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12.03.2014

15:12 Uhr

Krim-Krise

„Handelskonflikt wäre schmerzhaft“

Der Westen droht Moskau im Krim-Konflikt mit Sanktionen. Was für russische Unternehmen ein Schlag wäre, könnte auch deutschen Firmen Probleme bereiten. Vor allem wenn die Russen ihre Auslandschulden nicht mehr bedienen.

Dunkle Aussichten für den Westen im Fall von härteren Sanktionen gegen Russland. Gazprom könnte den Gas- und Geldhahn zudrehen. dapd

Dunkle Aussichten für den Westen im Fall von härteren Sanktionen gegen Russland. Gazprom könnte den Gas- und Geldhahn zudrehen.

London/MoskauIm Krim-Konflikt droht der Westen mit Sanktionen gegen Moskau. Doch die große Abhängigkeit Europas von russischer Energie verhindert bislang ein hartes Vorgehen. Experten zufolge könnten aber auch die internationalen Schulden russischer Unternehmen Strafen zu einem heiklen Unterfangen werden lassen.

Schließlich stehen Russlands Konzerne und Banken – viele von ihnen staatlich gelenkt – außerhalb ihrer Heimat mit mehr als 650 Milliarden Dollar in der Kreide. Dem Kreml nahestehende Politiker drohen bereits offen damit, dass die Firmen ihre Schulden nicht mehr bedienen könnten – als Vergeltung für das Einfrieren russischer Auslandsvermögen oder anderer Maßnahmen.

Der Westen könnte sich dann mit Strafen gleich doppelt ins eigene Fleisch schneiden – sollte Russlands Staatskonzern Gazprom nicht nur den Gas–, sondern auch den Geldhahn zudrehen. Insgesamt sind Russlands Auslandsschulden seit 2008 stark gewachsen, vor allem die Staatskonzerne haben dazu beigetragen. Allein die vier Geldhäuser Sberbank, VTB, VEB und Rosselkhozbank haben zusammen mindestens 60 Milliarden Dollar an internationalen Verbindlichkeiten.

Nehme man die Ukraine allein, so seien die Folgen für die deutsche Wirtschaft begrenzt, sagte Fischen, der Co-Chef der Deutschen Bank ist. Das gelte auch für die deutschen Banken: „Sie hatten Ende letzten Jahres offene Forderungen in Höhe von 835 Millionen Euro. Das wirft niemanden um“, erklärte Fitschen. Entscheidend sei die Frage, „ob der Konflikt eskaliert und wir in eine Spirale gegenseitiger Sanktionen geraten“.

Folgen der Ukraine-Krise für die deutsche Wirtschaft

Wie wichtig ist Russland für die deutsche Wirtschaft?

6000 deutsche Unternehmen sind vor Ort tätig. Jahrelang war Russland der am schnellsten wachsende Markt für die hiesigen Exporteure. Damit war es aber schon vor dem Krim-Streit vorbei: Exporte und Importe zusammen brachen 2013 um gut fünf Prozent auf 76,5 Milliarden Euro ein. Damit verlor Russland seinen Status als wichtigster Handelspartner der deutschen Wirtschaft in Osteuropa an Polen. Der Handel mit dem Nachbarn zog um 4,3 Prozent auf 78 Milliarden Euro an. „Die realwirtschaftlichen Folgen für uns halten sich in Grenzen“, sagt deshalb Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Für uns ist die Entwicklung in China ungleich wichtiger als das, was in Russland passiert.“ Nach Angaben aus deutschen Regierungskreisen liegt der Anteil der Exporte nach Russland am gesamten Ausfuhrvolumen bei 3,3 Prozent.

Allerdings: Deutschland bezieht knapp 40 Prozent seiner Gasimporte aus Russland. Kommt es zu Lieferausfällen, bekommt dies die deutsche Wirtschaft zu spüren. Auch bei Ölimporten verlässt sich Deutschland zu mehr als einem Drittel auf Russland. Die Gasspeicher im Land seien gut gefüllt, versucht das Bundeswirtschaftsministerium zu beruhigen. Sie seien so groß wie nur in wenigen anderen Ländern. Es gebe zudem keine Anzeichen für irgendwelche Lieferbeschränkungen.

