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08.12.2011

08:03 Uhr

Krupp-Stiftung

Das Machtzentrum des Essener Konzerns

VonMarkus Hennes

Die Krupp-Stiftung ist ein Bollwerk des Stahlkonzerns gegen potenzielle feindliche Übernahmen. In der aktuellen kritischen Situation sind die knappen Finanzen der Stiftung aber ein Handicap.

Berthold Beitz, Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats von ThyssenKrupp und Vorsitzender des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, mit Prominenz bei der 200-Jahr-Feier. obs

Berthold Beitz, Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats von ThyssenKrupp und Vorsitzender des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, mit Prominenz bei der 200-Jahr-Feier.

DüsseldorfDas Schicksal des Konkurrenten Arcelor hatte Berthold Beitz, den mächtigen alten Mann von der Villa Hügel, aufgeschreckt. Nach monatelangem Kampf war es dem indischen Milliardär Lakshmi Mittal im Sommer 2006 gelungen, den größten europäischen Stahlkonzern Arcelor zu übernehmen. So etwas, beschied Beitz, dürfe Thyssen-Krupp niemals passieren.

Das Leben des Berthold Beitz

Eine Verbeugung

Berthold Beitz hat nicht nur den Krupp-Konzern umgewandelt und deutsche Wirtschaftsgeschichte geschrieben, sondern ist vor allem eine der größten Persönlichkeiten unserer Zeit. Der Historiker Joachim Käppner hat eine Biografie über Beitz geschrieben, die dessen Leben umfangreich aufarbeitet. Es folgt eine Zusammenfassung.

Geburt in Pommern

Berthold Beitz wird am 26. September 1913 in Zemmin in Pommern geboren. Mutter Erna ist Kindermädchen, Vater Erdmann spielt im Militärorchester Trompete. Als Berthold ein Jahr alt ist, reitet der Vater mit Lanze und Gewehr in den Krieg. Er sieht seinen Sohn nur während der kurzen Fronturlaube. Im September 1916 kommt das zweite Kind der Familie zur Welt, Brunhild.

Sonnige Jahre der Schulzeit

Nach dem Krieg zieht die Familie nach Demmin. Erdmann findet Arbeit im Finanzamt. Es folgen weitere Umzüge 1920 und 1925, als die Familie im schönen Greifswald landet. Berthold ist ein recht fauler Schüler, der sogar einmal sitzen bleibt. Obwohl der Vater dies nicht gern sieht, haben sie ein gutes Verhältnis.

Banker statt Arzt

Der junge Mann würde gern Medizin studieren, doch nach dem Börsencrash 1929 fehlen der Familie die finanziellen Mittel, da im Zuge dessen die Gehälter gesunken sind. Also heißt es Geld verdienen und das tut Berthold Beitz von 1934 an dank der guten Verbindungen des Vaters in der Zentrale der Pommerschen Bank in Stralsund. Für 30 Mark im Monat beginnt er seufzend eine Banklehre.

Das Leben genießen

Der Job ist langweilig, aber das Privatleben spaßig. Berthold Beitz ist ein fröhlicher junger Mann, der das Leben genießt. Am liebsten hört er Jazzplatten. Die Fahrten ins leicht zu erreichende Berlin werden zum Highlight. Hier hat er eine Freundin und hier gibt es richtige Jazzclubs, vor allem das „Delphi“.

Die unbeschwerte Zeit ist vorüber

1937 beginnt der Ernst des Lebens so richtig: Seine Vorgesetzten sind von dem 25-Jährigen so angetan, dass sie ihn befördern. Dank seiner zupackenden Art wird Beitz stellvertretender Leiter der Filiale in Demmin. Angesichts seiner Herkunft ist allein dies schon ein viel versprechender Aufstieg. Beitz hat große Pläne: Ihn reizt die große Welt, Pommern ist ihm zu klein geworden. Er will nach New York oder Brasilien oder China. Doch seine Mutter stoppt den Drang, schließlich ist er der einzige Sohn und müsse daher in Deutschland bleiben.

Wechsel in die Industrie

Anfang 1938 wird Beitz zum Vorstellungsgespräch bei der Rhenania Ossag Mineralölwerke eingeladen, einer Tochter von Royal Dutch Shell. Im Mai 1938 zieht er schließlich nach Hamburg, seinem „Tor zur Welt“ und wird kaufmännischer Angestellter in der Revisionsabteilung der Deutschen Shell.

