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27.07.2017

14:43 Uhr

Linde-Fusionspartner

Praxair steigert Umsatz und Gewinn

VonAxel Höpner, Katharina Kort

Mit Praxair hat sich der Münchner Dax-Konzern Linde einen soliden Fusionspartner ausgesucht – das zeigen die aktuellen Zahlen des US-Konkurrenten. Schon bald wollen beide Seiten die Fusion endgültig besiegeln.

Praxair CEO-Angel zu Besuch bei Linde in München- Der Wunschpartner des deutschen Industriegase-Herstellers legt starke Zahlen vor. Reuters

Steve Angel

Praxair CEO-Angel zu Besuch bei Linde in München- Der Wunschpartner des deutschen Industriegase-Herstellers legt starke Zahlen vor.

München, New YorkLinde-Chef Aldo Belloni, sein Finanzvorstand Sven Schneider und die Investor-Relations-Spezialisten waren in den vergangenen Wochen unermüdlich in der Welt unterwegs. Ziel war es, die Investoren von den Vorzügen der geplanten Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair zum weltgrößten Gasekonzern zu überzeugen. Das Feedback war laut Industriekreisen positiv: „Es gibt keinen ernsthaften Gegenwind.“ Die Angebotsunterlagen sollen in diesen Tagen der Börsenaufsicht Bafin übergeben werden, das US-Pendant SEC prüft sie bereits. Die Umtauschofferte an die Linde-Aktionäre könnte dann Mitte August veröffentlicht werden.

Nun Praxair frische Zahlen vorgelegt: Sie zeigen, dass sich der Münchner Industriegase-Hersteller mit einem soliden Unternehmen zusammenschließen will. Demnach hat Praxair seinen Umsatz im zweiten Quartal gegenüber dem gleichen Zeitraum 2016 um sechs Prozent gesteigert, auf 2,83 Milliarden Dollar. Der Nettogewinn stieg fast genau so stark auf 421 Millionen Dollar.

Das Unternehmen aus Danbury, Connecticut hat vor allem in Nordamerika, Europa und Asien zulegen könne, während es in Südamerika weniger gut lief. In Hinblick auf Linde bestätigte Praxair, dass die US-Börsenaufsicht SEC die Unterlagen bereits prüft.

Die weltweit größten Industriegasekonzerne

Air Liquide

Die Franzosen wurden mit dem Kauf des US-Konkurrenten Airgas zuletzt wieder zum größten Industriegaseunternehmen der Welt.

Umsatz: 21,2 Milliarden Euro

Gewinn: 1,8 Milliarden Euro (ohne Airgas)

Marktpräsenz: 80 Länder

Mitarbeiter: 68.000

Hauptsitz: Paris

Linde

Umsatz: 18 Milliarden Euro

Gewinn: 1,15 Milliarden Euro

Marktpräsenz: 100 Länder

Mitarbeiter: 64.500

Hauptsitz: München

Praxair

Umsatz: 10,8 Milliarden Dollar (9,6 Milliarden Euro)

Gewinn: 1,68 Milliarden Dollar (1,5 Milliarden Euro)

Marktpräsenz: 50 Länder

Mitarbeiter: 26.000

Hauptsitz: Danbury, Connecticut

Air Products

Umsatz: 9,9 Milliarden Dollar (8,8 Milliarden Euro)

Gewinn: 1,43 Milliarden Dollar (1,3 Milliarden Euro)

Marktpräsenz: 50 Länder

Mitarbeiter. 19.000

Hauptsitz: Allentown, Pennsylvania

Nach Einschätzung in Branchenkreisen sind auch bei den Zahlen von Linde, die am Freitag veröffentlicht werden, keine negativen Überraschungen zu erwarten. Beide Unternehmen spüren an den Märkten durchaus Gegenwind, doch laufen die Geschäfte stabil.

