Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.06.2011

18:27 Uhr

LBBW-Studie

Energiewende kostet die Atomkonzerne Milliarden

VonJürgen Flauger

ExklusivDeutschlands Stromkonzern müssen sich durch die Energiewende auf Einbußen in Milliardenhöhe einstellen. Eine Studie der LBBW zeigt: Der rasche Atomausstieg belastet die Konzernbilanzen. VON JÜRGEN FLAUGER

Das Abschalten der Atomkraftwerke kommt die Energieriesen teuer zu stehen. Quelle: dapd

Das Abschalten der Atomkraftwerke kommt die Energieriesen teuer zu stehen.

Die von der Bundesregierung beschlossene Wende in der Atompolitik vernichtet bei den Energiekonzernen Werte von bis zu 22 Milliarden Euro. Besonders Eon muss sich auf kräftige Einbußen einstellen. Einen Teil der Verluste in der Atomstromproduktion können die Konzerne aber vermutlich mit ihren Kohle- und Gaskraftwerken wieder wettmachen. Das geht aus einer Studie der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) hervor, die dem Handelsblatt vorliegt und die die Auswirkungen des raschen Atomausstiegs erstmals ausführlich analysiert.

Die Analysten haben unter realistischen Annahmen für Produktionskosten, Strompreise, Auslastung, Steuern und Zinsen in mehreren Szenarien errechnet, mit welchen Nettogewinnen die Unternehmen nach der erst im vergangenen Herbst beschlossenen Laufzeitverlängerung kalkulieren konnten und mit welchen sie jetzt, beim beschleunigten Ausstieg, nur noch rechnen dürfen. In dem die Analysten zukünftige Gewinne abgezinst haben, haben sie daraus den gegenwärtige Wert, den Barwert, errechnet.

Im ersten Szenario kalkuliert die LBBW mit einem Anstieg der Strompreise im Großhandel um jährlich drei Prozent. Hier konnten die vier Atomkonzerne Eon, RWE. EnBW und Vattenfall Europe nach der Laufzeitverlängerung mit einem Barwert von bis zu 34,4 Milliarden Euro kalkulieren, weil sie das letzte ihrer 17 Kernkraftwerke erst nach 2035 hätten abschalten müssen.

Beim jetzt beschlossenen Atomausstieg bis 2022 verringert sich der Barwert dramatisch – auf 12,8 Milliarden Euro. Eon müsste einen Wertverlust um 8,6 auf 6,0 Milliarden Euro hinnehmen, RWE um 5,9 auf 2,3 Milliarden. Bliebe der Strompreis konstant, würde sich der Barwert für alle Konzerne von 28,6 auf 11,8 Milliarden Euro verringern.

Die Unternehmen können aber vermutlich einen Teil der Einbußen wettmachen, weil sie mit ihren Gas- und Kohlekraftwerken mehr verdienen. Für Eon dürfte aber unter dem Strich auch so ein Wertverlust von über vier Milliarden Euro stehen. Bei Konkurrent RWE, der viele Braunkohlekraftwerke hat, könnte je nach Entwicklung der Strompreise unter dem Strich dagegen sogar ein leichtes Plus stehen.

Die Details des schwarz-gelben Atomausstiegs

Sicherheitspuffer

Die meisten Meiler sollen bis 2021 vom Netz, drei AKW sollen bei Bedarf bis 2022 Strom produzieren. Sie sind eine Art Sicherheitspuffer, falls es mit der Energiewende nicht schnell genug vorangeht.

Stilllegung

Die sieben ältesten Meiler und das AKW Krümmel werden stillgelegt - allerdings soll ein AKW als stille Reserve in einem „Stand By“-Modus gehalten werden.

Strommangel

Gerade an trüben, kalten Wintertagen gibt es kaum Solarstrom und da die EU-Nachbarn ihren Strom selbst brauchen, verringert sich eine Abfederung von Engpässen durch Importe. Laut Bundesnetzagentur könnten gerade im Süden bis zu 2000 Megawatt fehlen, das entspricht in etwa der Leistung von zwei AKW.

„Stand by“-Modus

Zwar sollen acht AKW stillgelegt werden, aber ein Kraftwerk soll als stille Reserve im „Stand by“-Modus vorgehalten werden. Zeichnen sich Engpässe ab, könnte der Meiler wieder Strom produzieren.