Die große Liebe

Und hier begegnet Beitz seiner großen Liebe. Die blonde Kollegin heißt Else Hochlein und ist damals gerade einmal 18 Jahre alt, also sieben Jahre jünger als Berthold. Kennengelernt haben sich die beiden beim Tennis. Sie werden jahrzehntelang ein Paar bleiben.

Neuanfang in Hamburg

In Hamburg wohnt Beitz in der Baracke bei den Schwiegereltern. Im Spätsommer gelingt der schwangeren Else mit Tochter Barbara eine dramatische Flucht in den Westen. Die Familie lebt nun auf engstem Raum in Hamburg. Berthold verdingt sich als Landdarbeiter und in einer Konservenfabrik. Doch dann sorgt eine schicksalhafte Begegnung für die große Wende zum Guten.

Die große Wende zum Erfolg

Nicht als Zufall: Als Berthold Beitz 1946 durch Hamburg schlendert, erkennt ihn eine alte Freundin seiner Frau wieder: Evelyn Döring arbeitet inzwischen für die Briten und besorgt ihm einen Job im Amt zur Aufsicht der Versicherungen in der britischen Zone. Überlebende aus Boryslaw bescheinigen Beitz, dass er kein Nazi war und so bekommt er den nötigen Ausweis der Entnazifizierungsbehörden und den Job. Hier requiriert er ehemalige Nazis, da ihm ansonsten geeignetes Personal fehlt.

Der Aufstieg des Unternehmers

Beitz bringt die Versicherungsbehörde auf Vordermann. Die Familie wohnt längst in einer passenden Wohnung am Rande der Stadt. Die Briten sind mit ihm nach zwei Jahren so zufrieden, dass sie ihm eine Beamtenstelle auf Lebenszeit anbieten. Doch Beitz lehnt ab und wechselt im Juni 1948 in den Vorstand der Iduna-Germania-Versicherung. Der Titel des Generaldirektors und das Gehalt von damals beachtlichen 3500 D-Mark sind allzu verlockend.

Als Testamentsvollstrecker des Erbes der Industriellenfamilie Krupp und als Vorsitzender des Kuratoriums der Alfried-Krupp-von-Bohlen-und-Halbach-Stiftung musste Beitz ein Bollwerk gegen potenzielle Angreifer errichten. Denn die Stiftung ist gemäß ihrer Satzung dazu verpflichtet, die Eigenständigkeit des Unternehmens zu wahren. Allerdings besitzt sie bis heute nur 25 Prozent der Anteile – deutlich weniger als die Mehrheit.

Trotzdem ist Thyssen-Krupp seit Januar 2007 vor einer feindlichen Übernahme gut geschützt. Kurz nach Mittals Sieg über Arcelor beschloss die Hauptversammlung des Ruhrkonzerns eine umstrittene Satzungsänderung. Die Krupp-Stiftung kann seitdem ohne Zustimmung der übrigen Aktionäre drei Vertreter in den 20-köpfigen Aufsichtsrat entsenden.

Das Leben des Berthold Beitz: Teil 2

Der Soldat Berthold Beitz

Zur Freude des Vaters absolviert Berthold Beitz von 1937 bis 1939 Wehrübungen. Als die Wehrpflicht 1935 eingeführt wurde, war er schon zu alt. Die Übungen sind für ihn keine große Last, er gehört zu den besten Schützen. Im Frühjahr 1939 wird er Feldwebel der Reserve und Offiziersanwärter. Beitz hat sich um einen Offiziersrang nicht deshalb beworben, weil es sei Ziel war, sondern um nicht in die SA oder SS eintreten zu müssen.

Als der Krieg beginnt

Als Deutschland am 1. September 1939 in Polen einfällt, hat Beitz Glück: Sein Regiment hat keine Offizierstelle frei. Er bekommt das Angebot, als Vertreter von Shell nach Polen zu gehen, um dort die Ölindustrie aufzubauen. Zögernd sagt er zu. Beitz erscheint diese Aufgabe sehr viel attraktiver als die des Soldaten, aber dafür muss er eine Zeit lang von Else getrennt leben.

