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06.03.2012

13:29 Uhr

Kreditbetrug

Staatsanwaltschaft klagt Porsches ehemaligen Finanzchef an

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat Anklage gegen den ehemaligen Porsche-Finanzchef Holger Härter und zwei weitere Finanzmanager der Porsche Holding erhoben. Der Vorwurf: Kreditbetrug.

Der ehemalige Porsche Finanzchef Holger Härter (rechts) assistierte dem damaligen Porsche-Vorstandsvorsitzenden Wendelin Wiedeking (l) bei der gescheiterten VW-Übernahme. dpa

Der ehemalige Porsche Finanzchef Holger Härter (rechts) assistierte dem damaligen Porsche-Vorstandsvorsitzenden Wendelin Wiedeking (l) bei der gescheiterten VW-Übernahme.

Stuttgart/FrankfurtDie Staatsanwaltschaft Stuttgart hat Anklage gegen drei Manager aus dem Finanzbereich der Porsche-Dachgesellschaft Porsche SE erhoben - darunter auch der frühere Finanzchef Holger Härter. Die Behörde hatte die Beschuldigten nicht namentlich erwähnt. Die Anklage laute auf Kreditbetrug und hänge mit dem am Ende gescheiterten Versuch der Porsche SE zusammen, die Volkswagen AG zu übernehmen. Die Staatsanwaltschaft sieht den Angaben zufolge genug Anzeichen dafür, dass die drei Führungskräfte eine Bank belogen haben.

Bei der nun erhobenen Anklage geht es um einen im März 2009 zur Rückzahlung fälligen Kredit von zehn Milliarden Euro. Die Manager sollen die falschen Angaben im Rahmen von Verhandlungen für die Anschlussfinanzierung gemacht haben. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa arbeiten die drei Beschuldigten inzwischen nicht mehr bei der Porsche-Dachgesellschaft. Die Porsche SE war zunächst für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Die Düsseldorfer Kanzlei des ehemaligen Top-Managers Härter wies die Anschuldigungen am Dienstag im Namen ihres Mandanten zurück. „Herr Härter tritt den Vorwürfen der Anklage der Staatsanwaltschaft Stuttgart mit Nachdruck entgegen“, hieß es in einer Stellungnahme. Er sehe dem Verfahren „mit Gelassenheit entgegen“.

VW und Porsche FAQ

Was ist das Ziel von VW und Porsche?

Die beiden Seiten wollen einen „integrierten Automobilkonzern“ formen, mit Porsche als zehnter Marke unter dem Volkswagen-Dach. VW ist Europas größter Autobauer. Die Partner erhoffen sich von ihrem Zusammengehen 700 Millionen Euro Einsparungen pro Jahr.

Was ist die Vorgeschichte der heutigen Probleme?

Porsche hatte noch vor der Wirtschaftskrise den Plan gefasst, den viel größeren VW-Konzern zu übernehmen. Die Schlacht war lang und schmutzig - und im Sommer 2009 hatte Porsche den ungleichen Kampf verloren. Die Schwaben hatten sich mit ihren ambitionierten Plänen verhoben, die Dachgesellschaft Porsche Automobil Holding SE stand mit 11,4 Milliarden Euro Schulden da. Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und sein Finanzvorstand Holger Härter nahmen ihren Hut. VW drehte den Spieß um - Porsche soll nun unter das Dach von VW schlüpfen.

Welche Hürden gibt es auf dem Weg?

Die misslungene Übernahme hat gehörige Altlasten hinterlassen: So dauern juristische Streitigkeiten an. Kläger sind etwa verschiedene Fondsgesellschaften. Ihre milliardenschweren Forderungen laufen in zwei getrennten Fällen: Auf bundesstaatlicher Ebene in den USA wird darum gerungen, ob die US-Gerichte überhaupt zuständig sind. Ebene zwei ist ein Verfahren in New York, wo es auch um Zuständigkeitsfragen geht.

Gibt es auch anderswo Probleme?

