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10.10.2011

18:25 Uhr

Lebensmittelhersteller

So kämpft die Branche um ihr Image

VonChristoph Kapalschinski

Verbraucherkritik und Lebensmittelskandale: Nahrungsmittelhersteller stehen derzeit oft in der Kritik. Die Messe Anuga soll dazu beitragen, den Ruf der Branche zu verbessern - um dann der Billigfalle zu entkommen.

Flaggen mit dem Logo der der Allgemeinen Nahrungs- und Genussmittel-Ausstellung (Anuga). dapd

Flaggen mit dem Logo der der Allgemeinen Nahrungs- und Genussmittel-Ausstellung (Anuga).

KölnDer Forscher hatte eine Warnung an die versammelten Spitzenmanager mitgebracht: "Wir erleben eine Moralisierung des Essens." Ja, es komme sogar noch schlimmer: "Die Menschen werden in den kommenden Jahren die Lebensmittel immer weiter romantisieren." Was David Bosshart, Chef des Züricher Beratungsinstituts GDI den Lebensmittel-Managern bei der weltgrößten Branchenmesse Anuga in Köln am Wochenende zu sagen hatte, trifft den wundesten Punkt der industrialisierten Nahrungsmittel-Branche: Sie kämpft um ihren guten Ruf.

Heftige Kritik von professionellen Verbraucherschützern und echte Lebensmittelskandale treffen die Versuche von Herstellern und Handel, die im europäischen Vergleich niedrigen Renditen in Deutschland über höhere Preise zu heben. Dazu kommt die steigende Furcht von engagierten Käufern vor globalen Lebensmittelknappheiten. "Wir sollten Teil der Lösung sein, werden aber als Teil des Problems gesehen. Das ist auch unser Versagen", sagte Paul Bulcke, Chef des weltgrößten Lebensmittelherstellers Nestlé, in Köln.

In den vergangenen Monaten ist die Kritik immer lauter geworden. So unterstützt ausgerechnet das Landwirtschaftsministerium die Website Lebensmittelklarheit.de der Verbraucherzentralen, auf der Konsumenten für sie irreführende Werbung ankreiden können. Die Hersteller fürchten ein Tribunal - ähnlich wie die Aktionen der Organisation Foodwatch. Die vom ehemaligen Greenpeace-Chef Thilo Bode gegründete Gruppe greift einzelne Marken heraus, um sie anzuprangern: zu viel Fett und Zucker in der angeblich kinderfreundlichen Milchschnitte, Pilzmittel in Käserinde von Klosterkäse.

Die Tricks der Öko-Branche

Richtig beschriftet?

Die Verbraucher lassen sich immer weniger vormachen und die bösen Tricks der Lebensmittelhersteller rächen sich längst. Was drauf steht muss auch drin sein, lautet das Motto dieser Tage. Es folgen ein paar Beispiele, wo die Branche noch Luft nach oben hat.

Abwehrkraft, angeblich

„Actimel aktiviert Abwehrkräfte.“ Vebraucherschützer, etwa von Foodwatch, attackieren Werbeversprechen wie diese regelmäßig. Danone könne nicht nachweisen, dass das Produkt wirksamer sei als herkömmliche gesunde Nahrung, so der Vorwurf. Die Hersteller halten mit ihren Studien dagegen. Laut einer EU-Verordnung müssen Hersteller wissenschaftlich nachweisen, dass ihre Slogans der Realität standhalten. Das schließt viele Aussagen aus. Nur finanzstarke Hersteller können sich eigene Studien leisten. Das Ergebnis bleibt oft umstritten.

Feta-Käse, deutsch

Wo Feta-Käse draufsteht, ist ein griechisches Produkt aus Schafskäse in Salzlake drin. Das regelt eine EU-Verordnung – so wie die Biersorte Kölsch aus Köln kommen muss. Nur umgeht das die Industrie mit Tricks: Milch für Käse griechischer Art etwa kann auch aus Deutschland kommen, auch Fantasienamen wie „Hirtenkäse“ sind erlaubt. Immerhin unterbindet die EU-Verordnung Auswüchse. Ein eigenes Siegel weist die Verbraucher darauf hin, dass etwa „Toskanisches Olivenöl“ nur aus der Toskana kommen darf. Vorsicht geboten wäre bei „Olivenöl toskanischer Art“.


Leberkäse, leberlos

Skurril ist die Vorschrift bei Leberkäse. Nach den deutschen Vorschriften muss Leberkäse außerhalb Bayerns tatsächlich Leber enthalten – es sei denn, er ist als „bayerischer“ Leberkäse gekennzeichnet. Dann besteht er zu über 80 Prozent aus Schweinefleisch. Die restlichen Zutaten sind Wasser, manchmal Speck, Salz, Gewürze und Zusatzstoffe. Der Fall taucht bereits in dem umstrittenen Portal „Lebensmittelklarheit.de“ auf. Die Spezialisten der Verbraucherzentrale klären hier über die Lage auf. Die Herstellerfirmen sind meist weniger daran interessiert. Hier hilft nur ein Blick in die Zutatenliste.


Olive, gefärbt

Was als „Schwarze Oliven“ ausgezeichnet ist, muss nicht unbedingt von Natur her schwarz gereift sein. Auch grüne, gefärbte Oliven dürfen so verkauft werden – sofern sie denn abgepackt sind und nicht einzeln angeboten werden. Verbraucher können den Farbstoff nur in der Zutatenliste erkennen. Hier wird er als Eisen-II-Gluconat (E 579) oder Eisen-II-Lactat (E 585) angegeben – teilweise als „Stabilisator“ verbrämt.
Die Verbraucherzentrale weist darauf hin, dass das erlaubt ist – aber bei redlichen Anbietern nicht vorkommen sollte.


Die heftige Kritik führt inzwischen in der Branche zu einem Umdenken. Bislang hatte die Branche bei neuen Kennzeichnungspflichten gebremst - etwa bei den Initiativen von Verbraucherschützern, Produkte mit viel Zucker und Fett mit einer roten Ampel zu kennzeichnen. Das könnte sich ändern. Schließlich heißt es selbst beim Branchenverband BVE, die neueste, eigene GfK-Studie zum Verbrauchervertrauen sei "besorgniserregend". Ende des Jahres wollen mehrere Verbände zusammen eine Informationsoffensive starten - wahrscheinlich zur Verbrauchermesse Grüne Woche in Berlin.

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