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06.08.2014

11:09 Uhr

Konzernumbau

Siemens zerlegt sein Medizingeschäft

Siemens steigt nach 14 Jahren mit Verlusten aus seiner Klinik-IT-Sparte aus und verkauft an den US-Rivalen Cerner. Die Amerikaner wollen 6000 Stellen erhalten. Indes verlagert Siemens den Fokus auf Hörgeräte.

Siemens-Flaggen: Der deutsche Konzern trennt sich von dem Geschäft mit Krankenhausinformationssystemen. dapd

Siemens-Flaggen: Der deutsche Konzern trennt sich von dem Geschäft mit Krankenhausinformationssystemen.

MünchenSiemens treibt mit einem milliardenschweren Verkauf den Umbau seiner Medizintechnik-Sparte voran. Für 1,3 Milliarden Dollar geht das Geschäft mit Krankenhaus-Informationssystemen an den US-Spezialisten Cerner. Siemens-Sektorchef Hermann Requardt räumte ein, gegen den US-Konkurrenten chancenlos gewesen zu sein. Sein Haus musste feststellen, „dass der Geschäftserfolg unserer Krankenhausinformationssysteme nicht immer mit dem der Wettbewerber Schritt halten konnte“, erklärte Requardt in der Nacht zum Mittwoch.

Die zu verkaufende Sparte setzte zuletzt knapp eine Milliarde Euro um, tat sich aber mit nennenswerten Gewinnen schwer. Weltweit arbeiten rund 6000 Menschen in dem Bereich, die meisten in den USA, etwa 600 in Deutschland. Das Geschäft solle im ersten Quartal 2015 abgeschlossen werden.

Stärken und Schwächen von Siemens

Stärke 1

Dividendenstärke

Seit einigen Jahren gilt bei Siemens das Ziel, einen Anteil von 40 bis 60 Prozent des Gewinns nach Steuern auszuschütten, deutlich mehr als früher. Für 2013 gab es wieder eine Dividende auf dem Rekordniveau von drei Euro. Dies entspricht einer Ausschüttungsquote von 57 Prozent.

Stärke 2

Aufträge

Der Auftragseingang, also die Umsätze von morgen, legte im abgelaufenen Geschäftsjahr um acht Prozent auf 82,4 Milliarden Euro zu.

Stärke 3

Ertragsperlen

Die Medizintechnik, der kleinste der vier Siemens-Sektoren, glänzte im vergangenen Geschäftsjahr nicht nur mit der höchsten operativen Umsatzrendite. Auch in absoluten Zahlen lieferte die Medizintechnik mit einem operativen Ergebnis (Ebitda) von zwei Milliarden Euro den höchsten Gewinnbeitrag.

Schwäche 1

Abhängigkeit von Europa

Was in Boomzeiten ein Vorteil ist, wird zum Nachteil, wenn die Konjunktur lahmt – die starke Position von Siemens in Europa. In Südeuropa etwa können die Schuldenstaaten derzeit nur noch wenige große Infrastrukturprojekte anstoßen. Das bekommt auch Siemens zu spüren.

Schwäche 2

Fehlende Innovationskraft

Es gibt Zweifel an der Innovationskraft von Siemens – trotz 60.000 neuen Patenten im Jahr. Denn der Konzern erzielte zuletzt mit seinen Geschäften nur eine Bruttomarge von 27,4 Prozent. Nach Einschätzung von Konzernchef Joe Kaeser ist dies ein Anzeichen dafür, dass Siemens mit seinen Produkten nicht die Preise erzielen kann, die man gerne hätte. Die Produkte sind womöglich nicht immer innovativ genug.

Schwäche 3

Sonderlasten

Vor allem schlecht gemanagte Großprojekte verhageln dem Konzern seit Jahrzehnten die Ergebnisse. 2013 war es besonders arg. Die anhaltenden Probleme bei der Anbindung der Offshore-Windparks an das Stromnetz auf dem Festland, die verspätete Auslieferung von ICE-Zügen, der Ausstieg aus dem Solargeschäft und andere Pannen verursachten im Konzern fast 900 Millionen Euro an Sonderaufwendungen.

Cerner-Manager John Peterzalek sicherte den Erhalt der Arbeitsplätze zu. „Es gibt keine Pläne für eine Reduktion. Einer der Gründe für den Kauf war, uns die Talente zu sichern“, sagte der Amerikaner im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters. Er rechne mit Synergien vor allem beim Zugang zu den Kunden. Außerhalb der USA sei Siemens in Märkten stark, wo sein Haus kaum vertreten ist. Die Aufteilung ergänze sich gut. Peterzalek erwartet, dass sich die Akquisition für Cerner bereits in kurzer Zeit auszahle. „Wir rechnen mit profitablem Wachstum.“

Künftig werde sich Siemens in der Medizintechnik auf den Ausbau von Systemen konzentrieren, die das Labor-, Bildgebungs- und Therapiegeschäft stützten, erklärte Requardt. Erst jüngst verkauften der Münchener Technologieriese sein Mikrobiologiesegment an die Danaher -Tochter Beckman Coulter. Die traditionsreiche Siemens-Medizintechnik verabschiedet sich immer mehr von der Vorstellung ihres langjährigen Spartenmanagers Erich Reinhardt, an der kompletten Wertschöpfungskette des klinischen Betriebs zu verdienen.

Der Ausflug in die Klinik-IT erwies sich für Siemens als schlechtes Geschäft. Im Jahr 2000 waren die Münchner mit dem Kauf der US-Firma Shared Medical Services (SMS) in den Bereich eingestiegen. Für SMS bezahlte seinerzeit Vorstandschef Heinrich von Pierer 2,1 Milliarden Dollar. Damals nahmen die Amerikaner mit 7600 Mitarbeitern jährlich 1,2 Milliarden Dollar ein.

Kommentare (1)

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06.08.2014, 11:43 Uhr

Siemens ändert sich total. Von einen familären E-Konzern zu einer kapital-rendite geführten Holding.
Nicht nur die Medizinspart wird entsprechend zerlegt und neu strukturiert, sondern auch das bisherige Rückgrat von Siemens, das Kraftwerksgeschäft wird aus Deutschland abgezogen und in den USA und aus den USA neu strukturiert aufgebaut. In einigen Jahren wird es nur noch den Hauptsitz von Siemens in München bzw. Berlin nachzuweisen geben. Produtkion, F&E wird dann weltweit betreiben. Made in Germany - industrielle Wertschöpfung war dann mal in Deutschland/Euroapa. Dank der grün-sozialistischen Ethik-Energiewende - Technikfeindlichekeit (Kerntechnik uss.)

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