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt seit 2009. Wiedeking und Härter wird zum einen Marktmanipulation vorgeworfen. Sie sollen zwischen 2007 und 2009 im Zuge der geplanten VW-Übernahme die Öffentlichkeit teilweise gar nicht und in anderen Fällen nur unzureichend über ihre Pläne informiert haben. Zudem besteht gegen die beiden Ex-Porsche-Manager Untreueverdacht. Hintergrund: Die ehemaligen Vorstände könnten für die geplante Übernahme mit Aktienkurssicherungsgeschäften existenzgefährdende Risiken für Porsche eingegangen sein.

Außerdem wurde gegen Härter und zwei weitere Verantwortliche des Porsche-Finanzbereichs ein Verfahren wegen des Verdachts auf Kreditbetrug eingeleitet. Sie werden verdächtigt, bei Verhandlungen über die Refinanzierung von Krediten der Porsche-Dachgesellschaft falsche oder unvollständige Angaben gemacht haben. Die weiteren Ermittlungen sind nach Angaben der Staatsanwaltschaft „äußerst aufwendig und zeitintensiv“ und werden nicht mehr 2011 abgeschlossen. Dem Vernehmen nach könnten sie sich bis weit ins nächste Jahr hineinziehen.

Welche Folgen hat das konkret?

Die ursprünglich für 2011 geplante Verschmelzung der VW AG und der Dachgesellschaft Porsche SE ist geplatzt. Dies war die Wunschlösung. Unter dem Dach der Porsche Holding sind die Mehrheit der Anteile am Porsche-Sportwagengeschäft (Porsche AG) gebündelt und die mehr als 50 Prozent, die die Stuttgarter an VW halten. Die Grundlagen für die Verschmelzung hatten die beiden Autobauer bereits im Sommer 2009 vereinbart. Grund für das Scheitern: VW sieht in den ungelösten juristischen Auseinandersetzungen der Stuttgarter ein unkalkulierbares Risiko - das wollen sie sich nicht ins Haus holen.

Wie könnten die Partner alternativ zusammenfinden?

Die Verschmelzung ist nicht komplett vom Tisch, sie könnte auch noch später durchgezogen werden. Allerdings müssten dafür neue Verträge abgeschlossen werden, die alten wären nicht mehr gültig. Außerdem haben sich die Autobauer bereits vor zwei Jahren einen Plan B zurechtgelegt. Von Mitte November 2012 bis Ende Januar 2015 gibt es vier vertraglich festgelegte Zeitfenster, in denen VW das Porsche-Sportwagengeschäft für den Preis von 3,9 Milliarden Euro komplett übernehmen kann. Bisher halten die Wolfsburger 49,9 Prozent.

Der Vorteil:

Volkswagen könnte sich das komplette operative Porsche-Sportwagengeschäft sichern, ohne die ungelösten Probleme der Porsche SE am Hals zu haben. Der Nachteil: Diese Variante wäre aus gesetzlichen Gründen erst ab Mitte 2014 steuerfrei. In den nächsten Wochen wollen beide Unternehmen nach alternativen Wegen suchen. Wie diese aussehen könnten, ließen sie zunächst offen.

Neben dem Vorwurf Kreditbetrug liefen die Ermittlungen wegen Untreueverdachts und Marktmanipulation parallel weiter, sagte Staatsanwältin Claudia Krauth. Bei diesen beiden Punkten sei noch nicht absehbar, wann die Anklagebehörde zu endgültigen Ergebnissen komme. Im Fokus stehen dabei auch immer noch Wiedeking und Härter. Bei diesen Verdachtsprüfungen sei „nicht vor Mitte diesen Jahres“ mit einem Abschluss zu rechnen.

