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13.04.2015

11:54 Uhr

Kommentar zur Volkswagen-Führungskrise

Ich bin auf Distanz zu VW

VonFrank G. Heide

Als Auto-Tester interessiert mich weniger das Machtgerangel im VW-Konzern als viel mehr die nicht eingelösten Versprechen des Unternehmens. Wo ist der bezahlbare Volks-Wagen? Wo ist das emotionale Sport-Coupé?

Handelsblatt-Online-Redakteur Frank G. Heide fuhr privat früher meist VW. Jetzt vermisst er bei der Marke einiges. Alexander Möthe

Etwas mehr Emotion vielleicht?

Handelsblatt-Online-Redakteur Frank G. Heide fuhr privat früher meist VW. Jetzt vermisst er bei der Marke einiges.

Die meiste Zeit meines Lebens bin ich VW-Modelle gefahren, früher mal. Das aktuelle Gerangel an der Volkswagen-Spitze müsste mich eigentlich nicht interessieren, denn privat habe ich den Produkten den Rücken gekehrt. Dennoch ist es mir nicht völlig egal – denn es geht für mich um eine sehr deutsche Beziehungskiste.

Volkswagen, ich bin da sehr deutsch-bürgerlich, das war lange, sehr lange Zeit meines Autofahrerlebens eine feste Beziehung. Käfer ohne Heizung im Winter und ohne Gebläse im Sommer, Golf I mit damals ausreichenden 50 PS und ohne jegliche Extras. Es folgten Scirocco GT mit 75 PS in Viperngrün-Metallic, bevor der Rost ihn fraß, ein weißer Polo Steilheck mit 40 PS, der gewinnbringend nach dem Mauerfall Richtung Osten verkauft wurde. Später dann ein Vernunft-Turbodiesel Golf II in bronzemetallic, dann ein schwarzer Golf II GT, dazwischen auch mal ein Santana, der leider in Rauch aufging. Später natürlich der unvermeidliche Passat Variant, das gutmütige Nutztier.

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Es gilt seit einiger Zeit als chic, Alltagsautos mit Offroad-Zierrat aufzuhübschen. Beim neuen Allrad-Kombi von Seat stört das nur wenig. Hätte man es sich beim Leon gespart, wäre er für mich sogar perfekt.

Doch mittlerweile fahre ich privat gar kein Wolfsburger Modell mehr. Um mal ein aktuelles Zitat zu entlehnen: „Ich bin auf Distanz zu VW“. Der Grund ist einfach: Mir sind die meisten Neuwagen zu teuer, die Marke ist mir zu stark auf Premium-Kurs. Was ich vermisse, ist ein Auto fürs Volk, so wie es das Versprechen im Firmennamen andeutet. Vielleicht eine Art modernen Golf I, oder Käfer, der nicht mit Extras und Assistenten überfrachtet ist, eben keinen rollenden Computer. Oder so was wie den Lupo, den man unverständlicherweise vor 10 Jahren zu Grabe trug, während der Phaeton immer noch gebaut wird.

Hatte Martin Winterkorn, der fast 16 Millionen Euro pro Jahr verdient, nicht vor langer Zeit einen bezahlbaren Kleinwagen für die Massen versprochen? Zumindest das ist er schuldig geblieben, und am meisten freut man sich darüber wahrscheinlich bei Dacia. Die Marke des Renault-Konzerns hat im Billigsegment eine Erfolgsgeschichte hingelegt.

Zwar führt der VW-Golf mit großem Vorsprung seit Jahren die deutsche Zulassungsstatistik an. Aber schaue ich mich im Bekanntenkreis um, so besteht der Großteil aus Fahrern, die VW abspenstig geworden sind. Wohl auch deswegen, weil viele die Aufspreizung der Marke innerhalb des Konzerns nicht nachvollziehen können. Sprich: Die mittleren Angestellten und Außendienstler sitzen im Audi Avant, das ist wirklich Premium. Und wer als Kombi-Fan ein Auto mit (früher) typischen VW-Merkmalen kaufen möchte, ist in vielen Fällen zu Skoda und Seat abgewandert.

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Mit dem Golf Variant verhält es sich wie mit einer gutbürgerlichen Nachbarschaft. Man kennt sich, man schätzt sich. Man weiß, was man aneinander hat. Und natürlich wird gelästert. Aber nur ein bisschen und ganz leise.

Die typischen Zweitwagen der Freunde und Nachbarn kommen aus Korea oder Frankreich, das ist preisverträglich. Und die Oldtimer und Spaßmobile der Bessergestellten sind alte 911er und Boxster. Lediglich zwei ältere Bekannte fahren Tiguan. Der eine hat's schwer am Knie, den anderen zwickt die Hüfte.

Mir ist nicht so wichtig wie der nächste Aufsichtsratsvorsitzende von VW heißt oder wer den Vorstand anführt. Vielleicht ist sogar Ursula Piëch, Ferdinands Ehefrau, doch eine gute Idee. Als erfahrene Frau weiß sie bestimmt: Einer erkalteten Beziehung können frische Emotionen nur gut tun.

Das wünsche ich mir von der Marke Volkswagen zumindest für Deutschland: Endlich mal wieder einen VW fürs Volk – und einen fürs Herz. Einen Unvernünftigen zum Liebhaben, wie den Alfa Romeo 4C, und der auf dem traditionellen GTI-Treffen am Wörthersee nicht nur als Lehrlingsstudie präsentiert wird.

Bis es soweit ist finde ich meinen nächsten VW bestimmt nicht in Wolfsburg, sondern in Essen. Da startet diese Woche die Techno Classica mit jeder Menge schönen Oldtimern.

Kommentare (1)

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Herr peter Spirat

13.04.2015, 13:04 Uhr

Mir ist nicht so wichtig wie der nächste Aufsichtsratsvorsitzende von VW heißt oder wer den Vorstand anführt. Vielleicht ist sogar Ursula Piëch, Ferdinands Ehefrau, doch eine gute Idee. Als erfahrene Frau weiß sie bestimmt
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hihi, ich glaube, ihr Wunsch wird in Erfüllung gehen. Allerdings sieht es so aus, dass Uschi wohl auch schon heuer bestimmt, welche autos gebaut werden.

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