Privates Glück und Unglück

In den ersten Monaten leidet Berthold Beitz sehr darunter, wohl wissend, dass seine Freundin schwanger ist. So reist er im Dezember 1939 zurück nach Hamburg und macht ihr einen Heiratsantrag. Die beiden werden einen Tag vor Sylvester getraut. Im April bringt Else Zwillinge zur Welt. Die zarte Ingrid verstirbt wenige Wochen später an einer Lungenentzündung, aber Barbara geht es gut. Später wird Berthold leitender Angestellter und es gelingt ihm, die Familie nachzuholen.

Erste Begegnung mit dem Schrecken

Als Hitler im Juni den Pakt der Tyrannen bricht und Russland angreift, soll Beitz wenig später auch den Weg gen Osten antreten und die Ölindustrie vor Ort auf Vordermann bringen. Hier in Boryslaw bekommt er einen Eindruck von der Brutalität, mit der das jüdische Volk behandelt wurde. Es sind Szenen des Grauens, auf die ihn nichts vorbereitet hat.

Die Unterworfenen sind Menschen

Beitz ist mit 27 Jahren für 13.000 Arbeiter verantwortlich. Und er versucht vom ersten Tag an, sie möglichst menschlich zu behandeln und sorgt für ausreichend Ernährung. Doch die Maßnahmen der Wehrmacht und SS sind grausam. Allein bis Anfang 1942 sterben in Boryslaw rund 3000 Juden. Die Übrigen vegetieren unter schrecklichen Umständen dahin. Beitz stellt möglichst viele von ihnen bei sich in der Firma ein und versucht so, sie zu retten.

Ärger mit der Gestapo

Obwohl Beitz geschickt und vorsichtig vorgeht, gerät er ins Blickfeld der Gestapo. Ende 1942 bekommt er eine Vorladung und muss nach Breslau. Es scheint eine Reise ohne Wiederkehr zu sein. Doch plötzlich steht Karl-Heinz Brecht vor ihm, der Schulfreund aus Kindertagen. Der Gestapo-Mann zerknüllt das belastende Papier und steckt Beitz proforma drei Tage in eine Zelle. Als Beitz nach Boryslaw zurückkommt, hat er aufgrund des „Wunders“ den Nimbus weg, dass er allerbeste Beziehungen nach „ganz oben“ haben muss. Beitz wird sich später bei Bendt umfangreich bedanken und ihn bei Krupp einstellen.

„Wie Gott persönlich“

Beitz rettet weiterhin Juden und spielt sein gefährliches Spiel weiter. Ein Mädchen wird nach dem Krieg schreiben „Er war wie Gott persönlich!“. Doch Beitz meinte stets: „Ich habe nie das Gefühl gehabt, Herr über Leben und Tod zu sein. Ich war nicht der liebe Gott.“ Im Laufe des Jahres 1943 werden seine Spielräume immer enger, er wird isoliert.

Schüsse auf Berthold Beitz

Doch die Gefahr lauerte in Boryslaw auch von anderer Seite. Bei einem Waldspaziergang mit seiner Frau schossen Unbekannte auf ihn. Beitz hatte eine Pistole bei sich und feuerte zurück. Im Nachhinein stellte es sich als Missverständnis heraus. Denn die Täter waren polnische Untergrundkämpfer. Zu denen hatte Beitz gute Beziehungen und konnte so fortan unbeschwert Waldspaziergänge machen.

Kooperation mit dem SS-Mann

Bei seiner Rettungsaktion bekam Beitz Hilfe von einem SS-Mann namens Friedrich Hildebrand, bei dem sich das schlechte Gewissen wecken ließ. Mit dessen Autorität ließen sich wieder Dinge bewegen und Menschenleben retten. Er brachte mehr als 1200 Juden als echte oder angebliche Rüstungsarbeiter durch das fürchterliche Jahr 1943. Wie viele Menschenleben Beitz tatsächlich retten konnte, bleibt aber ungewiss. Vor allem, weil er 1944 an die Fronst muss.

Wechsel an die Front

Im März 1944 ist der Mangel an kampffähigen Männern an der Ostfront so groß, dass auch Industrielle wie Beitz an die Front müssen. „Heldenklau“ nannte des der Volksmund damals. Als der Feldwebel der Reserve die Nachricht bekommt, rät er den Juden nur: „Haut ab in die Wälder!“ Dort waren Höhlen und geheime Bunker bereits angelegt.

