Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.06.2016

07:50 Uhr

Kommentar zur Kuka-Übernahme

Ein Kompromiss, der in Ordnung geht

VonAxel Höpner

Die Kuka-Führung unterstützt nach zwei Wochen Prüfung das Übernahmeangebot des chinesischen Midea-Konzerns. Mehr war wohl auch nicht herauszuholen. Doch ein Unwohlsein bleibt. Ein Kommentar,

Der chinesische Midea-Konzern will den deutschen Robotik-Spezialisten übernehmen. AP

Messevorführung eines Kuka-Roboters

Der chinesische Midea-Konzern will den deutschen Robotik-Spezialisten übernehmen.

MünchenWie lange ist langfristig? Für die Verhandlungen um die Zukunft von Kuka war diese Definition von entscheidender Bedeutung. Für die Finanzmärkte, die eher in Quartalen denken denn in Dekaden, sind schon ein paar Jahre eine halbe Ewigkeit. Manche Normalverbraucher - und womöglich auch die staatlichen Planer in China - denken beim Begriff langfristig eher an Jahrzehnte.

So ging es bei den Verhandlungen um die Zukunft von China um mehr als um Begrifflichkeiten. Der Midea-Konzern, der den Roboterbauer übernehmen will, hatte in Aussicht gestellt, Arbeitsplätze und Standorte „langfristig“ zu garantieren. Kuka-Chef Till Reuter musste nun aushandeln, was darunter zu verstehen ist.

Man traf sich in der Investorenvereinbarung, die am Dienstagabend bekanntgegeben wurde, nun irgendwo in der Mitte. Fünf Jahre war wohl die definitorische Untergrenze - eine Mittelfristplanung läuft in der Regel über drei bis fünf Jahre. Geworden sind es nun 7,5 Jahre: Die Garantien sollen bis Ende 2023 gelten.

Der Kompromiss geht in Ordnung. Die Chinesen bieten den Kuka-Anlegern einen stolzen Preis, durch die Kurseinbrüche der vergangenen Tage sieht die Offerte noch besser aus. Da kein deutscher Gegenbieter in Sicht ist, ist die positive Bewertung des Vorstands nur konsequent: so ein Angebot kann man, wenn die Rahmenbedingungen auch für die Mitarbeiter und die Kunden stimmen, kaum ablehnen.

Fall Kuka und die Folgen: Ein Schutzschirm für Deutschland

Fall Kuka und die Folgen

Premium Ein Schutzschirm für Deutschland

Das Gerangel um die Übernahme von Kuka hat Folgen: Chinas Übermacht lässt im Kanzleramt und im Wirtschaftsministerium Überlegungen für ein schärferes Außenwirtschaftsgesetz reifen. Die Wirtschaft hat Bedenken.

Denn ob es einem gefällt oder nicht: Es ist das gute Recht der Chinesen, das Unternehmen zu kaufen. Daher ging es für Kuka nur darum, das beste herauszuholen. Natürlich wird mit der Investorenvereinbarung nicht für alle Zeiten verhindert, dass Technologien und Produktion nach China abwandern.

Solche Garantien gibt es in der Wirtschaftswelt nicht, egal wer Kuka übernimmt. Bei Finanzinvestoren, die den mittelfristigen Exit suchen, muss mit deutlich einschneidenderen Maßnahmen gerechnet werden, als bei einem strategischen Investor aus China. Nicht umsonst war die Unruhe bei Kuka deutlich größer, als noch Guy Wyser-Pratte zu den Anteilseignern gehörte.

Dagegen haben sich seriöse Investoren aus China bislang meist als gute Eigentümer erwiesen, die ihre Beteiligungen an der langen Leine führen. Unternehmen in China wissen Qualität „Made in Germany“ zu schätzen. Eine starke Produktionsbasis in Deutschland hat daher auch für einen chinesischen Eigentümer einen Wert.

Diese deutschen Firmen gehören jetzt Chinesen

Putzmeister

Der Betonpumpen-Weltmarktführer Sany Heavy Industry übernimmt im Januar 2012 das schwäbische Unternehmen für gut 320 Millionen Euro.

Kiekert

Der Pekinger Automobilzulieferer Lingyun übernimmt 2012 den Weltmarktführer für Pkw-Schließsysteme aus Heiligenhaus (NRW).

Schwing

Die Xuzhou Construction Machinery Group (XCMG) wird im April 2012 Mehrheitseigener des westfälischen Betonpumpenherstellers. Der Verkaufspreis des Herner Unternehmens soll bei rund 300 Millionen Euro liegen.