Bezogen auf einzelne Branchen spielt der russische Markt vor allem für den hiesigen Maschinen- und Anlagenbau eine wichtige Rolle. Auch deutsche Autos und Chemie-Produkte stehen bei russischen Kunden ganz oben auf der Hitliste. Rund 300.000 deutsche Arbeitsplätze sind vom Handel mit Russland abhängig, rechnet der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft vor. Russland wiederum exportiert nach Deutschland vor allem Rohstoffe und petrochemische Produkte.

Und für Europa?

Russland gehört zu den größten Erdgas- und Erdölproduzenten der Welt. „Wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland träfen damit auch die EU sowie über höhere Energiepreise die gesamte Weltwirtschaft“, sagt Analyst Daniel Lenz von der DZ Bank. „Für die sich gerade erholende Weltwirtschaft und vor allem die EU-Wirtschaft wären steigende Energiepreise oder sogar eine Versorgungsknappheit ein Risikofaktor.“ Commerzbank-Chefökonom Krämer glaubt aber nicht, dass die Erholung in der Euro-Zone in Gefahr ist. „Da muss schon einiges passieren, um die doch recht robuste Erholung in der Euro-Zone ins Wanken zu bringen“, sagt er. „Ich glaube nicht, dass der Konflikt in der Ukraine ausreicht. Hinzu kommt: Russland hat zwar schön häufiger das Völkerrecht gebrochen, hält sich aber an privatwirtschaftliche Verträge.“

Macht sich die deutsche Wirtschaft trotzdem Sorgen?

Ja. Allein in der Ukraine sind mehr als 2000 deutsche Unternehmen tätig. „Die deutsche Wirtschaft arbeitet bisher zwar ohne große Unterbrechungen, macht sich aber große Sorgen um die Stabilität des Landes“, sagt der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Volker Treier. Sollte sich die Lage indes zuspitzen, seien Produktionsausfälle unvermeidlich. „Ganze Wertschöpfungsketten wären betroffen, die Wirtschaften der Nachbarländer Polen, Ungarn und Rumänien würden es als erste spüren“, warnt Treier. Die Bundesregierung gibt sich dagegen noch relativ gelassen. „Es besteht kein Anlass zur Sorge“, sagt eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums.

Kann sich die russische Wirtschaft einen Streit mit dem Westen wirtschaftlich leisten?

Nein, sagt der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft. „80 Prozent der russischen Exporte sind Rohstoff-basiert“, betont dessen Geschäftsführer Rainer Lindner. „Damit kann man noch keine moderne Gesellschaft entwickeln.“ Russland müsse seine Wirtschaft modernisieren, um weniger abhängig von Rohstoffen zu werden. „Ohne Technologiepartner wie Deutschland wird es dass nicht schaffen“, sagt Lindner. Und auch an der Energiefront bezweifeln viele Experten, dass es sich Russland leisten kann, den Gashahn zuzudrehen – zumal der Gaspreis an den Weltmärkten wegen Überangebots seit längerem sinkt.

Die deutsche Wirtschaft macht derzeit Front gegen die möglichen Wirtschaftssanktionen. Zwar befürchten Konjunkturexperten nur einen begrenzten Dämpfer für den Aufschwung. Bankenpräsident Jürgen Fitschen warnte jedoch in der Wochenzeitung „Die Zeit“ vor der Gefahr einer wachsenden Spaltung zwischen Russland und dem Westen: „Eine Neuauflage des Kalten Krieges sollten wir unter allen Umständen vermeiden.“

Der Präsident des Außenhandelsverbandes, Anton Börner, sagte am Mittwoch in Berlin: „Ein Handelskonflikt wäre für Deutschlands Wirtschaft schmerzhaft, für die russische Wirtschaft aber existenzbedrohend.“ Deutschland habe genügend Gasreserven und auch ein Schock der Finanzmärkte sei nicht zu erwarten. Die Einflüsse auf die Weltkonjunktur blieben überschaubar. Trotzdem träfen Sanktionen viele deutsche Unternehmen hart.

Russland steht nach Verbandsangaben auf Platz elf der deutschen Handelspartner. 6200 deutsche Firmen treiben dort Handel oder haben investiert, das Handelsvolumen liegt bei mehr als 76 Milliarden Euro. Deutschland habe damit deutlich mehr zu verlieren als die USA, die forscher bei Sanktionsforderungen auftreten könnten.

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