Flucht über die Oder

Berthold Beitz muss im Januar 1945 an die Ostfront und wird gefangen genommen. Gemeinsam mit einem Kameraden kann er fliehen und sich Richtung Westen bis zur Oder durchschlagen. Deren Westufer wird zu dem Zeitpunkt noch von der Wehrmacht gehalten. Die beiden rutschen über den gefrorenen Fluss und retten ihr Leben.

Das Kriegsende

Der verwundete Beitz wird nach Berlin gebracht, muss kaum genesen aber wieder Abschied von Frau und Kind nehmen und wieder an die Front. Doch er hat Glück und „darf“ in den Süden verlegt werden. Sein Kommandant zeigt zudem einen Rest von Menschlichkeit, als er Beitz nicht bestraft, als dieser sich weigert, einen Fahnenflüchtling zu erschießen. Am 15. April 1945 darf er heimgehen und strandet auf dem Weg bei Verwandten in Weimar. Von dort aus schlägt sich Beitz ins zerstörte Hamburg durch.

Gemeinsam mit den zehn Stimmen der Arbeitnehmerbank hat sie so bei wichtigen Entscheidungen stets eine Mehrheit im Kontrollgremium. Das Entsenderecht macht die Stiftung zum Machtzentrum von Thyssen-Krupp – sie hat dadurch eine ähnlich starke Stellung wie die Eigentümerfamilien Quandt und Henkel bei den Dax-Konzernen BMW und Henkel.

Teil 3: Die Zeit nach dem Krieg

Neuanfang in Hamburg

In Hamburg wohnt Beitz in der Baracke bei den Schwiegereltern. Im Spätsommer gelingt der schwangeren Else mit Tochter Barbara eine dramatische Flucht in den Westen. Die Familie lebt nun auf engstem Raum in Hamburg. Berthold verdingt sich als Landdarbeiter und in einer Konservenfabrik. Doch dann sorgt eine schicksalhafte Begegnung für die große Wende zum Guten.

Die große Wende zum Erfolg

Nicht als Zufall: Als Berthold Beitz 1946 durch Hamburg schlendert, erkennt ihn eine alte Freundin seiner Frau wieder: Evelyn Döring arbeitet inzwischen für die Briten und besorgt ihm einen Job im Amt zur Aufsicht der Versicherungen in der britischen Zone. Überlebende aus Boryslaw bescheinigen Beitz, dass er kein Nazi war und so bekommt er den nötigen Ausweis der Entnazifizierungsbehörden und den Job. Hier requiriert er ehemalige Nazis, da ihm ansonsten geeignetes Personal fehlt.

Der Aufstieg des Unternehmers

Beitz bringt die Versicherungsbehörde auf Vordermann. Die Familie wohnt längst in einer passenden Wohnung am Rande der Stadt. Die Briten sind mit ihm nach zwei Jahren so zufrieden, dass sie ihm eine Beamtenstelle auf Lebenszeit anbieten. Doch Beitz lehnt ab und wechselt im Juni 1948 in den Vorstand der Iduna-Germania-Versicherung. Der Titel des Generaldirektors und das Gehalt von damals beachtlichen 3500 D-Mark sind allzu verlockend.

Große Erfolge

In seiner Amtszeit bis 1953 nimmt die Gesellschaft einen raschen Aufschwung. Ohne die Absicherung von Risiken kann es keinen Aufschwung geben. Oft vergeben sie Darlehen günstiger als die Banken. Beitz gilt als unbekümmert und unkonventionell, was manchen Altgedienten vor den Kopf stößt. Zudem mag er Manchen zum Schluss zu mächtig geworden sein. Aber er hat großen Erfolg. Einzig die Familie sieht ihn immer seltener und leidet unter der „ewigen Arbeit“.

Begegnung mit Alfried Krupp

Beitz nennt die Begegnung mit Alfried Krupp „reinen Zufall“. Auf Sylt kommt Beitz die Idee, für den Versicherer eine Skulptur anfertigen zu lassen. Jean Sprenger übernimmt die Aufgabe. Und Sprenger ist wiederum ein guter Freund von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach. So lernt Beitz diesen mächtigen Industriellen kennen und sie sich gegenseitig schätzen.