Obwohl beide Unternehmen gut dastehen ist kaum eine Großfusion in Deutschland so umstritten wie der 60-Milliarden-Euro-Zusammenschluss von Linde und Praxair. Die Arbeitnehmer vor allem in Deutschland liefen Sturm gegen das Projekt. Doch seit der Abstimmung im Linde-Aufsichtsrat hat sich die Situation deutlich befriedet. Anfang Juni gab das Kontrollgremium grünes Licht. Der Dresdner Betriebsratschef Frank Sonntag enthielt sich – sein Standort wäre sonst von einer Schließung bedroht gewesen. So blieb es Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle erspart, sein Doppelstimmrecht einzusetzen, um die Fusion durchzudrücken.

Dennoch gibt es weiter Skeptiker im Unternehmen. „Die nächsten Monate werden zeigen, ob sich die Befürchtungen bewahrheiten“, sagt einer von ihnen. Die Gegner des Projekts fürchten, dass die Amerikaner durchregieren. Praxair-Chef Steve Angel soll den neuen Konzern aus den USA heraus führen. Auch deswegen gibt es Befürchtungen, dass die von den Verantwortlichen beschworenen Synergien von gut einer Milliarde Euro vor allem in Europa Arbeitsplätze kosten.

Linde-Praxair: Die Megafusion kommt voran

Linde-Praxair

Premium Die Megafusion kommt voran

Endlich läuft die lange umkämpfte Fusion von Linde und Praxair nach Plan: Im August dürfte das Angebot für den geplanten Zusammenschluss offiziell vorliegen. Doch vorher müssen noch die Aktionäre zustimmen.

Manche Skeptiker aber haben inzwischen den Konzern verlassen. Sie nutzen die Abfindungen im Rahmen des Sparprogramms Lift. Die Effizienzverbesserungen zeigen langsam auch in den Linde-Zahlen Wirkung. Allerdings drücken im Gegenzug erste Kosten im Zusammenhang mit der Fusion das Ergebnis im zweiten Quartal.

Wenn das Angebot voraussichtlich Mitte August veröffentlicht ist, haben die Linde-Aktionäre zehn Wochen Zeit, zu entscheiden, ob sie ihre Anteilsscheine in Aktien der neuen Holding tauschen. Die Fusion kommt nur zustande, wenn 75 Prozent der Aktien getauscht werden. „Das wird kein Sonntagsspaziergang“, sagt ein Insider. Doch gebe es wenig Zweifel, dass gerade die institutionellen Investoren tauschen.

Probleme bei der Mega-Fusion von Linde und Praxair

Warum will der Linde-Vorstand überhaupt die Fusion?

Linde-Vorstandschef Aldo Belloni erwartet Synergien von einer Milliarde Euro jährlich. Zusammen kämen Linde und Praxair auf 28 Milliarden Euro Umsatz, wären Weltmarktführer - und im Gasegeschäft bedeutet Größe auch höhere Gewinnmargen. Die Börse reagiert positiv, die Linde-Aktie hat 17 Prozent zugelegt, die meisten Analysten unterstützen den Plan. Belloni führte außerdem die „hervorragende operative Expertise“ von Praxair-Chef Steve Angel und seines Teams an: Die US-Manager erwirtschaften höhere Profite als die Linde-Manager und sollen den neuen Konzern führen.

Wie soll der neue Konzern aussehen?

Die wichtigsten Vorstände sitzen in den USA. Die Holding wird in Dublin angesiedelt. Das spart Steuern, und die Mitbestimmung fällt weg. Reitzle soll Aufsichtsratschef werden. Die Aktie soll an den Börsen in New York und Frankfurt notiert werden.

Braucht Linde die Fusion?

„Nicht dringend“, sagt Belloni. Linde habe allein ein stabiles, wettbewerbsfähiges Geschäftsmodell und erfolgversprechende Innovationen. Der Dax-Konzern ist führend in Europa und Asien, stark im US-Medizingasegeschäft und mit seinem Anlagenbau auch breiter aufgestellt. Praxair ist führend in Nord- und Südamerika, kämpft aber mit sinkenden Umsätzen. Linde machen Umsatzeinbrüche im Anlagenbau zu schaffen, geplant ist ein Stellenabbau. Bei einer Fusion aber verspricht Linde Kündigungsschutz und Standortgarantien bis 2021.

