Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

26.07.2013

18:41 Uhr

Kritik an Siemens-Chef

Löscher kämpft um sein Amt

Siemens-Chef Peter Löscher steht in der Kritik, nachdem er die Prognose für 2014 kassiert hat. Im Aufsichtsrat tobt offenbar ein Machtkampf. Ein Nachfolger wird gesucht. Doch Löscher will sich nicht vertreiben lassen.

Der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG, Peter Loescher: Eine neue Gewinnwarnung gefährdet seinen Job. dapd

Der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG, Peter Loescher: Eine neue Gewinnwarnung gefährdet seinen Job.

MünchenÜber das Schicksal von Siemens-Chef Peter Löscher könnten bereits am Wochenende die Würfel fallen. Die Aufsichtsratsfraktionen des Konzerns verhandeln Kreisen zufolge dann über die Zukunft des wankenden Spitzenmanagers. Die Kapital- und Arbeitnehmervertreter träfen sich jeweils getrennt in München, sagten zwei mit dem Vorgang vertraute Personen am Freitag.

Ganz oben auf den Tagesordnungen der Vorbesprechungen für die anstehende Aufsichtsratssitzung stehe jeweils „die zukünftige Zusammensetzung des Vorstands“. Das gesamte Kontrollgremium kommt am Mittwoch regulär zu seiner offiziellen Sitzung in München zusammen. Bei Anlegern kam die Nachricht gut an: Die Aktie drehte ins Plus und notierte am späten Nachmittag 1,5 Prozent fester bei 79,78 Euro.
Der angeschlagene Siemens-Chef will aber an Bord bleiben. „Mir bläst jetzt der Wind ins Gesicht, aber es war noch nie meine Art aufzugeben oder schnell die Segel zu streichen“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“ (Samstagausgabe) laut Vorabbericht. „Ich habe einen Vertrag bis 2017, und gerade jetzt ist der Kapitän bei Siemens mehr gefragt denn je.“

Löscher steht wegen der jüngsten Gewinnwarnung und einer Reihe von vorangegangenen Misserfolgen unter wachsendem Druck. Erst am Donnerstag hat er sein selbstgestecktes Ziel aufgeben müssen, den Technologiekonzern bis 2014 auf eine operative Rendite von zwölf Prozent zu hieven. Am Kapitalmarkt kam das neuerlich gebrochene Versprechen nicht gut an. Die Siemens-Aktie war in der Folge um sieben Prozent abgesackt, es hagelte Kritik von Analysten.

Siemens-Geschäftsfelder und ihre Zukunft

Energietechnik

Der Sektor hat dem Vorstand im vergangenen Jahr wohl den meisten Kummer bereitet. Siemens verpatzte den rechtzeitigen Anschluss von Windparks in der Nordsee und musste eine halbe Milliarde Euro Strafe zahlen. Zudem drückt verstärkt asiatische Konkurrenz auf den Markt für Transformatoren. Siemens reagierte auf den wachsenden Preisdruck mit dem Abbau Tausender Stellen.

Sortieranlagen

Nach Löschers Ansicht wirft das Geschäft mit Sortieranlagen für Postzentren und Flughäfen mit einer Rendite um die fünf Prozent bei Jahresumsätzen von 900 Millionen Euro zu wenig ab. Der Konzern sucht nun nach einem Käufer für das Segment, rund 3600 Mitarbeiter sind betroffen.

Wasseraufbereitung

Ein ähnliches Schicksal wie die Sortieranlagen-Sparte trifft auch die Wasseraufbereitungstechnik. Als Ausrüster von Wasserwerken setzt Siemens zwar rund eine Milliarde Euro um, unter dem Strich bleibt allerdings nur ein einstelliger Millionenbetrag hängen. Die Einheit soll verkauft werden.