Der wichtigste Spaziergang der Unternehmensgeschichte

Der Spaziergang am 25. September 1952 dauert nur rund eine Viertelstunde. Beitz und Krupp verlassen eine größere Runde im Hamburger Hotel „Vier Jahreszeiten“ und schlendern die Binnenalster entlang. Krupp macht Beitz einen Vorschlag. Er soll ihm dabei helfen, den Konzern wieder aufzubauen. „Sie bekommen eine Generalvollmach, Sie können handeln wie ein Eigentümer und machen, was Sie wollen“, sagt Krupp. Beitz besiegelt seine Zusage mit einem Handschlag.

Warum der Wechsel?

Beitz lockt weder das Geld noch der Ruhm. Und es tut ihm weg genug, Hamburg zu verlassen, um ins graue Ruhrgebiet zu gehen. Vermutlich spielt der Mythos Krupp eine Rolle, aber am Ende ist es nicht mehr und nicht weniger als eine Bauchentscheidung. Beitz sah kein Problem darin, vom Stahlgeschäft nicht viel zu wissen. Er war schon häufig als Fremder in einer Branche hineingekommen und konnte überzeugen.

Immer wieder gibt es Diskussionen, ob die spezielle Konstruktion rechtmäßig ist und dem Konzern nutzt. Zwar hat das Landgericht Essen eine Anfechtungsklage gegen das Entsenderecht zurückgewiesen und es für zulässig erklärt, dass die Stiftung bei der Besetzung von Aufsichtsratsmandaten bevorzugt wird. Gleichwohl sehen Kritiker das Prinzip „Eine Aktie, eine Stimme“ bis heute verletzt.

In der aktuellen kritischen Lage von Thyssen-Krupp sind außerdem die knappen Finanzmittel der Stiftung ein Handicap. Denn der Konzern bräuchte dringend eine Kapitalerhöhung, um seine hohen Schulden abzutragen. Doch den Preis dafür will Beitz nicht zahlen: eine Verwässerung des Stiftungsanteils und den damit verbundenen Machtverlust.

Teil 2: Das Leben bei Krupp

Begegnung mit Alfried Krupp

Beitz nennt die Begegnung mit Alfried Krupp „reinen Zufall“. Auf Sylt kommt Beitz die Idee, für den Versicherer eine Skulptur anfertigen zu lassen. Jean Sprenger übernimmt die Aufgabe. Und Sprenger ist wiederum ein guter Freund von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach. So lernt Beitz diesen mächtigen Industriellen kennen und sie sich gegenseitig schätzen.

Der wichtigste Spaziergang der Unternehmensgeschichte

Der Spaziergang am 25. September 1952 dauert nur rund eine Viertelstunde. Beitz und Krupp verlassen eine größere Runde im Hamburger Hotel „Vier Jahreszeiten“ und schlendern die Binnenalster entlang. Krupp macht Beitz einen Vorschlag. Er soll ihm dabei helfen, den Konzern wieder aufzubauen. „Sie bekommen eine Generalvollmach, Sie können handeln wie ein Eigentümer und machen, was Sie wollen“, sagt Krupp. Beitz besiegelt seine Zusage mit einem Handschlag.

Warum der Wechsel?

Beitz lockt weder das Geld noch der Ruhm. Und es tut ihm weg genug, Hamburg zu verlassen, um ins graue Ruhrgebiet zu gehen. Vermutlich spielt der Mythos Krupp eine Rolle, aber am Ende ist es nicht mehr und nicht weniger als eine Bauchentscheidung. Beitz sah kein Problem darin, vom Stahlgeschäft nicht viel zu wissen. Er war schon häufig als Fremder in einer Branche hineingekommen und konnte überzeugen.

Eiskalter Empfang bei Krupp

Nicht nur Else Beitz ist skeptisch ob des Wechsels ihres Mannes nach Essen. Auch die mächtigen Männer bei Krupp empfangen den neuen Generalbevollmächtigten am 31. Oktober 1953 mit größter Kälte, als Alfried Krupp ihn vorstellt. Sie wagen zwar keinen offenen Widerspruch, aber ihre Blicke sind eindeutig. Beitz Herkunft gilt als zu einfach. Beitz wirft ihnen entgegen, dass sie „auch nur mit Wasser kochen“. Doch seine maßgeschneiderten Anzüge, sein Filmstar-Auftreten und vor allem die Tatsache, dass Beitz nicht aus der Stahlbranche kommt, machen ihm den Einstieg sehr schwer.

