Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.04.2017

15:08 Uhr

Linde-Aufsichtsratschef

IG Metall stellt Reitzle in Frage

Die IG Metall kritisiert eine Ankündigung des Linde-Aufsichtsratschef Reitzle. Er würde die Praxair-Fusion gegen den Widerstand der Arbeitnehmervertreter durchsetzen. Nicht nur die Gewerkschaft äußert Bedenken.

Die Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair stehen in der Kritik. dpa

Wolfgang Reitzle

Die Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair stehen in der Kritik.

MünchenDie IG Metall Bayern hat Wolfgang Reitzle als Aufsichtsratschef des Gasekonzerns Linde in Frage gestellt. Reitzles Ankündigung, die Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair gegen den Widerstand der Linde-Arbeitnehmervertreter durchzusetzen, „ist sehr befremdlich und besorgniserregend“, sagte Landesbezirkschef Jürgen Wechsler am Donnerstag in München. „Mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, ist das Gegenteil von Mitbestimmung. Das sollte Herr Reitzle wissen. Wenn er dazu nicht in der Lage ist, stellt sich die Frage, ob er der Richtige für Linde ist.“

Die Erfahrung mit fehlgeschlagenen internationalen Zusammenschlüssen beweise, dass die Beschäftigten bei einer Fusion von kulturell sehr unterschiedlichen Unternehmen voll mitziehen müssten. „Dies ist bei Linde nicht gegeben“, sagte Wechsler.

Ermittlungen bei Linde: Staatsanwaltschaft prüft Bafin-Bericht über Insiderhandel

Ermittlungen bei Linde

Premium Staatsanwaltschaft prüft Bafin-Bericht über Insiderhandel

In die Ermittlungen wegen Insiderhandels bei Linde kommt Bewegung. Die Bafin hat einen Sachstandsbericht an die Staatsanwaltschaft geschickt. Auch Aufsichtsratschef Reitzle dürfte von den Untersuchungen betroffen sein.

Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat hatten vergangene Woche angekündigt, geschlossen gegen die Fusion mit Praxair zu stimmen. Sie fürchten um Arbeitsplätze und die Mitbestimmung auf Konzernebene, wenn der gemeinsame Firmensitz wie geplant ins Ausland verlegt wird. Sie hoffen auf eine Spaltung der Kapitalvertreterseite angesichts des Streits. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die sehr erfahrenen und verdienten Kapitalvertreter im Aufsichtsrat in einer solchen Situation vor den Karren von Herrn Reitzle spannen lassen“, erklärte Wechsler.

Flankenschutz hatten die Gewerkschafter und Betriebsräte aus dem Bundeswirtschaftsministerium und von der bayerischen Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) erhalten. Am Donnerstag sprachen sich fünf Münchner Bundestagsabgeordnete gegen eine Verlegung aus. „Neben dem möglichen Wegfall von Arbeitsplätzen geht es auch um den Erhalt von technologischer Spitzenfähigkeit“, erklärten die CSU-Parlamentarier um Johannes Singhammer. „Im Hinblick auf die geplante Linde-Fusion mit anschließender Verlagerung des Firmensitzes stehen wir daher an der Seite der Arbeitnehmer. Ohne deren Zustimmung soll die Fusion nicht vollzogen werden.“

Probleme bei der Mega-Fusion von Linde und Praxair

Warum will der Linde-Vorstand überhaupt die Fusion?

Linde-Vorstandschef Aldo Belloni erwartet Synergien von einer Milliarde Euro jährlich. Zusammen kämen Linde und Praxair auf 28 Milliarden Euro Umsatz, wären Weltmarktführer - und im Gasegeschäft bedeutet Größe auch höhere Gewinnmargen. Die Börse reagiert positiv, die Linde-Aktie hat 17 Prozent zugelegt, die meisten Analysten unterstützen den Plan. Belloni führte außerdem die „hervorragende operative Expertise“ von Praxair-Chef Steve Angel und seines Teams an: Die US-Manager erwirtschaften höhere Profite als die Linde-Manager und sollen den neuen Konzern führen.

Wie soll der neue Konzern aussehen?

Die wichtigsten Vorstände sitzen in den USA. Die Holding wird in Dublin angesiedelt. Das spart Steuern, und die Mitbestimmung fällt weg. Reitzle soll Aufsichtsratschef werden. Die Aktie soll an den Börsen in New York und Frankfurt notiert werden.

