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19.01.2010

19:53 Uhr

Laufzeitverlängerungen

Atomkraft spaltet Energiebranche

VonJürgen Flauger, Klaus Stratmann

Die von der Bundesregierung geplante Kehrtwende in der Atompolitik polarisiert die deutsche Energiewirtschaft. Während die Kernkraftwerksbetreiber auf eine zügige Verlängerung der Laufzeiten drängen, fürchten Stadtwerke eine massive Benachteiligung. Sie warnen vor einer Verzerrung des Wettbewerbs durch die längeren Laufzeiten. Das Bundeskartellamt teilt ihre Bedenken.

Atomkraftwerk Isar in Markt Essenbach in der Nähe von Landshut. Die Laufzeitverlängerung spaltet Politik und Energiebranche. ap

Atomkraftwerk Isar in Markt Essenbach in der Nähe von Landshut. Die Laufzeitverlängerung spaltet Politik und Energiebranche.

BERLIN. „Die von vielen Politikern als Brücke in die Zukunft bewertete Verlängerung der Laufzeiten der Kernkraftwerke bedroht massiv Wettbewerb und Innovation auf dem Energiemarkt“, kritisierte am Dienstag die Interessengemeinschaft von acht der größten deutschen Regionalversorger, 8KU, am Rande der Handelsblatt-Jahrestagung Energiewirtschaft 2010.

Die Unternehmen rechnen mit milliardenschweren Belastungen und fürchten, Marktanteile gegenüber den Branchenriesen zu verlieren. Diese Befürchtung teilt der neue Präsident des Bundeskartellamts, Andreas Mundt. Er schlägt deshalb vor, in der Frage der Laufzeitverlängerung nicht allein über einen finanziellen Ausgleich zu verhandeln. Das Thema habe eine „starke wettbewerbliche Komponente“, sagte Mundt. Möglicherweise müssten die vier Kernkraftwerksbetreiber Kapazitäten abgeben.

Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat sich in ihrem Koalitionsvertrag grundsätzlich darauf geeinigt, den 2000 von der damaligen rot-grünen Regierung mit den vier AKW-Betreibern Eon, RWE, EnBW und Vattenfall ausgehandelten Beschluss zum Atomausstieg zu revidieren. Die Laufzeiten der Kernkraftwerke sollen verlängert werden. Die Details sind aber offen und sollen in den kommenden Monaten zwischen der Regierung und den Unternehmen ausgehandelt werden.

Kartellamtspräsident Mundt appellierte an die Politik, auch die Stadtwerke in die Diskussion über die Laufzeitverlängerung einzubeziehen. Nach Auffassung der Wettbewerbshüter könnten die zur Verlängerung anstehenden Kapazitäten „durchaus auch an andere Inhaber gehen“. Alternativ wäre aus Sicht des Kartellamts denkbar, dass die vier Kernkraftwerksbetreiber zwar die Verlängerungskapazitäten selbst nutzen, dafür aber fossile Kraftwerkskapazitäten an andere abgeben. Auch eine Kombination aus der Weitergabe von Kapazitäten und finanziellem Ausgleich sei denkbar.

Damit spricht das Kartellamt den Kommunalversorgern aus der Seele. Die Stadtwerke fürchten um ihre Stellung im deutschen Strommarkt. Viele Stadtwerke hatten in den vergangenen Jahren Investitionen in neue Gas- und Kohlekraftwerke sowie Windparks in Angriff genommen. Sie wollen so die Marktmacht der vier Großkonzerne brechen, die bislang mehr als 80 Prozent der Stromerzeugung kontrollieren. Die Investitionen lohnen sich aber nur bei hohen Preisen im Stromhandel. Die Stadtwerke haben dabei ein stetig sinkendes Angebot von billigem Atomstrom einkalkuliert.

Kommentare (5)

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cargocult

20.01.2010, 09:10 Uhr

Da sieht man es mal nebenbei was Atomausstieg und Strom aus Windrädern eigentlich kostet. Wenn sich jetzt Stadtwerke beschweren, dass ihre "im Hinblick auf den Atomausstieg" getätigten investitionen in Windräder und flankierende Gas/Kohlekraftwerke entwertet würden, alleine dadurch, dass andere investitionen nicht so schnell entwertet werden. Wer hat wohl die 'investitionen' bezahlt ? Eben verspekuliert. Demnächst will der Verband der bienenzüchter auch noch mitreden.