Der neue Besen bei Krupp

Krupp war zu diesem Zeitpunkt eine Welt mit ihren eigenen, schwerfälligen Abläufen. Die Angestellten wurden nach alter Sitte „Krupp-Beamte“ genannt. Beitz brachte diese Welt mächtig durcheinander, im positiven Sinne im Hinblick auf die wirtschaftliche Entwicklung. Er stellte fähige Köpfe ein wie Günter Vogelsang, einen 34-jährigen Wirtschaftsprüfer, der so manche Finanzleiche im Keller des Konzerns fand. Später wurde er Krupps Vorstand und am Ende sogar erbitterter Feind von Beitz.

Verhältnis zu Alfried Krupp

Spätestens nach der Scheidung von Vera 1956 war Alfried Krupp ein einsamer Mensch, dem kein Mensch so nahe stand wie Berthold Beitz. Die beiden als Freunde zu bezeichnen, würde es nicht treffen. Sie verbindet die absolute Loyalität. Beitz selbst vergleicht das Verhältnis mit dem eines mittelalterlichen Königs zu seinem ersten Mann am Hofe. Krupp braucht Beitz, weil er sich in größeren Gruppen unwohl fühlt. Das Reden, Austragen von Konflikten und Führen von vielen Menschen liegt ihm nicht. Beitz übernimmt diese Aufgaben dagegen bravourös.

Krupps Imagewandel

Gemeinsam mit Alfried Krupp, der sich beharrlich weigerte, Kriegsgüter für die Nato zu produzieren, verwandelte das Image des Konzerns um 180 Grad. Krupp wurde zu einem positiven Namen in der Welt. Das Unternehmen ist wieder salonfähig, die Geschäfte laufen in den 50er-Jahren gut. Allerdings ist es nun mal nicht so einfach, aus dem Waffengeschäft auszusteigen. Krupp verzichtet auf lukrative Märkte. Zudem sind die Investitionskosten enorm und belasten den Konzern über Jahre hinweg.

Annäherung an den Osten

Beitz ist an der Annäherung an Osteuropa sehr interessiert. Vor allem Polen liegt ihm am Herzen. Schon Ende der 50er-Jahre unternimmt er erste Reisen – auch nach Moskau. Es geht um vordergründig um wirtschaftliche Interessen, aber Beitz hat auch politische Motive. Der Bau der Mauer 1961 erschwert sein Vorhaben. Bei seinem zweiten Moskau-Besuch 1963 gerät er mit Kreml-Chef Chruschtschow aneinander und fokussiert sich seitdem auf die Satellitenstaaten.  

Der Privatmann Berthold Beitz

Beitz bleibt ein Freund der schönen Dinge: Schöne Autos, Urlaube auf Sylt und vor allem höchste ästhetische Ansprüche an seine Kleidung. Doch dahinter steckt keine Eitelkeit: Für Beitz ist ein gepflegtes Erscheinungsbild eine Frage des Respekts vor dem Gegenüber. Der leidenschaftliche Jäger setzt zudem auf Pünktlichkeit, ist aber beseelt von einer relativen Unbeschwertheit. Leider ist es einsam an der Spitze und er vermisst die Party mit Freunden, wie es sie in Hamburg noch gab. Sein Privatleben ist Beitz stets viel zu wichtig, um ihn als Workaholic zu bezeichnen, aber viel Arbeit gibt es dennoch.

Beziehung zu den Kindern

In diesen Jahren hat Beitz nur wenig Zeit für seine Kinder. Zur Erziehung der Töchter gehört ein erhebliches Maß an Strenge. Die Tanzfeste, auf die sie gehen, werden kontrolliert. Sie müssen zeitig daheim sein, Verstöße werden streng gerügt. Lediglich sie spätgeborene Bettina genießt etwas mehr Freiheiten. Allerdings lässt er den Töchtern absolut frei Hand bei der Wahl ihrer Ehemänner. Und diese Wahl findet bei weitem nicht immer seine Zustimmung.

Die Rolle von Else Beitz

Else Beitz führt seit dem Umzug nach ein Leben mit vielen Aufgaben, die sie sogar dazu zu zwingen, die jüngste Tochter Bettina immer wieder dem Personal anzuvertrauen. Sie muss sich um die verwitwete Schwiegermutter und bald um den verwitweten Vater kümmern. Zudem nimmt sie intensiv an Bertholds Leben teil: Else ist auch mit makellosem Auftreten bei Empfängen dabei. Sie holt ihr Abitur nach, studiert und promoviert mit 73 Jahren mit magna cum laude.

