Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.06.2014

19:12 Uhr

Laut Medienbericht

VW will umstrittenes Kältemittel einsetzen

Laut einem Medienbericht erwägt VW den Einsatz des umstrittenen Kältemittels R1234yf in Klimaanlagen als Übergangslösung. Mit diesem Entschluss könnten die Wolfsburger für einige Verstimmung in der Branche sorgen.

VW plant anscheinend einen Einsatz des umstrittenen Kältemittels R1234yf. Das Mittel steht in der Kritik, weil eine zu hohe Brandgefahr von ihm ausgehen soll. Eigentlich hatten die deutschen Autobauer gemeinschaftlich erklärt, das Mittel nicht verwenden zu wollen. dpa

VW plant anscheinend einen Einsatz des umstrittenen Kältemittels R1234yf. Das Mittel steht in der Kritik, weil eine zu hohe Brandgefahr von ihm ausgehen soll. Eigentlich hatten die deutschen Autobauer gemeinschaftlich erklärt, das Mittel nicht verwenden zu wollen.

HamburgVolkswagen erwägt einem Medienbericht zufolge nun doch den Einsatz des umstrittenen Auto-Kältemittels R1234yf. Der Wolfsburger Konzern schließe eine größere Bestellung der Chemikalie nicht mehr aus, berichtete „Spiegel-Online“ am Donnerstag unter Berufung auf nicht näher bezeichnete Unternehmenskreise. VW erklärte, man stehe zu der Ankündigung, seine Fahrzeugflotte sukzessive mit dem umweltfreundlicheren Kältemittel CO2 auszurüsten. Das europäische Recht schreibe vor, dass das bisherige Mittel R134a ab 2017 in Neuwagen nicht mehr verwendet werden dürfe. Ein direkter Umstieg auf CO2 wäre aber nur möglich, wenn die entsprechende EU-Richtlinie geändert würde.

Damit ließ VW erkennen, dass man eine Übergangslösung braucht. Welche das sein könnte, ließ der Konzern offen. Nach Meinung von Experten liegt auf der Hand, dass dies nur R1234yf sein kann. VW erklärte dazu lediglich, zurzeit werde das neue Kältemittel R1234yf nicht eingesetzt. Bei eigenen Untersuchungen sei keine Gefährdung durch die Chemikalie festgestellt worden.

VW-Konkurrent Daimler weigert sich wegen der Brandgefahr, das von Honeywell und Dupont hergestellte Mittel in Klimaanlagen zu verwenden. Die EU-Kommission hat gegen Deutschland deshalb ein Vertragsverletzungsverfahren eröffnet. Denn in der EU ist seit dem vergangenen Jahr für Neuwagen das klimaschonendere R1234yf vorgeschrieben. Diese Chemikalie wurde nach Verabredung der Autohersteller weltweit entwickelt und erfüllt als einzige die Vorgaben.

Bei Unfallsimulationen von Daimler hatte sich R1234yf entzündet, gefährliche Säure war entwichen. Daraufhin entschlossen sich die Stuttgarter, vorerst weiter das bisherige Mittel zu verwenden - bis das umweltfreundliche Alternative CO2 als Kältemittel eingesetzt werden kann.

Wissenswertes rund um Autokältemittel

Der komplizierte Name

R1234yf ist ein organsicher, fluorierter Stoff (Summenformel C3H2F4). Die international genormte Bezeichnung des neuen Kältemittels ist R1234yf. Das R steht für den englischen Begriff für Kältemittel (Refrigerant).

Warum neue Kältemittel für Autoklimaanlagen?

Um die Erdatmosphäre zu schonen. Bisher wurde in Fahrzeugklimaanlagen als Kältemittel das fluorierte Treibhausgas Tetrafluorethan (R134a) eingesetzt. Die Richtlinie 2006/40/EG über Emissionen aus Klimaanlagen in Kraftfahrzeugen verbietet den Einsatz dieses Stoffes in neuen Typen von Pkw und Pkw-ähnlichen Nutzfahrzeugen.

Als mögliche alternative Kältemittel  wurden Kohlendioxid (CO2) und ein fluorierter Stoff, 2,3,3,3‑Tetrafluorpropen (R1234yf), von der Automobilindustrie betrachtet. Aus Klimaschutzgründen favorisiert das Umweltbundesamt CO2 als Kältemittel für Automobilklimaanlagen.

