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02.07.2015

18:17 Uhr

Kommentar zu Prokon

Vorsicht, Gegenwind

VonGertrud Hussla

Überraschend sprechen sich die Prokon-Anleger klar für ein Genossenschafts-Modell aus. Sie kämpfen nicht nur um ihr Geld, sondern auch um ihre Mission: die Energiewende. Damit hatte auch die große EnBW nicht gerechnet.

Prokon bleibt in den Händen der Kleinanleger. dpa

Gläubiger mit einer Mission

Prokon bleibt in den Händen der Kleinanleger.

Der klare Wille von 37.000 Prokon-Anlegern, Genossen zu werden, ist eine Sensation. Sie vertreten 843 Millionen Genussrechtskapital. Es ist das Ende einer unglaublichen Geschichte, deren Anfang man sich ja gerade noch hätte ausdenken können:

Ein Ökofreak, Prokon-Gründer Carsten Rodbertus, sammelt bei arglosen Anlegern viel Geld für Windparks ein. Verspricht und zahlt überhöhte Renditen, immer mehr springen auf, den ersten Sparern wird es irgendwann zu gefährlich, flüchten und ziehen eine Fluchtwelle mit sich .Das System bricht zusammen. Pleite, 1,5 Milliarden Euro verweht.

Gertrud Hussla ist Redakteurin beim Handelsblatt.

Gertrud Hussla ist Redakteurin beim Handelsblatt.

Den zweiten Teil der Story aber hätte sich noch vor einem Jahr kaum jemand vorstellen können. Die betrogenen Sparer, 75.000, finden sich aus allen Teilen Deutschland zusammen, sie kämpfen, um ihre Windparks zu retten, lehnen das Übernahmeangebot eines Energieriesen ab und werden nun Prokon selbst weiterführen. Als Genossenschaft.

Der Bieter EnBW hatte sich das wohl auch nicht träumen lassen und argwöhnt, dass es beim Wettstreit um Prokon nicht ganz mit rechten Dingen zu ging und der Insolvenzverwalter an den Stellschrauben zugunsten der Genossen gedreht hat.

Aber ein Sieg der Genossen in dieser Höhe lässt sich wohl kaum manipulieren. Was wohl auch EnBW unterschätzt hat: Diese Anleger sind Überzeugungstäter. Sie wollen ihr Geld retten, aber sie wollen auch die Welt retten. Es sind Ideologen, angetrieben von ihrer Mission, die Energiewende zu schaffen.

Sie haben deutlich mehr Kampfgeist als Sparer, die ausschließlich auf die Rendite schauen und sich hilfesuchend nach einem Anwalt umschauen, wenn etwas schief gegangen ist. Und sie sind sauer auf die großen Versorger, die den Trend verschlafen haben. Jahrelang, Sie haben ja so lange auch gut an Atom, und Kohlekraftwerken verdient. Die kleine Prokon hat heute doppelt so viel Windparks wie die große EnBW. Nun muss der Versorger eilends noch Anschluss finden. Das „Nein“ vieler Anleger zu diesem Investor kommt aus einer tiefen Überzeugung heraus. Bitte nicht mit Euch.

Prokon-Gläubiger haben ihre Wahl getroffen

Worüber sollten die Gläubiger abstimmen?

Der Insolvenzverwalter hatte einen Genossenschafts-Insolvenzplan und einen Investoren-Insolvenzplan vorgelegt. Über den ersten Vorschlag wurde abgestimmt, weil sich Genussrechts-Inhaber mit Forderungen über nominal 880 Millionen Euro verbindlich verpflichtet hatten, ihr Kapital in die Genossenschaft einzubringen. Der zweite Vorschlag – ein Verkauf an den Karlsruher Energiekonzern EnBW – wäre erst nach dem Scheitern des ersten Vorschlags zum Zuge gekommen.

Was bringt den bisherigen Genussrechts-Inhabern eine Genossenschaft?

Das Kerngeschäft von Prokon – Windenergie-Anlagenbau und Stromhandel – wird fortgeführt. Die Gläubiger erhalten voraussichtlich 57,8 Prozent ihres eingesetzten Geldes zurück (Insolvenzquote) – allerdings über zwei Komponenten: Genussrechts-Inhaber, die an Prokon beteiligt bleiben wollen, können voraussichtlich 23,3 Prozent ihrer Forderungen in eine längerfristige Mitgliedschaft umwandeln. Außerdem haben sie Anspruch auf eine bis zum Jahr 2030 laufende Schuldverschreibung.

Genussrechts-Inhaber, die aus Prokon aussteigen wollen, erhalten eine Barabfindung aus dem geplanten Verkauf eines Palettenwerks in Torgau sowie rumänischer Wälder (ebenfalls 23,3 Prozent). Außerdem bleibt ihnen der Anspruch auf die handelbare, festverzinsliche Anleihe.