Refugium Sylt

Beitz liebt Kampen auf Sylt lange bevor es dem breiten Publikum bekannt wird und ein versnobtes Image bekommt. Zunächst hat er das Reetdachhaus gemietet, 1972 auch gekauft. Gern lädt er Freunde und Bekannte ein. Die hausgemachte Erbsensuppe und seine gegrilltes Steaks sind legendär. Zu seinen Gästen gehört auch Gerhard Schröder. Alfried Krupps Haus ist nicht weit entfernt. So machen langen Abend trinken sie hier gemeinsam Whisky und kommen sich näher als jemals in Essen.

Teil 3: Krupp ohne einen Krupp

Vorbereitung auf den Tod Alfrieds

Seit den späten 50er-Jahren gab es Vorbereitungen, die Nachfolge Alfried Krupps zu regeln. Schon früh wird klar, dass Alfrieds einziger Sohn Arndt, 1958 geboren, nicht zum Nachfolger taugt. Er ist zu weich und seine Homosexualität ist ein entscheidender Hinderungsgrund. Am Ende nötigt ihn nicht zuletzt der enge Vertraute und „Zweitvater“ Beitz, auf das Erbe zu verzichten und dafür zwei Millionen D-Mark pro Jahr zu bekommen.

Die Stiftung

Alfried Krupp hat nun drei Ziele: Die Familie Bohlen und Halbach soll mit Krupp nichts mehr zu tun haben. Zweitens soll die Einheit des Traditionskonzerns gewahrt bleiben und drittens soll es keine Umwandlung in eine Aktiengesellschaft geben, um das Band mit den Kruppianern nicht zu zerreißen. Beitz bringt ihm die Stiftungsidee nahe. Die Stiftung wurde Krupp besitzen, von einem Kuratorium gelenkt werden und gemeinnützige Aufgaben wahrnehmen. Die Entscheidung fällt am 16. September 1966.

Die große Krise

1967 hat Krupp ein massives Finanzproblem, teils selbstverschuldet, teils aber auch wegen der Umstände. Die Stahlbranche leidet unter Überkapazitäten. Gleichzeitig läuft die Wirtschaft insgesamt schlecht. Alfried Krupp weigert sich, dauerhafte Verlustbringer zu verkaufen. Beitz zeigt sich trotz seiner abweichenden Meinung loyal. Das Liquiditätsproblem wird so groß, dass 28 Banken und der Staat helfen müssen. Doch die Bedingungen bedeuten eine Zeitenwende für Krupp: Der Konzern muss einen Vorstand einrichten, einen Aufsichtsrat gründen und eine Bilanz ausweisen.

Beitz’ große Feinde

Der „Spiegel“ schreibt 1966: „Gutaussehend, selbstbewusst und raubeinig hat Beitz Feinde gesammelt und andere Leute Briefmarken“. Drei davon stachen besonders hervor – und am Ende hat Beitz gegen sie alle triumphiert: 1967 wird Günter Vogelsang Vorstandschef und Hermann Josef Abs, Chef der Deutschen Bank, Vorsitzender des Aufsichtsrates. Sie wollen Beitz entmachten und schaffen das auch kurzzeitig. Doch der tut sich mit den Arbeitnehmern, allen voran IG-Metall-Chef Otto Brenner, zusammen, setzt Abs 1970 als Aufsichtsratschef an und übernimmt den Posten selbst. Zwei Jahre später muss auch Vogelsang gehen.

Alfried Krupp stirbt

Inzwischen steht Alfried Krupp längst nicht mehr an der Seite von Berthold Beitz. Der starke Raucher stirbt am 30. Juli 1967 an Krebs. Krupp geht als einsamer Mensch. Nur wenige Menschen trauern an seinem Grab, Berthold Beitz weint. Der ungewöhnliche Bund zwei extrem unterschiedlicher Männer ist beendet. Gemeinsam hatten sie nur, dass sie beide in Essen stets Außenseiter waren.