Solarenergie-Technik

Der Ausflug in die Solarenergie-Technik erwies sich für die Münchner als teurer Flop. Mit dem Kauf der israelischen Solel für 418 Millionen Dollar und dem Erwerb von Anteilen an der italienischen Archimede wollte Siemens bei der solarthermischen Stromerzeugung mitmischen. Der Markt etablierte sich nie, Solel machte mehr Verlust als Umsatz. Die Anteile an Archimede hat Siemens bereits zurückgegeben, für Solel wurde ein Abnehmer gesucht.

Industriesoftware

Das Geschäft mit Computerprogrammen für die Industrie hat Siemens in den vergangenen Jahren stark ausgebaut. Für die Übernahme der belgischen LMS etwa zahlte der Konzern 680 Millionen Euro. Insgesamt elf solcher Softwareschmieden hat Siemens für zusammen mehr als vier Milliarden Euro gekauft.

Osram

Siemens verschenkt die große Mehrheit seiner Leuchtmittel-Tochter an die eigenen Aktionäre. Gut 80 Prozent sollen die Eigentümer behalten, der Rest bleibt bei der Mutter und deren Pensionsfonds. Siemens will in das Lampengeschäft nicht mehr investieren, Pläne für einen IPO waren gescheitert. Osram steckt selbst in der Sanierung, zunächst soll es keine Dividende geben. Zwischen 7300 und 8000 Stellen sollen weltweit abgebaut werden, einige Standorte geschlossen werden. Die Börsennotierung erfolgte Anfang Juli. Osram macht einen Jahresumsatz von gut fünf Milliarden Euro und erwartet für das laufende Geschäftsjahr wegen der Sanierungskosten Verlust.

Nokia Siemens Networks

Problem gelöst: Seinen Anteil an Nokia Siemens Networks hat der Münchner Konzern im Juli 2013 komplett an den finnischen Partner abgegeben.

„Neben diversen internen Problemen fehlt nun der konjunkturelle Rückenwind, so dass der 'Schwarze Peter' auf externe Faktoren geschoben wird“, zürnte Wolfgang Donie von der NordLB. „Wir sind überrascht, dass das Papier nicht noch stärker abgerutscht ist, wenn man die Bedeutung des Margenziels für das Unternehmen bedenkt“, urteilte Andreas Willi von J.P. Morgan. „Es gab kräftigen Druck auf das Management, diese Ziele zu erreichen.“
Auch unter den Arbeitnehmern gärt es. Mit seinem aktuellen Sparkurs und dem Abbau von 10.000 Stellen weltweit brachte Löscher die Belegschaft gegen sich auf. Gewerkschafter fordern eine neue Strategie für Deutschland, wo Siemens in der Ägide Löscher rund 25.000 Stellen abgebaut hat – allein im fortgeführten Geschäft.
Die beiden Treffen am Wochenende dürften spannend werden. Aus dem Umfeld des Aufsichtsrats hieß es, innerhalb der Siemens-Spitze tobe ein Machtkampf. Und unter den Aufsehern gebe es verschiedene Positionen. Während einige die Schuld an der Misere bei Löscher sehen, geben andere Finanzchef Joe Kaeser die Schuld. Schließlich sei auch er für die Prognosen und die Kapitalmarktkommunikation verantwortlich, sagte ein Insider.

Kommentare (47)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

kraehendienst

26.07.2013, 14:12 Uhr

Löscht den Villacher!

Account gelöscht!

26.07.2013, 14:32 Uhr

Bei Siemens hat sich so viel Druck aufgestaut, daß es eines Kopfes bedarf. Löscher hat nicht viele Erfolge vorzuweisen. Das meiste aus seiner Anfangszeit, dafür konnte er aber nichts. Danach kam nichts mehr.

Intern wird Löscher gerne MBWA genannt: Management by walking around. Er reist halt gerne der Österreicher.

Interessanterweise habe ich einige Kunden aus dem Siemens-Management, die auf meine Frage, warum sie nicht in Siemens investieren möchten, mich ganz verdutzt anschauen. Die kaufen gerne GE und ABB, da sie von deren Erfolge mehr überzeugt zu sein scheinen.

Erbärmlich.

HB-Leser

26.07.2013, 14:33 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×