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18.09.2013

18:05 Uhr

Kündigungsverzicht

Thyssen-Krupp-Arbeiter müssen Einkommenseinbußen hinnehmen

Hohe Verluste durch Abschreibungen stürzten Thyssen-Krupp in die Krise. Für die Beschäftigten heißt es nun Aufatmen: Die 20.000 Jobs sind bis 2020 gesichert. Im Gegenzug müssen die Arbeitnehmer aber Kompromisse eingehen.

Thyssen-Krupp hatte im zurück liegenden Geschäftsjahr Milliardenverluste verzeichnet, deren Hauptursache milliardenschwere Fehlinvestition in Übersee waren. Reuters

Thyssen-Krupp hatte im zurück liegenden Geschäftsjahr Milliardenverluste verzeichnet, deren Hauptursache milliardenschwere Fehlinvestition in Übersee waren.

DuisburgBeim kriselnden ThyssenKrupp-Konzern sollen rund 20.000 Stahlkocher ab Herbst kommenden Jahres deutliche Abstriche beim Einkommen hinnehmen. Hintergrund ist eine geplante Reduzierung der Arbeitszeit ohne vollen Lohnausgleich. Im Gegenzug sei geplant, bis zum Jahr 2020 auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten, berichtete die IG Metall am Mittwoch nach einer Sitzung der zuständigen Tarifkommission.
Hintergrund sei neben der schwierigen Lage in der Stahlbranche auch die aktuelle Situation des Konzerns, sagte ein IG Metall-Sprecher in Düsseldorf. Das Unternehmen hatte zuvor die Streichung von 2000 Stellen im europäischen Stahlgeschäft angekündigt. Davon sollen 1300 Stellen bei der Gesellschaft Steel Europe AG entfallen.

Der Personalabbau werde nun sozialverträglich auch über Modelle zur Altersteilzeit erfolgen, so die IG Metall. Ein ThyssenKrupp-Sprecher kündigte für die nächsten Tage eine Erklärung an. Die Betriebsrat des Konzerns müssen der Vereinbarung nach zustimmen.

Für die Beschäftigten werde es keinen vollen Lohnausgleich geben, berichtete die Gewerkschaft. Geplant sei eine auf vier Jahre befristete Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf zunächst 31 Stunden ab Oktober kommenden Jahres. Bezahlt werden sollen jedoch 32 Stunden.

Die größten Baustellen von Thyssen-Krupp

Einleitung

Im Geschäftsjahr 2012/13 fuhr Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust ein. Mit einem Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro fiel dieser zwar niedriger aus als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor. Die Aktionäre müssen jedoch erneut auf eine Dividende verzichten. Das könnte auch im neuen Geschäftsjahr 2013/14 der Fall sein. Thyssen-Krupp will zwar operativ zulegen, für einen Nettogewinn könnte es aber erneut nicht reichen. Zudem schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte, sondern auch das Geschäft mit dem Werkstoff in Europa und mit Teilen für die Automobilindustrie.

Ertragsschwäche

Thyssen-Krupp fuhr im Geschäftsjahr 2011/12 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Euro ein. In den ersten neun Monaten des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/13 waren es rund 1,2 Milliarden Euro. Analysten zufolge schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte. Auch das europäische Stahlgeschäft, der Großanlagenbau, der Verkauf von Autoteilen und die Aufzugssparte hätten im Geschäftsjahr weniger verdient. Der Handel mit Werkstoffen und das Dienstleistungsgeschäft habe hingegen zugelegt.

Stellenabbau

Für Unruhe im Konzern sorgen auch die Pläne zum Abbau tausender Arbeitsplätze. In der Verwaltung sollen 3000 Jobs wegfallen. In der Stahlsparte will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze abbauen. Weitere 1800 Stellen könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen. „Wir bügeln damit auch die Managementfehler der Vergangenheit aus“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath in einem Reuters-Interview gesagt. Thyssen-Krupp will damit die Kosten um 500 Millionen Euro senken. Die Summe ist Teil der insgesamt geplanten Einsparungen des Konzerns bis 2014/15 von nun 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigt rund 156.000 Mitarbeiter, davon etwa 58.000 in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist nach den Worten von Personalvorstand Oliver Burkhard derzeit nicht geplant.

Fehlinvestitionen in Übersee

Nach einer langen Hängepartie konnte Thyssen-Krupp das Weiterverarbeitungswerk in den USA verkaufen. Das verlustreiche Rohstahlwerk in Brasilien hängt dem Konzern immer noch wie ein Klotz am Bein. Thyssen-Krupp muss neue Abnehmer für den Werkstoff in Nord- und Südamerika finden, da das US-Werk künftig weniger abnimmt. Die Kosten für beide Werke waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert, mehr als acht Milliarden entfielen auf Brasilien. Das US-Werk bleibt bis zu der erhofften Freigabe des Deals durch die Regulierungsbehörden noch für Monate in den Büchern. Thyssen-Krupp erwartet in der Sparte weitere Verluste - wenn auch niedrigere als bislang.