Was hätte den Gläubigern das EnBW-Angebot gebracht?

Auch in diesem Fall wäre das Kerngeschäft von Prokon fortgeführt worden, unter dem Dach des Energiekonzerns. Die Insolvenzquote hätte voraussichtlich 52,2 Prozent betragen und setzte sich aus einer sofortigen Barzahlung (34,1 Prozent) und dem Anspruch auf ausstehende Verkaufserlöse (18,1 Prozent) zusammen.

Gab es noch eine weitere Möglichkeit für Prokon?

Ja, die Auflösung der Firma. Aber das wäre für die Anleger wohl die schlechteste Variante gewesen. Die Gläubiger hätten geschätzt 48,5 Prozent ihrer Forderungen zurück erhalten. Diese Lösung wäre auch nur zum Zuge gekommen, wenn die beiden anderen Pläne zuvor durchgefallen wären.

Welchen Rat gab es für die Entscheidung der Anleger?

Unabhängige Verbraucherschützer verwiesen auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen: Wer sich weiter für die Windenergie engagieren wolle und an eine gute Zukunft für Prokon glaube, sollte für das Genossenschaftsmodell votieren. Wer schnell zu Bargeld kommen und das Kapitel Prokon abschließen wollte, sollte für den Verkauf an EnBW stimmen.

Was passiert mit den rund 300 Arbeitsplätzen bei Prokon?

Da das Unternehmen nach beiden Plänen fortgeführt werden sollte, bleiben die Arbeitsplätze vorerst erhalten.

Doch dürfen Sparer Träumer sein? Ohne ihre Vision hätte es die Anleger-Gruppe „Freunde von Prokon“ nicht geschafft, so viele Menschen hinter sich zu bringen. Aber die größte Herausforderung haben die künftigen Genossen noch vor sich: den Windparkbetreiber erfolgreich durch schwierigere Zeiten zu führen. Einspeisevergütungen, die einen festen Strompreis über viele Jahre garantieren, wird es bald nicht mehr geben. Ab 2017 müssen sich Windparkbetreiber einem Ausschreibungsverfahren unterwerfen. Wer zu hohe Strompreise verlangt, kommt nicht zum Zug. Vorsicht, Gegenwind.

Dass im Windparkgeschäft neue Zeiten anbrechen, hat Prokon selbst noch kurz vor der Gläubigerversammlung erlebt. Prokon plant und projektiert auch Windparks in Finnland. Dort war das Förderkontingent der Regierung von 2,5 Gigawatt nach Äußerungen der neu gewählten Regierung plötzlich erschöpft. Die Regierung hatte angekündigt, Windparks auf dem Land nicht mehr so stark zu fördern wie bisher. Es gab einen Welle von Förderanträgen.

Nun geht erst mal nichts mehr für Prokon Windenergie Finland OY, der Wert der dort laufenden Projekte musste gesenkt werden. Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin hat noch kurz vor der Gläubigerversammlung die zu erwartende Insolvenzquote für künftige Genossen um gut einen Prozentpunkt auf 57,8 Prozent senken müssen. Ähnliches kommt nun auch in zwei Jahren auf deutsche Windkraftanbieter zu.

Genossenschaft beschlossen: EnBW zieht bei Prokon den Kürzeren

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EnBW zieht bei Prokon den Kürzeren

Selten wurde um ein insolventes Unternehmen so gekämpft wie um Prokon. Der Energieversorger EnBW wollte den Windparkbetreiber übernehmen. Doch da machen die Gläubiger nicht mit. Sie haben für eine andere Lösung gestimmt.

Die großen Versorger haben in solch einem Preiswettbewerb womöglich den längeren Atem. Neue Windparks müssen finanziert werden. Fehlschläge kann ein großer Konzern schneller verdauen. Die Genossen müssen dagegen jeden Euro frische Einlagen mühsam einsammeln. Ihr Prokon wird mit Sicherheit nur langsam wachsen können. Von vielen Träumen haben sich die künftigen Genossen schon verabschiedet. Etwa von der Idee, ohne Banken auszukommen. Neue Parks sollen zu 70 oder gar 80 Prozent von Geldinstituten finanziert werden. Anders geht es nicht.

Wenn der Wind nun schwächer weht als geplant oder sonst etwas schiefgeht, ist der Eigenkapitalgeber, also der Genosse, dran. Das kann rasch passieren. EnBW hätte hier die tieferen Taschen gehabt. Das Steuer übernehmen ist eines. Dann sicher zu fahren ist die nächste Aufgabe. Prokon hat eine hochmotivierte Mannschaft. Jetzt kommt es entscheidend darauf an, dass die künftigen Genossen wie Profis agieren. Dass sie eine gute Wahl treffen, wenn es um das Management geht. Es müssen erfahrene, gut bezahlte Manager ran. Sonst könnten die Genossen am Ende doch den Kampf gegen die Energieriesen verlieren.

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