Iran als Retter

Die Zeiten bleiben schwierig für Krupp und Berthold Beitz. Noch vor dem Ausbruch der Ölkrise gelingt ihm ein großer Coup im Iran: Bereits 1973 nimmt Beitz Kontakt zu Reza Pahlevi auf, dem Schah von Persien. Der Iran will sich als verlässlicher Partner des Westens etablieren. Beitz gewinnt den Schah als Investor und rettet so die finanzielle Unabhängigkeit von Krupp.

IOC-Mitglied und Olympia 1972

Beitz ist zudem Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Sechs Jahre lang organisiert er die Spiele in München 1972. Das Dach des Olympiastadions stammt übrigens von Krupp. Großen Ärger gibt 1980. Beitz hält die Weigerung Deutschlands, Athleten zu den Spielen in Moskau zu schicken, für eine sinnlose Symbolhandlung. Er selbst auf der Tribüne, sehr zum Missfallen der Bundesregierung. Seine aktive Zeit beim IOC endet im September 1988. Die Satzung verlangt, dass man mit 75 Jahren ausscheiden muss.

WG mit Honecker

Beitz hat ein intensives Verhältnis zur DDR. Er und Erich Honecker kommen sich näher. 1993 kommt es im Garten der Villa Hügel zu einem skurrilen Moment: Während eines aufgezeichneten TV-Interviews sagt Beitz, dass Honecker, wenn er nach Deutschland zurückkäme, bei ihm wohnen könne, solange er lebt. Erst nach langem Zureden seines Pressechefs bittet Beitz den Sender, auf die Ausstrahlung dieser Passage zu verzichten. Nach einigem Protest verzichtet die Redaktion dann tatsächlich.

Gerhard Cromme – der neue Mann fürs Grobe

In den 80er-Jahren leidet die deutsche Stahlbranche. Überkapazitäten und stark subventionierte ausländische Konkurrenz sorgen für hohen Druck. Zehntausende verlieren ihren Job. 1987 kommt es auch bei Krupp zu massiven Demonstrationen der Mitarbeiter. Beitz rechte Hand wird ab 1986 Gerhard Cromme, dessen Entschlusskraft und Mut er bewundert. Gemeinsam schließen sie Hütten wie Rheinhausen. Alfried Krupp hätte dem wohl nie zugestimmt, aber die Lage ist allzu ernst.

Abschied aus dem Aufsichtsrat

Im Dezember 1988 lässt Beitz los – endlich, wie viele Kritiker sagen. Er kündigt sein Ausscheiden aus dem Aufsichtsrat an. Doch eine Epochenwende ist das keineswegs. Beitz herrscht weiter über Krupp, nur jetzt eben über die Stiftung. Nichts Wesentliches geschieht gegen seinen Willen. Gerhard Cromme, der 1989 neuer Vorstandsvorsitzender wird, ist ihm gegenüber loyal. Ihnen gelingt die Übernahme von Hoesch und es folgt eine Ära des Wiederaufstiegs.

Fusion mit Thyssen

Seit 1996 planen Beitz, Cromme und einige weitere Vertraute die feindliche Übernahme des großen Konkurrenten Thyssen. Es wird ein jahrelanges, kompliziertes Unterfangen. Am Ende wird es keine Übernahme, sondern eine Fusion. Der neue Konzern hat zumindest übergangsweise zwei Vorstandschefs (Cromme und Ekkehard Schulz) und gehört zu einem Drittel Krupp und zu zwei Dritteln Thyssen. Die Fusion kostet 2000 Menschen den Job, doch die entstehen bald wieder neu.

Die Macht der Krupp-Stiftung

Nach der Fusion hält die Stiftung zunächst nur noch 18 Prozent der Anteile am neuen Konzern. 2006 nimmt sie viel Geld in die Hand, erhöht den Anteil auf 25,33 Prozent und hält damit die Sperrminorität. Viel wichtiger aber ist, dass sie drei Mitglieder des Aufsichtsrates stellt. Eine Übernahme ist somit praktisch ausgeschlossen, da die Arbeitnehmervertreter ja auch dagegen wären.

Förderer und Geehrter

Beitz ist ein großer Spender und Kultur-Förderer. Seine in dieser Hinsicht größte Tat ist der Bau des Folkwang-Museums in Essen. Nach langem Hin und Herr mit Stadt, Land und Bund entschließt sich Beitz am Ende, es allein zu bauen. Wegen dieser Taten und der Versöhnungspolitik mit Ostblockstaaten bekommt er die höchsten Ehrungen in Polen und den Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterblatt.

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