Mehr Wettbewerb heisst hoffentlich neuerdings nicht, dass Rationalität ausser Kraft gesetzt wird. Man kann eben mit einem Park Windspargel und ein paar Gasturbinen nicht gegen ein Atomkraftwerk anstinken. Economies of Scale. Der Greenpeace-Gründer hat seinen Frieden mit dieser Tatsache schon gemacht. Andere werden Folgen.

Querdenker22

20.01.2010, 09:29 Uhr

Atomkraft ist nicht billig. Die Kosten werden nur über enorme Zuschüsse an Steuern umverteilt.
Allein füe die - CDU hausgemachten - Probleme der ASSE kosten mehere Milliarden.

cargocult

22.01.2010, 21:47 Uhr

Lieber Querdenker22, Parteipolitik hilft hier nicht weiter. Asse haben alle zu verantworten, die den Nuklearbrennstoffkreislauf aufgegeben haben, ohne das Konzept in über 20 Jahren durch irgendwas Adäquates zu ersetzen, also wirklich alle.

Übrigens wurden zu Zeiten von SPD-Regierungen also von 1969 bis 1982 die meisten Atommeiler in betrieb gesetzt. Es gab einmal ein paar führende Leute in der SPD (Leber, Schmidt u.a.), die Technik noch für ein vernünftig gestaltbares Merkmal des Fortschritts, mithin für nutzbringend hielten.

Die Energiesteuern und Umlagen gehen überall hin, nur nicht in die Atomenergie. Was die Atomforschung jemals an Steuern gekostet hat, dürfte schon tausendfach bezahlt sein.

Tatsache ist, dass wir momentan Energieträger und die dazu passende infrastruktur verfrühstücken, die eine extreme Energiedichte aufweisen. Von den bisher bekannten Techniken hat davon nur die Atomengie einen sicher auf fünf oder mehr Jahrzehnte angelegten Horizont, das aber nur wenn wir nicht aufhören, zu investieren.

Nachdem mittlerweile alle begriffen haben, dass Sonne, Wind und Wasser sehr wechselhaft auftreten, soll es Speichertechnik richten. bisher hat aber noch nicht mal im bereich der Grundlagenforschung jemand eine zündende idee, was der Speichermechanismus sein könnte. Von der ersten Kernspaltung zum Atomkraftwerk hat es 30 Jahre gedauert. Die Speichertechnik 'Kernkraft' war dann ca. 60 Jahre bekannt (E=mc2).

Also reden wir mal von dem was wir bezahlbar haben, bleiakkus: ein Normalhaushalt mit 400 kWh monatl. Stromverbrauch, benötigt zu Speicherung der täglich benötigten Stromenergie ca. 45 bleiakkus a 40Ah. Hocheffiziente Lade- und Wandlertechnik vorausgesetzt kommen dazu ca. 8 qm Solarzellen. Wenn die Sonne tagelang nicht richtig scheint, müssen hier Faktoren drauf. Dann haben wir weder einen Aufzug betrieben noch geheizt oder geduscht.
Also für berlin mit ca. 2 Mio Hauhalten, ca. 20 qkm Solarmodule und 90 Mio bleiakkus allein für die heutige Haushaltsstromversorgung. Pufferzeit ein Tag, dann geht das Licht aus. S-bahn u.ä. geht extra. Man kann das jetzt beliebig variieren, paar mehr Windräder, vielleicht ein Pumpspeicher auf dem Teufelsberg oder in Schweden, andere Akkus oder Superkondensatoren, bitte, es ändert nicht viel.
ist das unser Weg?

Nein, Kohle-, Gas- und Stromimport, dass die Schwarte kracht, wird die Folge sein.
Energieautonomie rein auf basis EE, dazu noch lokal, ist eine romantische idee, die nicht zu Ende gedacht ist. ich fürchte sogar, es wurde noch nicht mal angefangen zu denken.

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