Kion

2012 steigt der chinesische Nutzfahrzeugproduzent Weichai Power beim Gabelstaplerhersteller Kion ein. Die Chinesen kaufen zunächst für 467 Millionen Euro 25 Prozent an Kion und steigern 2015 ihren Anteil auf 38,25 Prozent. Außerdem erhält der Investor für 271 Millionen Euro eine Mehrheitsbeteiligung von 70 Prozent an der Hydrauliksparte Kions.

Solibro

Das insolvente Solarunternehmen Q-Cells vereinbart im Juni 2012 den Verkauf seiner Tochterfirma mit Sitz in Bitterfeld-Wolfen an die Pekinger Hanergy Holding Group.

Sunways

Der Konstanzer Photovoltaik-Konzern ging 2012 zum Schnäppchenpreis an den chinesischen Solarriesen LDK Solar. Doch 2013 und 2014 reichte Sunways jeweils einen Insolvenzantrag ein. Teile des Unternehmens wurden in der Folge an den chinesischen Solarkonzerns Shunfeng verkauft.

Tailored Blanks

Der Industriegüterkonzern Thyssen-Krupp schließt 2013 den Verkauf seiner Tochter an den chinesischen Stahlkonzern Wuhan Iron and Steel (Wisco) ab. Zum Preis machen beide Seiten keine Angaben.

Koki Technik Transmission Systems

Das chinesische Unternehmen Avic Electromechanical Systems (Avicem) – eine Tochter der staatlichen Unternehmensgruppe Aviation Industry Corporation of China (Avic) – übernimmt 2014 den sächsischen Autozulieferer. Ein Kaufpreis wird nicht genannt.

Hilite

Avic übernimmt 2014 für 473 Millionen Euro den deutschen Autozulieferer.

Krauss-Maffei

Im Januar 2016 verkauft Onex den Münchener Spezialmaschinenbauer Krauss-Maffei an ein Konsortium um die staatliche National Chemical Corporation (Chemchina). Der größte Chemiekonzern des Landes zahlt 925 Millionen Euro für den traditionsreichen Hersteller von Spritzgießmaschinen für die Kunststoff- und Gummi-Verarbeitung.

EEW

Die chinesische Holding Beijing Enterprises kauft im Februar 2016 den Abfallkonzern EEW Energy from Waste aus Helmstedt für 1,438 Milliarden Euro. Verkäufer ist der schwedische Investor EQT. EEW hat nach eigenen Angaben 1050 Mitarbeiter. Die 18 Anlagen der Gruppe können jährlich rund 4,7 Millionen Tonnen Abfall zu Energie machen und umweltschonend beseitigen. Die Fabriken erzeugen Prozessdampf für Industriebetriebe, Fernwärme für Wohngebiete und Strom für umgerechnet rund 700.000 Haushalte.

Manz

Die Shanghai Electric Group steigt im Frühjahr mit Anteilen von etwa 20 Prozent bei dem angeschlagenen Maschinenbauer ein.

Kuka

Das Augsburger Unternehmen Kuka baut nicht nur Roboter, sondern ist auch Systemanbieter rund um die digital vernetzte Industrie. Der chinesische Midea-Konzern hat Kuka ein Übernahmeangebot im Umfang von 4,5 Milliarden Euro gemacht und mit dessen Hilfe knapp 95 Prozent der Kuka-Anteile übernommen.

Investoren aus Deutschland haben sich bislang nicht aus der Deckung gewagt. Daher möge nun Midea zum Zug kommen. Ein Unwohlsein bleibt, denn bislang ist es teilweise eine Einbahnstraße. Technologieperlen aus China können nicht so einfach von deutschen Investoren übernommen werden. Ein Nachteil für den ordnungspolitischen Musterknaben Deutschland.

Doch die Bedeutung von Kuka sollte nun auch nicht überschätzt werden. Das Unternehmen ist ein innovativer Player in der Industrie 4.0, zweifelsohne. Doch bewegt sich Kuka mit den Robotern am Ende der Kette in der digitalen Produktion, die Rolle von Siemens zum Beispiel ist hier noch höher einzuschätzen.

Zudem erzielt Kuka nur den kleineren Teil der drei Milliarden Euro Umsatz in der Robotik. Und dafür Sorge tragen, dass Kundendaten nicht abgeschöpft werden können, muss Kuka so oder so. Egal unter welchem Eigentümer.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×