Warum sind die Betriebsräte und Gewerkschaften trotzdem dagegen?

Sie befürchten einen massiven Stellenabbau, weil die Synergien zulasten der Linde-Beschäftigten gingen. Die Mitbestimmung fällt weg, eine neue Führungskultur halte Einzug. Der Pullacher Betriebsratschef Michael Kipp sagte, es gehe nicht „um einen Zusammenschluss unter Gleichen, sondern um eine Übernahme von Linde durch den deutlich kleineren Wettbewerber Praxair“. Der Europäische Betriebsrat von Linde befürchtet „einen Kahlschlag, der den Markenkern von Linde zerstören wird“.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigt Linde?

Weltweit sind es knapp 60.000, in Deutschland 8.000. Größter Standort ist Pullach mit 3.300 Mitarbeitern, 2.200 weitere Beschäftigte arbeiten in München und dem Vorort Unterschleißheim sowie in Augsburg, Trostberg und anderen bayerischen Standorten. In Leuna, Dresden und in Worms am Rhein arbeiten jeweils mehrere Hundert Beschäftigte.

Wo liegen die Risiken?

Wegen Kartellauflagen müssten Linde und Praxair Firmenteile verkaufen, vor allem in den USA. Das könnte Konkurrenten stärken, sagen Analysten. Kritiker verweisen auch auf das Beispiel DaimlerChrysler und andere gescheiterte Fusionen. Hier betont Belloni aber Lindes Erfahrung mit der Übernahme des großen britischen Konkurrenten BOC, wo der Unterschied in der Firmenkultur viel größer gewesen sei als bei Praxair. Vom Fusionsvertrag bis zum rechtskräftigen Abschluss gäbe es 15 Monate Schwebezustand. Offen ist, welche Folgen Reitzles Aktienkäufe haben.

Worum geht es da?

Der Aufsichtsratschef hatte zwei Monate vor Bekanntgabe der Fusionsgespräche für eine halbe Million Euro Linde-Aktien gekauft und dies auch veröffentlicht. Die Finanzmarktaufsicht Bafin sah dennoch Anhaltspunkte für ein mögliches Insidergeschäft, die Münchner Staatsanwaltschaft prüft jetzt, „ob ein Anfangsverdacht für eine Straftat besteht“. Ob ein Ermittlungsverfahren eröffnet wird und wie die strenge US-Börsenaufsicht SEC dann reagieren würde, ist offen.

Wie geht es weiter?

Die meisten Linde-Aktionäre sitzen in den USA und Großbritannien, nur acht Prozent in Deutschland. Jeder dritte Linde-Anteilseigner ist auch Praxair-Aktionär. Bei den Amerikanern entscheidet die Hauptversammlung, bei Linde der Aufsichtsrat. Reitzle will die Fusion gegen den Widerstand der Arbeitnehmervertreter bis Anfang Mai durchsetzen. Notfalls werde er von seinem doppelten Stimmrecht als Aufsichtsratschef Gebrauch machen. Die Linde- und die Praxair-Aktionäre sollen je die Hälfte an der neuen Holding halten.

Private Kleinanleger neigen manchmal zur Passivität, daher ist bei ihnen die Umtauschwilligkeit nur schwer abzuschätzen. Wer das Angebot nicht annimmt, behält die Aktien der weiterhin börsennotierten Linde AG..

Diese wird künftig aber nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Entscheidend wird die neue Holding sein. Die Hülle in Dublin, die dafür vorgehalten wurde, wurde laut Industriekreisen gerade per Handelsregistereintragung in Linde plc umbenannt. Denn die deutsche Seite wird zwar an Einfluss verlieren. Der neue Großkonzern wird aber den Traditionsnamen Linde tragen

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