte Werkstoffe mit dem schwäbischen Mischkonzern Voith eingegangen.
Auch Voith ist Aktionär bei SGL und hält inzwischen fast zehn Prozent.

Die nun gesicherte 15-Prozent-Beteiligung ist für BMW möglicherweise noch nicht das letzte Wort. Einem BMW-Sprecher zufolge sind weitere Schritte bei SGL nicht ausgeschlossen. Derzeit fühle sich BMW aber mit dem Anteil wohl. Größter Aktionär von SGL ist nach wie vor die Quandt-Erbin und BMW-Aktionärin Susanne Klatten. Mit ihren 29 Prozent, die sie über ihre Investmentgesellschaft Skion hält, kann sie wichtige Entscheidungen blockieren. Bei BMW hielt Klatten zuletzt 12,6 Prozent der Anteile, die gesamte Quandt-Familie kommt auf mehr als 46 Prozent.

Klatten bemühte sich daher auch am Freitag, den Eindruck zu zerstreuen, der Einstieg von BMW sei mit ihr abgestimmt gewesen.

Denn ein solches Vorgehen wäre aktienrechlich relevant, es könnte als Bündelung von Interessen interpretiert werden. „Die Entscheidung zu einer Beteiligung an SGL wurde vom BMW-Vorstand in alleiniger Verantwortung getroffen“, sagte ein Skion-Sprecher. Weder Frau Klatten noch Skion seien in die Entscheidung eingebunden gewesen. Skion könne aber die Gründe von BMW nachvollziehen.

Eine Übernahme von SGL plane Skion nicht. Zudem betonte der Sprecher, dass Klatten seit dem Einstieg bei SGL immer das ganze Unternehmen im Blick gehabt habe und nicht nur einzelne Geschäfte. Bei SGL hieß es dazu, der Einstieg des Münchener Autobauers zeige, dass die Engagements von BMW und Skion unabhängig zu sehen seien. Volkswagen wollte sich zur BMW-Beteiligung bei SGL nicht äußern.

Begrüßt wurde der Schritt vom SGL-Aktionär Voith. „Wir sehen das sehr positiv, dass sich SGL für weitere Unternehmen der Automobilindustrie öffnet“, sagte ein Sprecher des Maschinen- und Anlagenbauers aus Heidenheim am Freitag. Voith sehe sich in seiner Auffassung bestätigt, dass SGL ein attraktives Finanzinvestment sei. Voith ist seit 2007 an SGL beteiligt.

Kommentare (1)

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18.11.2011, 09:49 Uhr

Ohhh Gott... wie alt ist die Meldung den schon? Sie haben doch schon bereits darüber berichtet... vor Monaten!

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