Schulden

Dem Konzern sitzen die Ratingagenturen im Nacken. Thyssen-Krupp drücken Schulden von fünf Milliarden Euro. Das Eigenkapital schmolz zwischenzeitlich von 4,5 Milliarden auf 2,5 Milliarden Euro zusammen, durch eine im Dezember 2013 durchgezogene Kapitalerhöhung konnte es inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro aufgebessert werden. Die Eigenkapitalquote ist einer der niedrigsten Werte eines Dax-Konzerns. Gespräche mit Banken sorgten Ende September für Erleichterung, nachdem dieser Wert über die Marke von 150 Prozent gestiegen war.

Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe

Der Mischkonzern wird immer wieder von Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will eine neue Unternehmenskultur, in der für krumme Geschäfte kein Platz ist. Bei illegalen Preisabsprachen war Thyssen-Krupp ein Wiederholungstäter. Einem Aufzugskartell folgten Kungeleien mit Schienenherstellern. Hier einigte sich Thyssen-Krupp nun mit der Deutschen Bahn auf Schadensersatz. Wie ein Damoklesschwert hängt zudem der Verdacht über dem Konzern, sich auch an einem möglichen Kartell von Herstellern von Blechen für die Automobilindustrie beteiligt zu haben. Ob sich dieser Verdacht bestätigt, ist offen. Sollte dies aber der Fall sein, wären die Konsequenzen nicht abzuschätzen - die Autoindustrie gehört zu den größten Kunden von Thyssen-Krupp. Welchen Stellenwert die Aufarbeitung der Verstöße hat, zeigte sich auch auf der Hauptversammlung im Januar 2014: Dort schuf Thyssen-Krupp für den ehemaligen Metro-Manager Donatus Kaufmann einen neuen Vorstandsposten für Compliance.

Ramponierter Ruf

Der Ruf des einst stolzen Unternehmens ist durch Pleiten, Pech und Pannen und die Korruptionsvorwürfe ramponiert. „Es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, hat Konzernchef Hiesinger beklagt. Er will aufräumen und eine neue Unternehmenskultur einführen, in der Seilschaften und blinde Loyalität nicht wichtiger sind als unternehmerischer Erfolg. Dafür braucht er die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat.

Nach Angaben der Gewerkschaft müssen Stahlkocher dadurch auf rund 150 Euro brutto im Monat verzichten. Denkbar sei aber auch eine Verrechnung mit dem Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Anschließend solle es bis 2020 schrittweise eine Rückkehr zur 35-Stunden-Woche geben. Sollte es eine wirtschaftliche Verbesserung geben, könne auch über eine Anpassung des Tarifvertrags verhandelt werden.

„Alle verzichten auf etwas, damit alle ihren Arbeitsplatz behalten können“, sagte der nordrhein-westfälische IG Metall-Bezirksleiter Knut Giesler. Damit leisteten die Beschäftigten einen Beitrag zur wirtschaftlichen Stabilisierung des Konzerns.

Der Essener Konzern hatte zuletzt bei der Vorlage seiner Quartalszahlen im vergangenen Monat über eine „unzureichende Ergebnissituation“ und sinkende Auftragseingänge in seinem europäischen Stahlgeschäft geklagt. Zusätzlich belastet wird das Unternehmen über den sich hinziehenden Verkauf seiner Übersee-Stahlwerke in Brasilien und den USA, die sich als Milliardengrab erwiesen haben.

Von

dpa

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

19.09.2013, 00:22 Uhr

Jupp, der nächste Schritt in Richtung Niedriglohn. Gut, für das Überleben der Firma mag das wichtig und richtig sein.

Aber was mich ärgert ist die Sturköpfigkeit unsere ReGIERung, die immer noch meint der Euro bringt uns Wohlstand. Egal, an welchem Tag man in welcher Zeitung liest, überall werden immer mehr Stellen abgebaut. Trotzdem wird weiter "gerettet".

Schimmlinger

19.09.2013, 12:21 Uhr

Eigentlich müßten die Manager, die so dilletantisch vorgegangen sind, mit ihrem Privatvermögen haften. Jetzt müssen die Leute von der Basis für den Schaden des Managements aufkommen.
Wenn man bedenkt, wieviele vermeidbare Fehler gemacht worden sind, muß man sich schon fragen, wofür Cromme und Kollegen ihr Geld bekommen haben. Ach ja, den "Goldenen Abschiedshandschlag" darf man ja auch nicht vergessen.

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