Die Anklage ist bereits der zweite Paukenschlag aus Stuttgart binnen weniger Tage. Vergangene Woche hatte das Oberlandesgericht (OLG) in der baden-württembergischen Landeshauptstadt entschieden, dass der mächtige VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch während der Übernahmeschlacht zwischen VW und Porsche seine Pflichten in dem Kontrollgremium verletzt habe. Piëch bestreitet das und geht gegen die OLG-Entscheidung vor, das die Entlastung des Aufsichtsrates der Porsche SE für das Geschäftsjahr 2008/09 wieder einkassierte.

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Die jetzt erfolgte Anklage hängt mit der am Ende gescheiterten Versuch der Porsche SE zusammen, die viel größere Volkswagen AG überraschend zu übernehmen. Während dieser Zeit zwischen 2007 und 2009 sicherte sich die Porsche SE mit Finanzgeschäften Chancen für den schrittweisen Einstieg bei VW. Vorgeworfen werde den drei Verantwortlichen aus dem Finanzbereich der Porsche Automobil Holding SE nun, bei Verhandlungen mit einer Bank falsche Angaben über diese Geldgeschäfte gemacht zu haben, die im Zusammenhang mit dem Griff nach der Macht bei VW stehen. Es gehe dabei um schriftliche Auskünfte, die die Bank eingefordert habe.

Im Detail dreht es sich um Folgendes: Die Beschuldigten sollen den Geldbedarf falsch beziffert haben, der bei der Einlösung sämtlicher von Porsche gehaltenen Kaufoptionen auf VW-Stammaktien fällig gewesen wäre. Außerdem heißt es, die drei Manager hätten gegenüber der Bank Teile damaliger Porsche-Geschäfte verschwiegen, die 45 Millionen Euro Wert waren. Porsches damalige Informationspolitik ist bereits Gegenstand vieler juristischer Streitigkeiten im In- und Ausland.

Allein im Landgericht Braunschweig hängen derzeit Klagen in Höhe von mehr als zwei Milliarden Euro an. Die Porsche SE ist außerdem auch in den USA mit milliardenschweren Verfahren konfrontiert. Diese Querelen lähmen den Zusammenschluss von Porsche und VW, den sich die einstigen Feinde nach dem Übernahmekampf inzwischen wünschen.

Von

dpa

Kommentare (3)

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Gesetzeshueter

06.03.2012, 13:04 Uhr

also werden jetzt drei ehemalige "kleiner Fische" vorab angeklagt und mäßig verurteilt, damit sie hinterher als Insider-Zeugen gegen die Großen zur Verfügung stehen und sich nicht mehr auf das Selbstbelastungsverbot beziehen können.

asmarino

06.03.2012, 13:35 Uhr

fische hin fische her...man muss ehrlich zugeben können was für einen mut die bewiesen haben bei der aktion!
meine meinung nach ist es aber eine etwas gewiefte aktion die noch verzwickter ist als man denkt!
der ganze ablauf ist genaustens auf dieses ergebnis geplannt gewesen.

Account gelöscht!

06.03.2012, 14:15 Uhr

Wahnsinn, dass so eine kleine Firma das riskiert hat. Aber in den Irrungen des entfesselten Finanzmarktes war ja Vieles denkbar und hätte sogar klappen können.

Das Investmentbanking, welches ja vom Handel mit Firmenanteilen, Marktchancen und Risiken lebt richtet sich m. E. gegen die Marktwirtschaft, den Wettbewerb, die Vernunft. Anders sind solche Aktionen nicht zu erklären.

Der Markt wird nämlich kleiner wenn Unternehmen verkauft werden. Das ist besser als wenn ein Unternehmen pleite gehen. Bestimmt. Aber viele Firmen werden nur aufgeblasen, um sie zu verscherbeln und viele Große kaufen einfach die Konkurrenz vom Markt.

Marktwirtschaft aber bedeutet, dass der Wettbewerb am Kunden stattfindet und um ihn mit gutem Preis/leistungsverhältnis geworben wird. Das Investmentbanking verlagert den Wettbewerb realer Märkte zu einem guten Teil in die Hinterzimmer der Finanzindustrie und schadet damit der Marktwirtschft mehr als sie nutzt.

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