Braucht Linde die Fusion?

„Nicht dringend“, sagt Belloni. Linde habe allein ein stabiles, wettbewerbsfähiges Geschäftsmodell und erfolgversprechende Innovationen. Der Dax-Konzern ist führend in Europa und Asien, stark im US-Medizingasegeschäft und mit seinem Anlagenbau auch breiter aufgestellt. Praxair ist führend in Nord- und Südamerika, kämpft aber mit sinkenden Umsätzen. Linde machen Umsatzeinbrüche im Anlagenbau zu schaffen, geplant ist ein Stellenabbau. Bei einer Fusion aber verspricht Linde Kündigungsschutz und Standortgarantien bis 2021.

Warum sind die Betriebsräte und Gewerkschaften trotzdem dagegen?

Sie befürchten einen massiven Stellenabbau, weil die Synergien zulasten der Linde-Beschäftigten gingen. Die Mitbestimmung fällt weg, eine neue Führungskultur halte Einzug. Der Pullacher Betriebsratschef Michael Kipp sagte, es gehe nicht „um einen Zusammenschluss unter Gleichen, sondern um eine Übernahme von Linde durch den deutlich kleineren Wettbewerber Praxair“. Der Europäische Betriebsrat von Linde befürchtet „einen Kahlschlag, der den Markenkern von Linde zerstören wird“.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigt Linde?

Weltweit sind es knapp 60.000, in Deutschland 8.000. Größter Standort ist Pullach mit 3.300 Mitarbeitern, 2.200 weitere Beschäftigte arbeiten in München und dem Vorort Unterschleißheim sowie in Augsburg, Trostberg und anderen bayerischen Standorten. In Leuna, Dresden und in Worms am Rhein arbeiten jeweils mehrere Hundert Beschäftigte.

Wo liegen die Risiken?

Wegen Kartellauflagen müssten Linde und Praxair Firmenteile verkaufen, vor allem in den USA. Das könnte Konkurrenten stärken, sagen Analysten. Kritiker verweisen auch auf das Beispiel DaimlerChrysler und andere gescheiterte Fusionen. Hier betont Belloni aber Lindes Erfahrung mit der Übernahme des großen britischen Konkurrenten BOC, wo der Unterschied in der Firmenkultur viel größer gewesen sei als bei Praxair. Vom Fusionsvertrag bis zum rechtskräftigen Abschluss gäbe es 15 Monate Schwebezustand. Offen ist, welche Folgen Reitzles Aktienkäufe haben.

Worum geht es da?

Der Aufsichtsratschef hatte zwei Monate vor Bekanntgabe der Fusionsgespräche für eine halbe Million Euro Linde-Aktien gekauft und dies auch veröffentlicht. Die Finanzmarktaufsicht Bafin sah dennoch Anhaltspunkte für ein mögliches Insidergeschäft, die Münchner Staatsanwaltschaft prüft jetzt, „ob ein Anfangsverdacht für eine Straftat besteht“. Ob ein Ermittlungsverfahren eröffnet wird und wie die strenge US-Börsenaufsicht SEC dann reagieren würde, ist offen.

Wie geht es weiter?

Die meisten Linde-Aktionäre sitzen in den USA und Großbritannien, nur acht Prozent in Deutschland. Jeder dritte Linde-Anteilseigner ist auch Praxair-Aktionär. Bei den Amerikanern entscheidet die Hauptversammlung, bei Linde der Aufsichtsrat. Reitzle will die Fusion gegen den Widerstand der Arbeitnehmervertreter bis Anfang Mai durchsetzen. Notfalls werde er von seinem doppelten Stimmrecht als Aufsichtsratschef Gebrauch machen. Die Linde- und die Praxair-Aktionäre sollen je die Hälfte an der neuen Holding halten.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Matthias Moser

06.04.2017, 17:19 Uhr

Man gewinnt den Eindruck, daß seitens Linde nur Herr Reitzle gewinnt. Letztlich schluckt praktisch Praxair Linde - jedenfalls von außen betrachtet. Das hat Linde nicht verdient. Außerdem brauchen wir deutsche global player.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×