Kosten

Die Kosten für das "Stand-by"-Kraftwerk könnten bis zu 50 Millionen Euro pro Jahr betragen. Im Gespräch sind Philippsburg I oder Biblis B. Entscheiden soll die Bundesnetzagentur.

Keine Revisionsklausel

Ausdrücklich betonte Röttgen, dass der Prozess unumkehrbar sei. „Es wird keine Revisionsklausel geben“, sagte der CDU-Politiker mit Blick auf entsprechende Kritik der Opposition.

Atomsteuer

Die Atomsteuer bleibt. Bisher sollten bis 2016 rund 2,3 Milliarden pro Jahr aus der Kernbrennstoffsteuer in die Kassen des Bundes fließen. Bei einem Aus für bis zu acht AKW verringern sich die Einnahmen auf 1,3 Milliarden Euro pro Jahr.

Ökoenergie-Fonds

Zudem muss der zur Abschöpfung der Gewinne aus längeren Laufzeiten eingerichtete Fonds zum Ausbau der Ökoenergien reformiert werden. Bei einer Rücknahme der Laufzeitverlängerung werden die geplanten Zahlungen in den Fonds von rund 16 Milliarden Euro hinfällig.

Planungsbeschleunigungsgesetz

Die Koalition will zudem für raschere Planungsverfahren in Deutschland sorgen, um schneller auf erneuerbare Energien umschwenken zu können. So soll es ein Gesetz für einen beschleunigten Ausbau der Stromnetze sowie ergänzend dazu ein Planungsbeschleunigungsgesetz für Kraftwerke und Speicher geben.

Überwachung der Fortschritte

Vorgesehen ist nun, dass ein Monitoringprozess die Fortschritte bei dem angestrebten Umstieg auf Erneuerbare Energien kontrollieren soll. Kriterien sollen dabei Bezahlbarkeit, Umweltverträglichkeit und Versorgungssicherheit sein.

Jährliche Berichte

Das Statistische Bundesamt, die Bundesnetzagentur, das Bundesumweltamt und das Bundeskartellamt sollen gemeinsam den Prozess überwachen und einen jährlichen Bericht vorlegen. Das Wirtschaftsministerium wird zudem regelmäßig über Fortschritte beim Netzausbau berichten, das Umweltministerium über den Ausbau der Erneuerbaren Energien.

Sanierungsförderung

Die Sanierung von Häusern und Wohnungen soll auch künftig massiv gefördert werden. Im Zuge der Energiewende sollten dafür 2012 rund 1,5 Milliarden Euro zur Verfügung stehen, hieß es. Ferner sollten die Sanierungskosten leichter von der Steuer absetzbar sein.

Konsens mit der Opposition

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) präsentierte ihre Ergebnisse am Sonntagabend den Partei- und Fraktionschefs von SPD und Grünen. Ob sie tatsächlich ins Boot zu holen sind, muss sich zeigen. Aber er es ist schon ungewöhnlich, dass Merkel derart auf die Opposition zugeht. Die SPD scheint eher zu einem Konsens bereit als die Grünen.

Kommentare (15)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

02.06.2011, 18:56 Uhr

Die großen Konzerne sollten besser wieder in viele kleine zerlegt werden. Weniger zentral klotzen, mehr dezentral kleckern MUSS die Devise sein. Die Kommunen müssen wieder Energie- und Wasserautark werden, so dass sie nicht mehr erpressbar sind. Das gäbe zudem wieder mehr Arbeitesplätze dort, wo die Menschen wohnen. Und auch die vielen Überlandleitungen wären nicht notwendig.

DieFreiheit

02.06.2011, 19:03 Uhr

Ist schon komisch. Zunächst hieß es die längeren Atomlaufzeiten von Schwarz-Geld (Ausstieg vom Ausstieg) würde für die Konzerne einen Mehrgewinn von 100 Milliarden Euro bedeuten. Nun nach dem (Austieg vom Ausstieg vom Ausstieg) sollen sie 22 Milliarden Euro weniger bekommen. Macht immer noch einen Gewinn von über 78 Milliarden Euro. Da kann man nicht meckern, als Atomboss bzw. da meckert man auf hohem Niveau.

jwildeboer

02.06.2011, 19:08 Uhr

Wurden bei dieser Analyse auch die vorhandenen gesetzlich vorgeschriebenen Rückstellungen der Kernkraftbetreiber berücksichtigt? In 2008 immerhin 27,8 Mrd Euro - die zweckgebunden genau für diesen Fall angelegt wurden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×