Welche Fristen gelten?

Die EU-Kommission gibt vor: Ab 1. Januar 2011 müssen alle neuen Typen bei Pkw- und Pkw- ähnlichen Nutzfahrzeugen mit einem Kältemittel ausgestattet werden, das einen GWP von 150 oder geringer hat.

Ab dem 1. Januar 2017 müssen alle neuzugelassenen Pkw mit einem Kältemittel ausgestattet werden, das einen GWP von 150 oder geringer hat.

Was bedeutet GWP?

GWP steht für global warming potential (deutsch: Treibhauspotential). Ein GWP-Wert von 1430 (wie beim Kältemittel R134a) bedeutet, dass ein Kilogramm R134a eine 1430 mal stärkere Wirkung auf die Erhöhung des Treibhauseffektes hat als ein Kilogramm Kohlendioxid (CO2). Für die Treibhauswirkung von CO2 wurde ein GWP von 1 festgelegt.

1234yf - Eigenschaften

R1234yf ist als Kältemittel ein relativ neuer Stoff. R1234yf ist brennbar bzw. leicht entzündlich und bildet an heißen Oberflächen und beim Verbrennen Fluorwasserstoff. Im Fall eines Fahrzeugbrandes, der in Deutschland etwa 20.000 bis 30.000 mal pro Jahr vorkommt, entsteht aus dem Kältemittel auch Flusssäure, die bei Menschen schwere Verätzungen hervorrufen kann. Die Bildung von anderen sehr giftigen Gasen wie Carbonyldifluorid (COF2) wird vermutet.

R1234yf hat ein für die Erfüllung der EU-Richtlinie ausreichend niedriges Treibhauspotential, das früher mit 4 und mittlerweile mit 1 angegeben wird. Nachteilig ist aber, neben der Brennbarkeit, die technische Möglichkeit, in Fahrzeugklimaanlagen mit 1234yf das klimaschädliche R134a nachzufüllen, warnt das Umweltbundesamt. Außerdem zerfällt R1234yf in der Atmosphäre in die algengiftige und kaum abbaubare Trifluoressigsäure (kurz TFA), die sich in Gewässern anreichert. .

Kohlendioxid

Kohlendioxid ist deutlich weniger klimaschädlich als der zuvor benutzte Stoff R134a, es unterbietet ihn sogar um mehr als das Tausendfache. Außerdem ist Kohlendioxid  weder brennbar noch giftig, wenn auch nicht komplett ungefährlich. Und im Gegensatz zu R1234yf, das einzig von den Chemiekonzernen Honeywell und Dupont vertrieben werden darf, ist es preiswert und als industrielles Nebenprodukt leicht verfügbar.

Bei stationären Klimaanlagen wird CO2 bereits seit längerer Zeit eingesetzt. Im Auto jedoch sind entsprechende Klimaanlagen noch nicht serienreif. Hersteller und Zulieferer arbeiten seit Jahren daran, hatten die Entwicklung nach der Branchenentscheidung für R1234yf jedoch nicht mehr forciert.

Größtes Problem der CO2-Technik ist, dass sie mit höheren Drücken arbeitet als die bisher gängigen Systeme und deshalb neue, daran angepasste Klimaanlagen benötigt. Die Entwicklung und Serieneinführung der Anlage ist für den Hersteller mit höheren Investitionskosten verbunden.

Linkliste

Volkswagen hatte bislang den Eindruck vermittelt, das neue Kältemittel nicht verwenden zu wollen. „Spiegel-Online“ hielt den Wolfsburger deshalb vor, eine gefährliche Kehrtwende hinzulegen. Monatelang habe Europas größter Autobauer in der Öffentlichkeit die Vorteile des ungefährlichen, aber teureren Kältemittels CO2 für Auto-Klimaanlagen propagiert. Stets hätten die Wolfsburger beteuert, schnellstmöglich auf diese Technologie umzusteigen.

Mit der Kehrtwende von VW stehe auch die Allianz der deutschen Autobauer auf dem Spiel. Denn mit dem Bekenntnis, künftig Klimaanlagen mit dem natürlichen Kältemittel CO2 zu befüllen, hätten sich die deutschen Autokonzerne VW, BMW und Daimler gegenüber der EU positionieren können.

Von

rtr

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×